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Premiere

Soweit ich mich erin­nern kann, habe ich noch kein Video gezeigt, warum das so ist kann ich selbst nur ver­mu­ten. Ein Teil­grund mag sein, dass es ein­fach so unglaub­lich viele Videos gibt, bei Youtube und in den Media­the­ken der Sen­der, und weil schon die Wahl eine Aus­sage wäre, der ich mich hier und im Bezug auf bewegte Bil­der ver­wei­gere. Viel­leicht aber auch, weil das anderswo schon umfang­reich und sehr gut gemacht wird, zum Bei­spiel bei FAN­ar­tisch oder El Fút­bol.

Mit die­sem Video hier ist es anders, das muss irgend­wie, ich habe mich sofort ver­liebt und kann nicht vor­bei­ge­hen. Und ein biss­chen ist solch ein Zei­gen ja auch eine Inbe­sitz­nahme, wie ein Buch, das man sich ins Regal stellt, oder eine DVD. Jetzt also das erste Video hier, es ist ein biss­chen selt­sam, und sehr schön …

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Zugriff auf Schnucki

Es gibt Dinge, die mir im Fuß­ball rät­sel­haft blei­ben, selt­sa­mer­weise wach­sen sie nach. Momen­tan sind es zwei beson­dere Begriffe, die mich ver­wir­ren, und sie tun es aus unter­schied­li­chen Grün­den.

Zugriff

Die Gene­ra­tion der Kon­zept­trai­ner hat Ideen mit­ge­bracht, sie taten es wort­reich. Wir haben kei­nen Zugriff bekom­men, irgend­wann muss ich das zum ers­ten Mal gehört haben, aber ich erin­nere mich nicht, es war sicher Klopp. Es ist immer Klopp, wenn das Spiel neu erfun­den wird. Ich erin­nere mich nicht an das erste Mal, aber ich erin­nere mich an mein Stau­nen über die Schlüs­sig­keit die­ses Begriffs, den ich nie­mals zuvor gehört hatte.

Zugriff und Fuß­ball, zumin­dest in die­sem Zusam­men­hang kannte ich das zuvor nicht, Zugriff und Poli­zei, das schon eher. Hätte man eigent­lich längst drauf kom­men kön­nen, ist ja viel bes­ser. Schon klar, dass man manch­mal nicht ins Spiel kommt, aber das ist was ande­res, es fehlt eine wesent­li­che Kom­po­nente: das Kämp­fe­ri­sche, nicht ins Spiel kom­men, das steckt noch viel zu viel Spiel drin, es man­gelt an Frei­heits­ent­zug. Aber jetzt gibt es ihn ja.

Schnucki

Auch mir fehlt der Zugriff, ich begreife die Frauen in mei­ner Time­line nicht. Zumin­dest will mir das nicht gelin­gen, sobald es um Schnucki geht: Es wird über Fuß­ball gere­det, fach­kun­dig, und dann taucht aus der Tiefe des Rau­mes ein beson­de­rer Mann auf, wer auch immer das sein mag, er ver­wei­gert sich mei­ner Recher­che. Kein Län­der­spiel bis­her, so viel scheint sicher. Schnucki muss ein Spie­ler von Bay­ern Mün­chen sein, das jeden­falls habe ich mitt­ler­weile erken­nen kön­nen, nur wel­cher? Viel­leicht ist es Schwein­stei­ger, oder Mül­ler, manch­mal denke ich, es muss Gomez sein, nur um Minu­ten spä­ter zu zwei­feln. Viel­leicht sind ja sie alle irgend­wie Schnu­ckis, und irgend­wann und für eine hat jeder im Kader seine schnu­cke­li­gen 15 Minu­ten, keine Ahnung. Ich müsste mal fra­gen. Eigent­lich keine schlechte Idee: »Wer genau ist eigent­lich Schnucki?«

Und wäh­rend ich auf die Ant­wort warte, da mache ich mir schon mal Gedan­ken dar­über, wer die­ser Hase ist. Auf den habe ich näm­lich auch kei­nen Zugriff.

