Permalink

Ein Heldentod

Michael Ballack hat aufgegeben, verdenken kann man es ihm nicht. Kaum jemand hat so viel Pech gehabt wie er, kaum jemand war so häufig zur Unzeit verletzt, hat große Ereignisse und Erfolge aus den unterschiedlichsten Gründen verpasst, kaum jemand war so sehr in Tragik gefangen. All seine Erfolge und Leistungen drohen in einem monochromen Bild unterzugehen, am Ende seiner Karriere hat er es nicht mehr selbst in der Hand, die Art und Weise des Finales zu bestimmten.

Die Nationalmannschaft ist für ihn abgeschlossen. Vielleicht war schon jene Ohrfeige* von Lukas Podolski die erste einer Folge von Respektlosigkeiten, die sich jene erlauben, die instinktiv eine Schwäche des Stärkeren spüren, sie sollte sich fortsetzen. Lahm wurde durch eine Verletzung Ballacks übergangsweise Kapitän und wollte das Amt fortan gleich ganz behalten, Bundestrainer Löw vermied klare Aussagen zu einer geplanten Rückkehr. Auch im Verein, nach Jahren bei Chelsea nun Leverkusen, läuft es für ihn nicht nicht gut, hier hat er gar nicht erst zu einer Position der Stärke finden können. Er ist normaler Teil der Werkself, oft genug auch nur des erweiterten Kreises und auf der Bank.

Alles ist anders, und all jene haben das ihre dazu getan. Die Boatengs, Podolskis und Lahms, die Heynckes, Dutts und Löws, sie waren Mit- und Gegenspieler im Ringen um Positionen, das muss Kraft gekostet haben und vielleicht mehr, als ein normaler Mensch haben kann. Aber Ballack ist nicht normal, er gehörte immer zu den Stärksten, und überall, und so war es ein besonders langer und bitterer Kampf, bis er seine Anstrengungen, das Unausweichliche zu vermeiden, schließlich doch einstellen musste. Gegen all jene und das Leben wären selbst Helden überfordert, Ballack war ein Held, und es hat diese Konstellationen gebraucht, ihn zu Fall zu bringen.

Michael Ballack hat aufgegeben, er hat aufgegeben ein Held zu sein. Sich selbst hat er dabei gewonnen. Er hat das Bild der Anderen und das Selbstbildnis als Held hinter sich gelassen. Alles Hadern und Grollen scheint mit einem Mal weg, als habe er sich mit einer ganz neuen Position im Leben arrangiert. Das merkt man, wenn man ihm zuhört, in den Interviews vor und nach dem Spiel gegen Chelsea. Welch ein Glück, dass er diese eine Chance des Spiels nicht verwandelt hat! Wer weiß, vielleicht wäre es zu einem Aufbäumen jenes Heldenbildes gekommen, das ihm das Leben zuletzt so schwer gemacht hatte. Aber er hat diese Chance nicht verwandelt, und eine viel größere dadurch gewahrt. Auf eine neue, sehr offene und authentische Weise redet er von sich und dem Spiel, und dass all das sehr emotional war, und ihm noch länger im Kopf herumgehen wird. Der Mann ist entspannt, endlich, er hat sich befreit von einem Bild, dass ihm nicht mehr entspricht, und das ganz sicher in dieser überzogenen Form sowieso niemandem entsprechen kann.

Im Grunde könnte Ballack dankbar für all das sein und jenen, denn er scheint schon jetzt einen Prozess der Wandlung in seiner Haltung abgeschlossen zu haben, den manch ein Aktiver erst nach seiner Laufbahn durchlebt, mancher vielleicht niemals erfolgreich. Ballack schon, und ich glaube, in dieser neuen Freiheit wird er sich wohl fühlen. Ganz gleich, ob und wie lange er aktiv sein wird, ob auf dem Platz oder daneben: Er wird Spaß daran haben. Das gönne ich ihm sehr. Und den anderen.

