»In München kann man verlieren, die Bayern sind momentan das Maß aller Dinge,« sagt Robin Dutt. Es ist als Fazit gemeint, könnte aber genauso gut Motto seiner Kabinenansprache gewesen sein: Derzeit scheint niemand ernsthaft daran zu glauben, die Bayern besiegen zu können. Zwar hat sich Bayer Leverkusen achtbar geschlagen, »wir haben uns gewehrt, wir sind viel gelaufen und haben uns engagiert«, aber das scheint zu reichen, ein Arbeitsnachweis. Es gibt gute Gründe für die Siege der Bayern, aber Art und Weise bleiben ein Rätsel.
Vielleicht ist auch Fußball viel mehr eine Frage des Glaubens, als manch ein Konzepttrainer das wahrhaben mag, und Jupp Heynckes zwar herausragender Fachmann, Stratege und Fuchs, aber am Ende des Tages vor allem ein guter Entwicklungshelfer – er liefert nicht die Motivation, sondern ihr Saatgut: Das unbedingte Vertrauen in sich selbst. Und das kann man sehen, es spiegelt sich wider in Gesichtern und Attitüde. Jeder Blick, jede Geste und jede Bewegung lassen das uneingeschränkte Wissen um die eigene Kraft erkennen, da ist kein Zweifel zu sehen oder zu spüren, und in solch ausgeprägter Form geht das nur, wenn auch die tatsächlich innere Haltung ohne jeden Zweifel ist. Wer dieser Mannschaft gegenüber tritt, nimmt vor allem ihre Vorfreude wahr auf das Spiel und die kommenden neunzig Minuten, aber das Ergebnis scheint nicht mehr verhandelbar.
Das ist neu. Zwar hat Bayern München regelmäßig die nominell beste Mannschaft. Aber es reicht ja lange nicht aus, zu wissen, dass man gut ist, und dass Technik, Kraft und Strategie gegen die meisten unter den Gegnern ausreichen werden, man muss das auch glauben. Ohne den Glauben wird alles zur These. Auf dem Platz reicht das häufig, um dennoch Spiele zu gewinnen, aber es wirkt immer auch unfrei. Die begleitende Kommunikation erscheint zwar inhaltlich klar, wirkt formal aber oft wie ein Lippenbekenntnis, geht manchmal ins Trotzige, die betonte Selbstsicherheit bleibt unausgelebt. Man spürt den intellektuellen Ansatz auf dem Platz und daneben. In diesem Jahr ist das anders, die beste Mannschaft findet den Weg von der Theorie zur Praxis, von einer Idee zur Realität. Jupp Heynckes ist Vater dieses Prozesses, wie er das angestellt hat, wird man auf keinem Trainerlehrgang erfahren.
Es ist ein faszinierender Wandel, und er ist am besten zu beobachten bei Franck Ribéry. Der Mann ist auch dann noch ein Weltklassespieler, wenn er nicht inspiriert ist, aber in den letzten Spielzeiten konnte man beobachten, dass er zwar aus einem großen Repertoire an technischen Möglichkeiten schöpfen kann, diese aber in der Regel nur planmäßig einsetzte. Das ist häufig gelungen, aber wirkte nicht selten verkrampft, beinahe manisch, als habe er sein Potential auf den Platz zwingen wollen. Heute ist das anders, der Mann hat seine Freiheit wiedergefunden. Nun lässt er das Spiel auf sich zukommen und bewegt sich darin mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit, er setzt sich nicht in den Kopf, wie er eine monotone Idee umsetzen könnte, sondern hat ein spürbares Vertrauen in seine Fähigkeit, jede Situation instinktiv meistern zu können, und vielleicht in manchen Momenten auf eine Weise, die für ihn selbst überraschend und nicht vorhersehbar war. Franck Ribéry ist nur das offensichtlichste Beispiel für eine Erneuerung, die jeden der Spieler und die Mannschaft in ihrer Gesamtheit betrifft.
Welch enorme psychologische Kraft solch ein Auftritt hat, erkennt am besten, wer sich die Gegner anschaut: Selbst jene, die mehr wollen, resignieren mit zunehmender Spielzeit, man sieht es an der Körpersprache und in den Gesichtern, am Ende bleibt Ratlosigkeit. Gegen Bayern München wird in diesen Tagen jeder Gegner zu einer Erinnerung an den HSV der letzten Wochen, und jedes Spiel hat den Geschmack von Unausweichlichkeit.
Irgendwann wird es so weit sein, es wird ein Gegentor geben, oder zwei, oder vielleicht tatsächlich ein Spiel auch verloren gehen. Dann wird man einschätzen können, wie fest all das gefügt ist, es könnte ja sein, dass der Zweifel die notwendige Nahrung noch finden kann. Darauf wetten würde ich allerdings nicht.