Update vom glei­chen Nach­mit­tag: Wei­ter­le­sen →

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Meister Jupp
Bayern München vs. Leverkusen (3:0)

»In Mün­chen kann man ver­lie­ren, die Bay­ern sind momen­tan das Maß aller Dinge,« sagt Robin Dutt. Es ist als Fazit gemeint, könnte aber genauso gut Motto sei­ner Kabi­nen­an­spra­che gewe­sen sein: Der­zeit scheint nie­mand ernst­haft daran zu glau­ben, die Bay­ern besie­gen zu kön­nen. Zwar hat sich Bayer Lever­ku­sen acht­bar geschla­gen, »wir haben uns gewehrt, wir sind viel gelau­fen und haben uns enga­giert«, aber das scheint zu rei­chen, ein Arbeits­nach­weis. Es gibt gute Gründe für die Siege der Bay­ern, aber Art und Weise blei­ben ein Rät­sel.

Viel­leicht ist auch Fuß­ball viel mehr eine Frage des Glau­bens, als manch ein Kon­zept­trai­ner das wahr­ha­ben mag, und Jupp Heynckes zwar her­aus­ra­gen­der Fach­mann, Stra­tege und Fuchs, aber am Ende des Tages vor allem ein guter Ent­wick­lungs­hel­fer – er lie­fert nicht die Moti­va­tion, son­dern ihr Saat­gut: Das unbe­dingte Ver­trauen in sich selbst. Und das kann man sehen, es spie­gelt sich wider in Gesich­tern und Atti­tüde. Jeder Blick, jede Geste und jede Bewe­gung las­sen das unein­ge­schränkte Wis­sen um die eigene Kraft erken­nen, da ist kein Zwei­fel zu sehen oder zu spü­ren, und in solch aus­ge­präg­ter Form geht das nur, wenn auch die tat­säch­lich innere Hal­tung ohne jeden Zwei­fel ist. Wer die­ser Mann­schaft gegen­über tritt, nimmt vor allem ihre Vor­freude wahr auf das Spiel und die kom­men­den neun­zig Minu­ten, aber das Ergeb­nis scheint nicht mehr ver­han­del­bar.

Das ist neu. Zwar hat Bay­ern Mün­chen regel­mä­ßig die nomi­nell beste Mann­schaft. Aber es reicht ja lange nicht aus, zu wis­sen, dass man gut ist, und dass Tech­nik, Kraft und Stra­te­gie gegen die meis­ten unter den Geg­nern aus­rei­chen wer­den, man muss das auch glau­ben. Ohne den Glau­ben wird alles zur These. Auf dem Platz reicht das häu­fig, um den­noch Spiele zu gewin­nen, aber es wirkt immer auch unfrei. Die beglei­tende Kom­mu­ni­ka­tion erscheint zwar inhalt­lich klar, wirkt for­mal aber oft wie ein Lip­pen­be­kennt­nis, geht manch­mal ins Trot­zige, die betonte Selbst­si­cher­heit bleibt unaus­ge­lebt. Man spürt den intel­lek­tu­el­len Ansatz auf dem Platz und dane­ben. In die­sem Jahr ist das anders, die beste Mann­schaft fin­det den Weg von der Theo­rie zur Pra­xis, von einer Idee zur Rea­li­tät. Jupp Heynckes ist Vater die­ses Pro­zes­ses, wie er das ange­stellt hat, wird man auf kei­nem Trai­ner­lehr­gang erfah­ren.

Es ist ein fas­zi­nie­ren­der Wan­del, und er ist am bes­ten zu beob­ach­ten bei Franck Ribéry. Der Mann ist auch dann noch ein Welt­klas­se­spie­ler, wenn er nicht inspi­riert ist, aber in den letz­ten Spiel­zei­ten konnte man beob­ach­ten, dass er zwar aus einem gro­ßen Reper­toire an tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten schöp­fen kann, diese aber in der Regel nur plan­mä­ßig ein­setzte. Das ist häu­fig gelun­gen, aber wirkte nicht sel­ten ver­krampft, bei­nahe manisch, als habe er sein Poten­tial auf den Platz zwin­gen wol­len. Heute ist das anders, der Mann hat seine Frei­heit wie­der­ge­fun­den. Nun lässt er das Spiel auf sich zukom­men und bewegt sich darin mit einer selbst­ver­ständ­li­chen Leich­tig­keit, er setzt sich nicht in den Kopf, wie er eine mono­tone Idee umset­zen könnte, son­dern hat ein spür­ba­res Ver­trauen in seine Fähig­keit, jede Situa­tion instink­tiv meis­tern zu kön­nen, und viel­leicht in man­chen Momen­ten auf eine Weise, die für ihn selbst über­ra­schend und nicht vor­her­seh­bar war. Franck Ribéry ist nur das offen­sicht­lichste Bei­spiel für eine Erneue­rung, die jeden der Spie­ler und die Mann­schaft in ihrer Gesamt­heit betrifft.