*) Die Ohrfeige von Podolski wurde vielfach kommentiert, unter anderem auch von Felix Magath, der ein heimlicher Fan der Ärzte zu sein scheint.

Permalink

f/2,8

Foto: Copyright © 2011 by Sandra Drljaca | Zusammenstellung ausgewählter Fotos auf Flickr.

»Wir wollen keine … Piepmatz-Schweine«, verhörte sich der Sohn, die Lautstärke machte ihm Spaß und das Wilde, ich trank ein Bier. Später wunderte er sich darüber, dass alle immer nur brüllend auf dem Gegner rumhackten, es kam ihm seltsam vor und viel logischer sei doch, die eigene Mannschaft anzufeuern, warum ist das so, Papa? Aber auch Papa weiß es nicht so genau, hat sicher etwas mit Beziehungen zu tun, und es ist kompliziert.

Das letzte Spiel, das ich live gesehen habe, fand in einem kleinen Stadion statt, die Blauen gegen die Roten im Lokalderby, ein aufregender Tag für Würzburg. Zumindest für die Nachbarn. Die klebten sich Zettel gegenseitig an die Türe, höhnische Botschaften, dann gingen wir gemeinsam los und schauten das Spiel. Ich glaube, die Blauen haben gewonnen, aber ich erinnere es nicht mehr genau, kein schlechtes Spiel, manchmal habe ich geklatscht. Fürs Singen fehlt mir das Herz.

Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre, mit Herz und Gesang und für den einen Club, und vielleicht ist es das, was mich so sehr fasziniert an den Bildern von Sandra, Fans und Fahnen und all das zum ersten Mal auch für mich ein wenig näher, ich kann die Gefühle sehen. Sandra ist mitten drin. Sie macht Fotos von dem, was sie sieht und von dem, was sie mag, ihr Herz schlägt für die Fortuna. Das ist aufregend, schon in der Betrachtung bin ich eingeschüchtert, es ist eine vollkommen andere Welt. Sandra macht Tae-Kwon-Do, Schwarzgurt und dritter Dan, aber das ist nicht der Grund, warum sie keine Berührungsängste hat, sie ist schlicht akklimatisiert in dieser Welt, seit langen Jahren, die Support-Area ist ihr nicht fremd, eher Zuhause.

Schon ihr Vater war Fan, sagt sie, und sofort muss ich an Rainer denken, auch der erzählte von seinem Vater, Väter tragen die Liebe weiter. Und ich muss an meinen Sohn denken, und die Piepmatz-Schweine, und dass er es nicht so gut haben wird: Ich kann ihm nichts mitgeben, zumindest keinen Verein. Er wird seine eigene Liebe entdecken müssen.

Das Foto oben ist von Sandra, mehr sind bei Flickr zu sehen.

Permalink

Kein Text über Oenning
Werder Bremen vs. Hamburger SV (2:0)

Oenning schaut mich an, einen solch traurigen Blick habe ich niemals zuvor bei einem Trainer gesehen. Ich weiß nicht, ob ich wegsehen soll, oder ob ich mich der Faszination beuge. Da zeigt sich jemand für einen Moment offen, dem bewusst sein muss, in welch exponierter Lage er sich befindet, dieser Blick trägt die Schwere der Situation, und leichter wird es an diesem Tag nicht mehr, der HSV wird erneut verlieren, gegen Werder Bremen. Ein Punkt aus fünf Spielen, das ist eine Hausnummer, und sie ist niedrig.

Schon die Pressekonferenz vor dem Spiel war mir seltsam vorgekommen. Zwar hatte ich Oenning zuvor selten gesehen und noch kein Gefühl für die Art seines Wesens, meine Eindrücke noch ganz ohne Eichung, aber auch so erstaunte mich der Widerspruch zwischen der ruhigen Stimme, den geordneten Inhalten, und der erkennbaren Abwesenheit, der Mann schaute ins nichts und nur selten zurück. Ich nahm mir vor, das zu beobachten, und ihn, vielleicht gäbe es etwas zu erzählen.

