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Unrund

Ich liebe Fußball. Ich liebe dieses Weblog. Und jetzt bin ich aufgeregt, mir ist warm, ich hab Puls. Und Lust, wieder häufiger Liebesbriefe zu schreiben. Lange, kurze, kryptische, kitschige, unrunde.

Unrund ist wieder da. Geh rüber und verliebe dich.

Veröffentlicht von: Harald Müller | Unterhaltung: Kommentare deaktiviert | Kategorie: Link

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Kein Libero

Foto: Standbild aus dem Interview mit Per Mertesacker.

Ich werde aus Per Mertesacker nicht schlau. Das gefällt mir. Zwar kenne ich den Mann nicht, aber ich warte schon lange darauf, dass er wieder so gut spielt wie früher. Ich weiß nicht, welches früher das sein sollte, denn es fühlt sich an, als sei er schon immer dabei gewesen. Irgendwann muss es ein erstes Mal gegeben haben, aber ich habe den Zeitpunkt vergessen. Er müsste Mitte dreißig sein, denke ich, aber tatsächlich ist er zehn Jahre jünger, unglaublich jung. Vielleicht ist er ein Zeitreisender, vielleicht sind es aber auch Größe, Ruhe, und Verschlossenheit, die ihn so abgeklärt wirken lassen, und die ihn in mir um eine gefühlte Dekade altern lassen.

Er ist nicht so alt, wie ich dachte, und er gewiss nicht so schlecht, denn kurz vor Ablauf der Transferperiode haben in nun die Gunners verpflichtet, Arsène Wenger will ihn haben. Für Mertesacker waren es aufregende letzte Tage, all das spielte sich wie im Zeitraffer ab: am Dienstag erst die medizinische Untersuchung, jetzt die Verpflichtung, morgen ein Länderspiel, er hat das im »im Sprint-Tempo abgearbeitet«, und vielleicht für einen Moment seine Zurückhaltung schlicht vergessen. In der Pressekonferenz erzählt er von früher, und dass er schon lange ein Arsenal-Fan ist, und man ist ein bisschen verdutzt, mit einem Mal verliert sich jede Zeitlosigkeit und man stellt sich vor, wie der junge Per Mertesacker sich einen Verein aussucht, dort drüben bei der Tante in in England, »weil man ja mit einem Trikot zurückkommen muss«, und wie ihn dieser Verein nie mehr verlässt.

Der Mann aus Pattensen, ich würde gerne noch einen Satz so beginnen, aber der Mann aus Pattensen lässt nichts folgen. Ich sehe ihn vor mir mit seinen beinahe zwei Metern und erinnere Szenen, in denen er auf Reporter und andere hinunterschaut, hinunter nicht herab, er steht eben da und schaut und er sagt einfache Dinge, ansonsten sagt er nichts. Vielleicht ist es ja gut so, dass auf dem Mann aus Pattensen nichts folgen kann, wen geht das Andere schon etwas an. Es war etwas Besonderes, dass er heute ein wenig mehr erzählte.

»Ist es nicht ein seltsames Gefühl, so hin- und hergeschoben zu werden zwischen den Vereinen?«, wird er später gefragt. Mertesacker lächelt, ein Lächeln, bei dem man nie weiß, ob es ein tatsächliches Lächeln ist, und wo er selbst sich gerade befinden mag, und dann sagt er, dass dies eine sehr schöne Frage sei. Eine Antwort darauf gibt er nicht.

Nachtrag vom 2.9.2011: Trainer Baade hat sich jemanden geschnappt, der viel besser Bescheid weiß, er hat mit Tobias Singer über Mertesacker gesprochen.

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Kahn ordnet Lahm

Wenn die Karriere eines Sportlers endet, fällt er in ein Loch, ist es eine solch große Karriere wie die des Oliver Kahn, dann ist die Fallhöhe besonders groß: Noch ist der Mann auf seinem Weg zum Grund, er hat den Boden nicht gefunden, auf dem er künftig stehen möchte. Konnte man die frühen Gerüchte, dass er sich als Manager versuchen wolle, noch einem nachvollziehbaren Aktionismus zuschreiben, die immense Wucht der Leere aufzufangen, irgendwie dableiben, so merkte man den weiteren Versuchen an, dass er sich zunehmend auf jene Kernkompetenzen besann, die er in sich selbst verortete, Fußball und Motivation.

Das war nicht immer frei von Komik: Ihn als den Helden einer chinesischen Fernsehshow zu sehen, China sucht den Supertorwart, ist schon amüsant. Aber die Suche nach einem schlüssigen Weg gelingt selten ohne Umweg, Kahn weiß um die Vorteile seiner Prominenz und er nimmt in Kauf, dass auch ein Fehltritt nicht unbemerkt bleibt. Sicher kommt ihm seine Erfahrung zu Gute, als Torwart ist er gewohnt, dass jede seiner Bewegungen beobachtet und von besonderer Wichtigkeit ist, es scheint ihm nichts auszumachen.