Welch enorme psy­cho­lo­gi­sche Kraft solch ein Auf­tritt hat, erkennt am bes­ten, wer sich die Geg­ner anschaut: Selbst jene, die mehr wol­len, resi­gnie­ren mit zuneh­men­der Spiel­zeit, man sieht es an der Kör­per­spra­che und in den Gesich­tern, am Ende bleibt Rat­lo­sig­keit. Gegen Bay­ern Mün­chen wird in die­sen Tagen jeder Geg­ner zu einer Erin­ne­rung an den HSV der letz­ten Wochen, und jedes Spiel hat den Geschmack von Unaus­weich­lich­keit.

Irgend­wann wird es so weit sein, es wird ein Gegen­tor geben, oder zwei, oder viel­leicht tat­säch­lich ein Spiel auch ver­lo­ren gehen. Dann wird man ein­schät­zen kön­nen, wie fest all das gefügt ist, es könnte ja sein, dass der Zwei­fel die not­wen­dige Nah­rung noch fin­den kann. Dar­auf wet­ten würde ich aller­dings nicht.

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Der weltbeste Sohnemann

 

Der Scho­ko­la­den­po­kal ist ein Geschenk mei­nes Soh­nes, aber wie ich das mit dem Gra­vie­ren anstel­len soll, das weiß ich nicht, sagt er, das kannst du ja selbst machen: »Harald Mül­ler ist der beste Fuß­bal­ler der Welt.« Die­sen Pokal hat er schon vor Mona­ten von sei­nem Taschen­geld besorgt, irgend­wann durfte auch ich schon einen Blick dar­auf wer­fen, er hatte ihn im Kühl­schrank der Mut­ter gela­gert, damit er nicht ran­zig wird. Heute hat er ihn mir geschenkt. Für einen Moment stelle ich mir vor, dass ich den Pokal tat­säch­lich gra­viere. Viel­leicht mit einer hei­ßen Nadel, damit nichts kaputt geht. Ich glaube, ich esse ihn lie­ber auf.

Mein Sohn mag Fuß­ball nicht beson­ders, aber er weiß, dass das bei mir anders ist. Manch­mal wirft er die Begriffe ein biss­chen durch­ein­an­der, Punkte oder Tore, Latte oder Pfos­ten, das war ein Foul! Oder, Papa? Ja, war ein Foul, kann man pfei­fen, oder auch nicht. Vor ein paar Jah­ren war das noch anders. Manch­mal sind wir auf den San­der­ra­sen gegan­gen und haben ein biss­chen rum­ge­kickt, das hat Spaß gemacht, für den einen Nach­mit­tag, oder den ande­ren. Auch wenn ich der beste Fuß­bal­ler der Welt sein mag, ein guter Mis­sio­nar bin ich nicht.