Jetzt also das Spiel und der Blick und eine körperlich spürbare Verzweiflung, sie kriecht durch den Fernseher und mir vor die Füße, in Gedanken gehe ich schon einmal durch, was ich über Hamburg weiß: Umbruch, Sportdirektor, Verkäufe und Käufe, irgendwie Netzer einbauen, das Trainerdutzend zuvor, ich werde Links suchen müssen zu all dem und dahinter. Ich denke darüber nach, wie das für einen Spieler sein muss, einem solchen Trainer zu begegnen, fachlich eine Spitzenkraft aber pure Rationalität, kann man das Gefühl denn erkennen in aller Vernunft, ist denn Fußball überhaupt logisch genug, damit so etwas geht? Ich spüre die Inhalte nicht, nicht das Müssen, nicht das Können, nicht das Wollen, und vor allem nicht dieses »Selbstbewusstsein, dass aus der momentanen Situation entsteht«. Ich denke darüber nach, ob denn die Spieler es spüren können statt meiner, auf dem Rasen und neben dem traurigen Blick von der Seitenlinie, und ich denke darüber nach, wie schwer das für einen Präsidenten wohl sein mag, zu erkennen, ob ein Trainer neben all der artikulierten Selbstverständlichkeit auch selbst daran glaubt, dass all das zu schaffen ist. Hamburg hat nicht schlecht gespielt, es ist eine Aufwärtstendenz zu erkennen, nicht schlecht, aber ängstlich, vielleicht konsequent nach all diesen Toren der letzten Zeit, da wäre eine Null ja schon was, auf jeden Fall besser als die Eiszeit darunter … So denke ich also herum und darüber nach, wie ich einen Text aufbauen könnte über solch einen einzigen Blick, und ich denke darüber nach, dass das ja selbst für meine Verhältnisse arg substanzlos ist. Pizarro, Pizarro, Wiese und Schlußpfiff und dann jene Szene nach Ende des Spiels, als Thomas Schaaf sich zu seinem Kollegen gesellt. Ich schaue den beiden zu, und während ich zuschaue, verschwindet mein Text in Bedeutungslosigkeit.

Die beiden reden miteinander, kein Wort ist zu hören aber das braucht es auch nicht: Man kann die Zuneigung sehen, mit der sich Schaaf um den Trainer des Gegners kümmert. Oenning hat den Kopf gesenkt, es geht ihm nicht gut, er findet ungefragt Trost bei einem Menschen, der bis vor wenigen Minuten noch sein direkter Kontrahent war. Ein Mensch redet mit einem anderen, das scheint nichts Besonderes und doch macht es mich sprachlos, das Spiel, das Derby, der Fußball, all das verschwindet in einem unerwarteten Moment der Menschlichkeit. Es ist vollkommen richtig, was da passiert, das spüre ich sofort, und bin sofort auch erschrocken über mich selbst und die Gnadenlosigkeit, mit der ich über einen Text über einen Menschen nachdenke, den ich nicht kenne, und auf Grund eines einzigen Blickes.

Der Schaaf, der ist bestimmt ein guter Trainer. Ich jedenfalls könnte eine Menge von ihm lernen.

Permalink

Schwulzeugnis

Ich kaufte Zigaretten in dem kleinen Laden, Lotto spielte ich nicht. Dann schaute ich mir die kleine Auswahl von Zeitschriften und Magazinen an, ein Titel fiel mir sofort ins Auge. Er war überraschend sauber gestaltet, außergewöhnlich modern in diesem Umfeld an billigen Frauenzeitschriften, Nachrichtenblättern und Hobbymagazinen, ich war verdutzt, Philipp Lahm auf dem Titel zu sehen. »Front« war ein Magazin, das sich auf dezente Weise an eine schwule Klientel richtete, ich bemerkte das nicht sofort. Das Blatt gibt es schon lange nicht mehr, Philipp Lahm ist noch da.