Mittlerweile hat er einige Bücher geschrieben, seine letzte Publikation »Du packst es!« versammelt Konzepte und Hilfestellungen für Kinder, es schließt an eine Aktion an, an der auch er beteiligt war. Jetzt hat er darüber hinaus eine Stiftung gegründet, auch diese mit dem Ziel, »junge Menschen stark zu machen«. Die Konsequenz wird sichtbar, mit der sich Kahn an selbstgestellte Aufgaben macht: Die Tour, das Buch, die Stiftung; Halbherzigkeit kann man ihm nicht vorwerfen.

Im Gegenteil, er geht mit aller Kraft zu Werke. Schön ist das nicht immer, die Vehemenz ermüdend, mit der sein Internetprojekt fanorakel promoted, kein Kahn ohne Orakel, kein medialer Auftritt, in dem er nicht einen Verweis unterbringt. Die Freizügigkeit, mit der er das auch in seiner Funktion als Fußballexperte des ZDF tut, für das ZDF und gemeinsam mit dem ZDF, die macht staunen. Allerdings erst im Nachhang, denn zu Beginn dieses Projektes konnte man als unbefangener Betrachter davon ausgehen, das fanorakel wäre eine Aktion des ZDF selbst, nicht aber das Projekt einer externen GmbH, an der Oliver Kahn selbst beteiligt zu sein scheint. Ein fader Nachgeschmack bleibt, ist aber eher dem ZDF als Kahn anzulasten. Der Mann tut, was er kann, die Grenzen setzen dann andere. Oder eben nicht.

Manchmal frage ich mich, wie es wohl sein mag, Oliver Kahn zu sein, eine Idee davon gibt er selbst. Kahn schreibt für Eurosport, in seinem aktuellen Text versucht er, seinen ehemaligen Philipp Lahm zu analysieren. Lahms Buch »Der feine Unterschied« hatte durch den Inhalt der vorab veröffentlichten Auszüge für Aufregung gesorgt, die große Familie Fußball witterte Verrat. Oliver Kahn geht auf eine kurze und knackige Suche nach der Motivation, eins-zwei-oder-drei, Ordnen und Sortieren, Kahn tippt auf Punkt vier seiner Liste: Lahm gehe es um den »Analyse- und Wahrheitsaspekt«. Zack. Anderer Meinung? Auf fanorakel befindet sich eine Umfrage, welches dieser vier Motive den Ausschlag gegeben haben könnte.

»Weiter, immer weiter«, heißt es auf seiner Homepage, ein Stein nach dem anderen. Oliver Kahn baut an seinem neuen Leben.

Foto: Copyright © 2011 freitagsspiel (Oliver Kahn aus Legosteinen gebaut, Legoland Günzburg).

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Willi wills wissen

Claudio Pizarro zeigt das unbefangenste Lächeln der Liga, Werder Bremen schließt sich an, es ist die berechtigte Freude über einen frischen dritten Platz in der noch jungen Tabelle. Das ist erstaunlich, denn in den Wochen vor der Saison hatte man zunehmend den Eindruck bekommen, die Mannschaft werde ab dem ersten Spieltag gegen den Abstieg spielen, der Verein stünde vor einem gefühlten Konkurs und die bisher so gemütliche Runde wichtiger Männer hätte den Fight Club zum Clubheim gemacht: Schaaf und Allofs und Lemke mit- oder gegeneinander, die Aufgabe der stoischen Contenance letzer Jahre ließ ein Drama erahnen.

Besonders Willi Lemke schien Bremsklotz für vermeintlich notwendige Veränderungen und wurde in Medien und Öffentlichkeit abgestraft. Wie auch immer die tatsächlichen Fakten aussehen mögen – wer wissen will, was Willi wirklich will, der erfährt im Interview auf BR-alpha ein bisschen mehr.

Ich kann mich noch heute an die Situation erinnern, als ich auf Rune Bratseth sauer war, der uns zu einem Europapokalspiel in Mailand nicht begleitet hat, weil seine Frau ein Baby bekommen hat. Das fanden wir damals völlig unmöglich. […] Heute sage ich, dass er mit 27 Jahren wesentlich reifer war, als ich damals mit 40 oder 45.

Willi Lemke ist Aufsichtsratschef bei Werder Bremen, und er ist als Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden für den Generalsekretär der Vereinten Nationen tätig, das Gespräch spannt entsprechend weite Bögen, Fußball ist nicht alles. Leider ist die Sendung vom 19. des Monats nicht in der Mediathek auffindbar, aber das komplette Interview wird als PDF-Datei angeboten.

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Persönlichkeitstest
Leverkusen vs. Dortmund (0:0)

Mario Götze ist eigentlich ein netter Mensch. Das ist schön, aber es spielt keine Rolle. Es spielt auch keine Rolle, ob sein Arm den Gegenspieler erreichte, oder sein Tritt, oder seine Spucke, denn schon der Versuch einer Tätlichkeit ist strafbar. Und dass es in einem Moment, wo der Schiedsrichter einen solchen Versuch zu erkennen meint, eben auch keine Rolle spielt, dass Mario Götze eigentlich »so ziemlich der Letzte ist, der eine Tätlichkeit begehen würde,« das ist gut so, und richtig.