Er ist nun auf eine neue Schule gekom­men, viel grö­ßer, die Schule und er. Ein paar Tage erst und all das ist noch sehr neu, manch­mal glaube ich, dass es viel neuer für mich ist, als für ihn. Seine Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten bewun­dere ich, und den Mut. Die ers­ten Male werde ich ihn noch abho­len wenn Papa­wo­chen­ende ist, ges­tern war­tete ich also und saß auf den Stu­fen, rauchte, und dachte nach. Natür­lich war ich wie­der viel zu früh, es war noch Zeit, an die lan­gen Tage muss ich mich erst gewöh­nen. Auf dem Sport­platz hin­ter dem Gebäude spiel­ten ein paar Jungs Fuß­ball, in der neuen Schule schei­nen die Gro­ßen mit einem Mal wie­der ganz klein. Drei gegen zwei, ich ging rüber und schaute über die Mauer, dann duckte ich mich: Ein biss­chen weit weg für meine Augen, aber das war tat­säch­lich der Sohn, ganz ein­deu­tig. Ich musste schmun­zeln, sieh an, in Gedan­ken gab ich Anwei­sun­gen und notierte Wich­ti­ges, ver­suchte For­men zu fin­den, die für Anfän­ger ver­ständ­lich sein wür­den, wenn du ver­tei­digst, dann bleib immer zwi­schen Ball und Tor, dann musste ich lachen. Väter sind immer die welt­bes­ten Trai­ner, umge­kehrt weiß ich das nicht so genau. Ich setzte mich wie­der auf meine Stu­fen, ich war unent­deckt geblie­ben und wollte es dabei belas­sen, das Spiel nun ein Hör­spiel.

Spä­ter dann kam er durch die Halle und aus dem Tor, ganz ver­schwitzt, und er redete sofort von die­sem und jenem, er winkte er ab, als ich ihn fragte, warum denn sein Auge so rot sei. Ich habe einen Ball vor die Birne bekom­men, volle Suppe aufs Auge. Ey, da gibt es über­haupt nichts zu grin­sen! Das tut weh!

Weiß ich ja, welt­bes­ter Soh­ne­mann.

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Selbstanzeige

Alles wird schnel­ler, die Lücken im Spiel wer­den geschlos­sen. Dabei lie­ben die Bild­re­gis­seure es doch, in die­sen stil­len Momen­ten das Publi­kum zu zei­gen, die Gesich­ter der Fans. Ich wäre gerne einer der Kame­ra­män­ner, die nichts ande­res machen, als auf die Suche zu gehen nach dem beson­de­ren Augen­blick, der erkenn­ba­ren Trauer, der Freude, der Schön­heit im Gedan­ken­ver­lo­re­nen. Sie sind alleine, diese Men­schen, mit sich und mit ihrem Gefühl beschäf­tigt, sie sind da.

Aber man hat sie gejagt und erwischt, und nun sind sie gefan­gen: Ihre Bil­der wer­den auf der Anzei­ge­ta­fel gezeigt, ich weiß nicht, wie man die heute nen­nen sollte, Anzei­ge­ta­feln gab es frü­her, da wur­den Zah­len getauscht wenn ein Tor fiel, spä­ter elek­tro­nisch, heute sind es rie­sige Bild­schirme. Die Bil­der der Men­schen wer­den also auf Bild­schir­men gezeigt und: sie wer­den zer­stört. Denn ganz gleich, wie groß ihre Trauer gewe­sen sein mag, ihre Freude, ihre Lust, was auch immer es war, es ist ver­schwun­den im glei­chen Moment. Wenn sie erken­nen, dass sie beob­ach­tet wer­den, ver­än­dern die Men­schen sich: Die Rezep­tion der Rezep­tion ist ein Ende des Seins.

Der abrupte Wech­sel vom Sein zum Erkannt­sein, das Win­ken und Schauen und Stau­nen, das bin ich und dort, das fas­zi­niert immer wie­der. Manch­mal frage ich mich, wie echt das gewe­sen sein mag, was nun weg ist, dabei weiß ich es ja. Ich kenne es selbst, Beob­ach­tung kor­rum­piert, nur kenne ich es vor allem vom Schrei­ben.

Wer öffent­lich schreibt, will gele­sen wer­den, man muss das wis­sen, und man muss es ver­ges­sen. Denn nur wenn das gelingt, kann man sich selbst gerecht wer­den im Schrei­ben, und frei blei­ben von jeder Vor­stel­lung einer Erwar­tung, jener der Ande­ren und jener eige­nen. Leicht ist das nicht, weder per se noch im Detail, denn bei allem Den­ken muss das Erin­nern ver­lernt wer­den, Lesende müs­sen ver­schwin­den und das Wol­len neben dem Text, so viele Fal­len, und wer fällt, der ver­liert, in der Regel sich selbst.

Ich habe ver­ges­sen, wor­auf ich hin­aus wollte, aber das ist egal: du hast mich ent­deckt. Winke, winke.