Matthias Puppe ist sauer auf ihn, Rotebrauseblogger relativiert, beide schreiben mitten hinein in schwule Gedanken der letzten Tage. Ich hatte einige Zitate aus Lahms Buch gelesen und mich gewundert, es kam mir seltsam vor, dass er darüber schreibt, nicht homosexuell zu sein. Für das damalig mutige Interview in der »Front« war er noch gelobt worden, all das wirkte entspannt und auf angenehme Weise normal, jetzt diese Stellungnahme zu einem der verbliebenen Fußball-Tabus, »ich bin nicht schwul.«

»Und das ist auch gut so« hat er sich verkniffen, aber gerade durch das explizite Dementi klingt es mit. Mir scheint das zutiefst anachronistisch, denn wenn es doch egal ist, welche sexuelle Vorlieben ein Mensch hat, wenn es keine Rolle spielen sollte in der Welt und den Stadien, warum sieht sich dann Philipp Lahm als ein Prototyp des modern denkenden Profifußballers dazu veranlasst, zu betonen, was er ist, und was eben nicht?

Damit hat er der Normalisierung eines schwierigen Themas einen Bärendienst erwiesen, dieses Dementi ist auch Demontage. Es wäre sehr viel souveräner gewesen, keine offene oder verborgene Unterstellung zu kommentieren, das Thema in der Schwebe zu halten, gerade im Wissen um sein Standing in der Öffentlichkeit, schwul oder nicht wäre vor allem: egal. Erst seine Betonung des Umstands, dass er heterosexuell ist, impliziert Relevanz, und im Grunde hebt das erst recht jene aus einer Normalität der Egalität heraus, die es nicht sind.

Permalink

Machtmensch Lahm

Zuerst dachte ich, dieser flotte Dreier zwischen Lahm, Rinke und der Zeit sei vor allem albern, gequälte Analogien zwischen Fußball und Schreiben. Bei erneutem Lesen stutzte ich, dieses Motto hatte ich überlesen – auf die Frage von Rinke, ob es eigentlich schwieriger geworden sei, den Mannschaftsgeist herzustellen, antwortet Lahm:

Das wird immer schwieriger! Ja, weil jeder eigene Interessen hat, die immer größer werden.

Das könnte Schlagzeile für jene Entwicklung sein, die Lahm in den letzten Jahren vollzogen hat: Weg von dem frechen und selbstbewussten Mann der Weltmeisterschaft 2006, dem freundlichen Gesicht einer verharmlosten Generation, weg auch von dem talentierten Verteidiger, der den eingesprungenen Ballhaken erfand, und hin zu einem Karrieristen mit zunehmend unverhohlenen Machtansprüchen.

Lahm nutzt jede Gelegenheit der Profilierung, er tut das geschickt und strategisch, und er hat ein instinktives Gespür für Verfassung seiner Gegner. Er wurde Kapitän der Nationalmannschaft und wollte es bleiben, auch gegen den Kollegen Michael Ballack, in einer Phase von dessen Karriere, die ihn zum ersten Mal angreifbar machte. Es war ein Vorstoß des Außenverteidigers mit kalkuliertem Risiko, sowieso wagt Lahm nie zu viel, er handelt eher planmäßig als instinktiv, und er handelt nach Analyse von Situation und Gegner.

Hatte er zu Beginn noch von Teamgeist und flachen Hierarchien gesprochen, redet er nun davon, »keine elf Freunde« zu haben, er macht klar, dass Fußball Geschäft ist, auf und neben dem Platz. Lahm ist Spielführer, Lahm ist Geschäftsführer. Er wendet sich offen gegen jene, die ihm nicht mehr schaden können, und er koaliert mit den Wichtigen in Sport, Verein und Medien. Für die Bild macht er Werbung, sie druckte Auszüge seines Buches, es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit und längst ein zu inniger Kontrakt, als dass er ohne Schaden auflösbar wäre.