Es ist jene Szene in der 77. Minute, als Mario Götze trotz all seiner Nettigkeit vom Platz gestellt wird, die Jürgen Klopp besonders erbost: »Ich finde, man darf die Persönlichkeit eines Spieler durchaus ein bisschen mitbewerten«, und bei aller verständlichen Nachspielaufregung ist es das vielleicht Unreflektierteste, was Klopp jemals gefordert hat. Zwar ist offensichtlich, dass das Image eines Spielers schon immer auch bei Entscheidungen eine Rolle spielte – manch ein Foul gegen Marko Marin wird sicher auch deshalb nicht gepfiffen, weil er gerne fällt, manch ein Foul gegen Maik Franz vielleicht deshalb nicht, weil er selbst ein harter Hund ist –, davon kann sich niemand vollkommen frei machen, auch Schiedsrichter sind Menschen mit Meinung und die vermutete Persönlickeit von Spielern wird zwangsläufig ihre Urteilskraft beeinflussen. Aber sie sollten alles tun, das bestmöglich zu unterdrücken, denn wenn das Vorurteil als menschliche Eigenschaft schon nicht vermeidbar ist, so darf es doch niemals zum Entscheidungs-Prinzip erhoben werden: Für Schiedsrichter muss das Motto sein, dass die Tat beurteilt wird, und nicht der Täter. Alles Andere wäre das Ende jeden Spiels und jeder Gesellschaft.

»Hören Sie mir doch zu, verdammte Scheiße!«, und der Reporter hört zu, er bleibt ruhig während Klopp sich echauffiert, Dutt steht daneben und lächelt wie ein kleiner Bruder, er scheint froh, dass diesmal nicht er zur Debatte steht. In der Nachspielzeit vor dem Mikrophon hat Klopp aus einem unentschiedenen Spiel eine kommunikative Niederlage gemacht. Dass er eigentlich ein Kommunikations-Profi ist, spielt für diesen Moment keine Rolle.

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Fanprojekt Hoffenheim

Screenshot aus dem Musikvideo »Wohin mit dem Hass« von Jochen Distelmeyer, Copyright © 2009 Matthias Freier

Die Töne waren laut, der Tonfall wird lauter, wie auch immer die Affäre um die Fanbeschallung in Hoffenheim ausgehen mag – in mir wird das Staunen bleiben über den Hass in all dem, ich komme zu keinem Schluss. Also fange ich an.

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Assist

Dieser Schuss mit dem Springer-Stiefel ging an den Pfosten, Nadine Angerer hat Glück gehabt. Sie hatte der Bild am Sonntag ein Interview gegeben, wie genau das ausgesehen hat, kann ich nicht sagen, ich kaufe die Bild auch nicht sonntags, aber die relevanten Zitate haben die Verwertungskette erreicht, fein justiert nach Zielgruppe und Marke: War bei Berliner Morgenpost und Welt noch von einer »Mitschuld der Fans am WM-Aus« zu lesen, fokussierte die Bild als SMS der Meinungsmache die Botschaft auf ihren wirksamen Kern, hier sind die Fans endlich »Schuld«.

Im ursprünglichen Interview war Nadine Angerer gefragt worden, was die Gründe für das Scheitern gewesen seinen, ihre Antwort dient nun als Fundament dieser Meldungen:

Ich denke, es gibt viele Faktoren, die dazu beigetragen haben. Ein Faktor waren die tollen Fans. […] Es waren so wahnsinnig viele Zuschauer im Stadion, dass wir alle etwas Besonderes bieten wollten, aus Dankbarkeit für die Unterstützung.

Es ist müßig, in den Synonymen für »Faktor« nach »Schuld« zu suchen, nicht einmal »selber Schuld« ist dort zu finden, und ebenfalls müßig scheint längst, eine solche Vorlage als unzureichend zu bemängeln, einen guten Grund muss es in manchen Regionen der Nachrichtenwelt gar nicht geben. Im ersten Moment dachte ich an eine Freud’sche Relativierung der Bild-Redaktion, »Schuld« wird in der Schlagzeile kleingeschrieben, aber es ist das Einzige, was tatsächlich korrekt ist.

Nadine Angerer kann froh sein, dass die aktuelle Fußballnachrichtenlage ihr Zwischenspiel schnell vergessen lässt und darüber, dass das Netz kaum reagierte. Zumindest als Assist hätte sie sich ihre Aussagen anrechnen lassen müssen, wenn es zum Abschluss gekommen wäre. Sie sollte es als einen Warnschuss sehen für das Spiel mit dem Feuer: »Sowas wollen Machos nicht hören«.

Veröffentlicht von: Harald Müller | Unterhaltung: Kommentare deaktiviert | Kategorie: Text

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