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Das Manager-Spiel

Eigent­lich mag ich Horst Heldt, ich glaube, der ist ein net­ter Mensch. Er ist klein, aber das ist kein Nach­teil, denn wenn er inter­viewt wird und mit die­sem schel­mi­schen Lächeln nach oben schaut, dann habe ich ihn sofort auch irgend­wie lieb. Viel­leicht bin ich naiv und falle den ver­in­ner­lich­ten Mus­tern zum Opfer, die­ser Nied­lich­keits­fak­tor Ein­sacht­und­sech­zig sorgt mög­li­cher­weise vor allem dafür, dass ich den Mann unter­schätze. Kann sein: Als ich neu­lich seine Aus­füh­run­gen über Manuel Neuer las, und wie wohl die Fans auf Schalke auf Neu­ers Rück­kehr rea­gie­ren wür­den, da war ich dann doch über­rascht, Horst Heldt bezog Stel­lung:

»Manuel Neuer war immer ein Schal­ker Junge, der liebt den Ver­ein, und er hat in all den Jah­ren, in denen er für Schalke gespielt hat, alles für uns getan. Dass er nun zu dem Ent­schluss gekom­men ist, dass er seine Ent­wick­lung bei den Bay­ern bes­ser fort­set­zen kann, dass darf man ihm nicht vor­wer­fen. Es wäre doch absurd, gerade jeman­dem, der sich so sehr für Schalke ein­ge­setzt hat wie Manuel, dafür zu bestra­fen, dass er das nicht bis ans Ende sei­ner Tage tun will. Es kann nicht ange­hen, dass man gerade durch eine beson­ders große Liebe unfrei wird. Fuß­bal­ler sind Pro­fis, Manuel ist einer der cha­rak­ter­stärks­ten, und ein jun­ger Mann mit einem sol­chen Poten­zial hat alles Recht der Welt, sich zu ent­wi­ckeln. Lange hat er das auf Schalke getan, dafür bin ich dank­bar. Nun tut er es woan­ders, und dafür wün­sche ich ihm alles Gute. Die Fans sind ent­täuscht, das ist klar, aber sie wis­sen auch, was Manuel dem Ver­ein gege­ben hat, und dass seine Leis­tun­gen und seine Hal­tung den höchs­ten Respekt ver­die­nen. Es liegt mir fern, den Leu­ten irgend­et­was vor­zu­schrei­ben, wir alle sind erwach­sen. Und als erwach­sene Men­schen wis­sen wir, wie wich­tig Respekt ist, und dass er auch auf dem Fuß­ball­platz, bei aller Emo­tio­na­li­tät, nie­mals ver­ges­sen wer­den darf. Jeder Fan kann für sich ent­schei­den, wie er rea­giert, aber Schalke ist ein Ver­ein mit Herz, und bei unse­ren Fans sitzt es am rech­ten Fleck. Ich bin mir sicher, unsere Fans wer­den das Rich­tige tun.«

Eigent­lich habe ich nur die ver­link­ten Sätze dort drü­ben gefun­den, aber das heißt nichts, das ist bei mir manch­mal so, ich ver­lege immer mal wie­der was. Und dann finde ich es nicht mehr. Aber die ande­ren Sätze, die müs­sen irgendwo sein. Zumin­dest stelle ich mir das so vor, denn wenn diese bei­den dann doch die ein­zi­gen Sätze waren, dann wäre es anders, und Horst Heldt viel­leicht doch nicht so nett, wie ich dachte. Dann wäre er unre­flek­tiert, oder fahr­läs­sig, oder viel­leicht auch berech­nend, dann könnte man ja bei­nahe glau­ben, dass er gerade vor jenem wich­ti­gen Spiel gegen die Bay­ern eigent­lich gar nichts dage­gen hatte, wenn es dem geg­ne­ri­schen Tor­wart schwer gemacht würde, durch die Fans. Und viel­leicht so schwer, dass da was geht.

Ich glaube, ich geh noch mal suchen, nach den ver­lo­re­nen Sät­zen.