Es ist nachrangig, ob all das Konzept einer Gruppe ist, ob es eine gemeinschaftliche Strategie von Spieler, Beratern, eben des Unternehmens Lahm ist, oder ob es durch den Menschen Lahm geschieht. Denn auch wenn der Mann nach wie vor ein begnadeter Abwehrspieler ist, in der Summe all dieser Eigenschaften ist er auch: Politiker. Und je mehr man sich das taktische Vorgehen ansieht, mit dem er seine Ziele verfolgt, desto mehr wird klar, dass er von den ganz Großen lernt: Philipp Lahm ist die Angela Merkel des deutschen Fußballs.

Permalink

Der Tor des Monats

Foto: Copyright © 2007 by Craig Melchiano

Es gibt Torschützen, die rennen hin zu dem Spieler, der die Flanke gab, aus Dankbarkeit und Freude. Erst recht tun sie das, wenn die Vorlage besonders gelungen und ihre eigene Leistung austauschbar war, manchmal sieht man demonstrative Gesten der Relativierung, schaut her, eigentlich war der es. Ehre wem Ehre gebührt, so war man es gewohnt bis zum Spiel der Deutschen gegen Österreich und Miroslav Klose, der aus dem Nichts und wie von der Tarantel gestochen losrennt, auf die Knie fällt und über den Boden rutscht, die Arme zum Himmel gereckt, all das nur kurz nachdem Özil das erste Tor seines Spiels macht. Vor dem Fernsehgerät staune ich, die Kollegen auf dem Feld sind irritiert. Klose feiert sich unbeirrt.

Er habe den Ball wirklich noch mit dem Knöchel berührt, sagt er, und sich das extra im Fernsehen noch mal angesehen. Vielleicht ja gemeinsam mit dem Schiedsrichter, als er dessen Kabine besuchte, um sich zu vergewissern, dass der auch den richtigen Namen in den Spielberichtsbogen einträgt sein versprochenes Trikot bekommt. Der Schiedsrichter hat tatsächlich im Sinne Kloses entschieden und darf fortan auf dem heimischen Bolzplatz dessen Namen und Trikot tragen.

Vielleicht ist ein solches Verhalten der Ahnung von dem Karriereende geschuldet, vielleicht auch der Sehnsucht nach Geschichte – noch eine Handvoll Tore, dann hätte Klose den Rekordtorschützen Gerd Müller eingeholt, auf dem Weg zählt jetzt nur noch, nun ja, eben Zählbares. Wie auch immer Kloses Manie sich begründet, dem souveränen Özil ist »egal, wer das Tor macht«, er steht drüber. Mich geht das alles nichts an, ich sollte es Özil gleichtun. Aber das fällt mir schwer.

Nur die Vorstellung, dass Kloses absurdes Verhalten Schule machen könnte, macht es mir leichter. Ich stelle mir vor, dass er Nachahmer findet, und immer mehr Spieler auf den Plätzen der Welt in spontanen Jubel ausbrechen, ganz ohne Anlass, Jubel-Tourette sozusagen, und bei der Vorstellung muss ich lächeln. Als Vorreiter einer solch charmanten Unernsthaftigkeit wäre Klose tatsächlich ein Held. Und mir ein viel größerer, als er es durch ein unsportliches Überholmanöver je werden könnte.

Permalink

Nussknacker
Deutschland vs. Österreich (6:2)

Es war ein begeisterndes Spiel, gestern, aber entgegen aller Euphorie war es nicht nur Paradebeispiel mustergültiger Taktik und bestechender Offensivkraft. Es war ein Warnschuss. Den Knall hat niemand gehört, er verpuffte im allgemeinen Jubel über die Galavorstellung von Özil, Müller und Kollegen, jetzt werden wir Europameister, das Problem ist: So nicht.

Zwar stimmt es, dass die deut­sche Mann­schaft über ein offen­si­ves Mit­tel­feld ver­fügt wie kaum jemals zuvor, und auch die dünne Besetzung des Sturms würde wohl zu kom­pen­sie­ren sein, dafür ist jedoch eine ehe­ma­lige Stärke deut­scher Mann­schaf­ten zum wun­den Punkt geworden, die Wunde nässt, es droht ein Brand­herd: Das große Problem dieser deut­schen Natio­nal­elf ist die Defensive, man mag es im Bewusstsein anderer Fußballzeiten kaum glau­ben. Noch ist das zu ver­schmer­zen, denn das Offen­siv­spiel ist so schön, dass man nicht zurück­schauen mag, und in Bre­mer Manier schie­ßen die Jungs einfach mehr Tore, als sie kassieren. Aber der gestrige Gegner war schlecht, sehr schlecht, er ist gewiss nicht zu vergleichen mit einem der Mitkonkurrenten um welchen Titel auch immer. Wenn man also, bei aller Begeisterung, genauer hinschaut, dann relativiert sich das Feuerwerk gegen Österreich, vielleicht nicht unbedingt auf einen Knallfrosch mit ein paar Wunderkerzen. Aber für das erhoffte Silvester reicht es eben auch noch nicht.

Sechs zu zwei, zwar sah das gut aus und es hört sich gut an, aber selbst wenn man weltbeste Torhüter außer acht lässt: Es reicht schon, sich einen der jungen Nachwuchstorhüter der Bundesliga im österreichischen Tor vorzustellen, ter Steegen, Leno oder Zieler, und man ahnt, dass manches Tor nicht gefallen wäre. Das tut der Schönheit deutscher Spielzüge keinen Abbruch, aber im Verbund mit konsequentem Abwehrverhalten besserer Gegner wären von dem gestrigen halben Dutzend vielleicht zwei Tore übrig geblieben. Das Problem ist: Es bliebe bei zwei Gegentreffern aus drei Chancen. Das ist ein miserabler Wert für eine Abwehr, er wiegt doppelt schwer im Kontext absoluter Überlegenheit des deutschen Spiels. Und auch wenn gestern Per Mertesacker als zentral Gesetzter fehlte, so kann einem dennoch Angst und Bange werden bei der Vorstellung, wie das gegen einen gleichwertigen Gegner aussehen mag.

Löw weiß das, aber scheint ratlos: Dass er schon in der Startaufstellung einen zentralen Abwehrspieler als Außenverteidiger einsetzt, ist ein Eingeständnis; dass er diesen in der zweiten Halbzeit durch einen weiteren zentralen Abwehrspieler ersetzen muss, ist grotesk. Vielleicht wird es bis zur Europameisterschaft im nächsten Jahr nicht anders gehen, und also auch beim Turnier zu einer solchen Notlösung kommen. Aogo, Badstuber, Boateng, Friedrich, Lahm, Hummels, Jansen, Mertesacker, Schäfer, Schulz
, Westermann, Höwedes, Schmelzer, so steht es im Bereich »Abwehr« auf der Teamseite der Nationalmannschaft. In Gedanken streicht man drei der Namen, sie sind mehr Erinnerung, und zweifelt an der Eignung anderer. Selbst der designiert beste deutsche Abwehrspieler Philipp Lahm fällt nicht mehr grundsätzlich durch gutes Spiel auf. »Wie man heute Spitzenfußballer wird« heißt sein Erstlingswerk, und man hofft, dass die Konzentrationsschwierigkeiten Lahms seiner Arbeit am Folgeband geschuldet sind, »Wie man Spitzenfußballer bleibt«.

Die Not in der Lösung sollte Löw nicht verdrängen, und spätestens nach dem Turnier nicht weiter auf ein Wunder hoffen. Er muss aktiv werden. Was spräche dagegen, sich jener Nachwuchsspieler anzunehmen, die sich zwar tendenziell anbieten, aber noch nicht genügen, und sie zielgerichtet an eine solche Aufgabe heranzuführen? Ob so oder anders, diese eine Nuss muss Löw noch knacken: Ohne eine Lösung des Abwehrproblems wird es nicht gehen.

Foto: Copyright © 2007 Floortje

Seite 7 von 37« Erste...56789...2030...Letzte »