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Ein Heldentod

Michael Bal­lack hat auf­ge­ge­ben, ver­den­ken kann man es ihm nicht. Kaum jemand hat so viel Pech gehabt wie er, kaum jemand war so häu­fig zur Unzeit ver­letzt, hat große Ereig­nisse und Erfolge aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den ver­passt, kaum jemand war so sehr in Tra­gik gefan­gen. All seine Erfolge und Leis­tun­gen dro­hen in einem mono­chro­men Bild unter­zu­ge­hen, am Ende sei­ner Kar­riere hat er es nicht mehr selbst in der Hand, die Art und Weise des Fina­les zu bestimm­ten.

Die Natio­nal­mann­schaft ist für ihn abge­schlos­sen. Viel­leicht war schon jene Ohr­feige* von Lukas Podol­ski die erste einer Folge von Respekt­lo­sig­kei­ten, die sich jene erlau­ben, die instink­tiv eine Schwä­che des Stär­ke­ren spü­ren, sie sollte sich fort­set­zen. Lahm wurde durch eine Ver­let­zung Bal­lacks über­gangs­weise Kapi­tän und wollte das Amt fortan gleich ganz behal­ten, Bun­des­trai­ner Löw ver­mied klare Aus­sa­gen zu einer geplan­ten Rück­kehr. Auch im Ver­ein, nach Jah­ren bei Chel­sea nun Lever­ku­sen, läuft es für ihn nicht nicht gut, hier hat er gar nicht erst zu einer Posi­tion der Stärke fin­den kön­nen. Er ist nor­ma­ler Teil der Werks­elf, oft genug auch nur des erwei­ter­ten Krei­ses und auf der Bank.

Alles ist anders, und all jene haben das ihre dazu getan. Die Boa­tengs, Podols­kis und Lahms, die Heynckes, Dutts und Löws, sie waren Mit- und Gegen­spie­ler im Rin­gen um Posi­tio­nen, das muss Kraft gekos­tet haben und viel­leicht mehr, als ein nor­ma­ler Mensch haben kann. Aber Bal­lack ist nicht nor­mal, er gehörte immer zu den Stärks­ten, und über­all, und so war es ein beson­ders lan­ger und bit­te­rer Kampf, bis er seine Anstren­gun­gen, das Unaus­weich­li­che zu ver­mei­den, schließ­lich doch ein­stel­len musste. Gegen all jene und das Leben wären selbst Hel­den über­for­dert, Bal­lack war ein Held, und es hat diese Kon­stel­la­tio­nen gebraucht, ihn zu Fall zu brin­gen.

Michael Bal­lack hat auf­ge­ge­ben, er hat auf­ge­ge­ben ein Held zu sein. Sich selbst hat er dabei gewon­nen. Er hat das Bild der Ande­ren und das Selbst­bild­nis als Held hin­ter sich gelas­sen. Alles Hadern und Grol­len scheint mit einem Mal weg, als habe er sich mit einer ganz neuen Posi­tion im Leben arran­giert. Das merkt man, wenn man ihm zuhört, in den Inter­views vor und nach dem Spiel gegen Chel­sea. Welch ein Glück, dass er diese eine Chance des Spiels nicht ver­wan­delt hat! Wer weiß, viel­leicht wäre es zu einem Auf­bäu­men jenes Hel­den­bil­des gekom­men, das ihm das Leben zuletzt so schwer gemacht hatte. Aber er hat diese Chance nicht ver­wan­delt, und eine viel grö­ßere dadurch gewahrt. Auf eine neue, sehr offene und authen­ti­sche Weise redet er von sich und dem Spiel, und dass all das sehr emo­tio­nal war, und ihm noch län­ger im Kopf her­um­ge­hen wird. Der Mann ist ent­spannt, end­lich, er hat sich befreit von einem Bild, dass ihm nicht mehr ent­spricht, und das ganz sicher in die­ser über­zo­ge­nen Form sowieso nie­man­dem ent­spre­chen kann.

Im Grunde könnte Bal­lack dank­bar für all das sein und jenen, denn er scheint schon jetzt einen Pro­zess der Wand­lung in sei­ner Hal­tung abge­schlos­sen zu haben, den manch ein Akti­ver erst nach sei­ner Lauf­bahn durch­lebt, man­cher viel­leicht nie­mals erfolg­reich. Bal­lack schon, und ich glaube, in die­ser neuen Frei­heit wird er sich wohl füh­len. Ganz gleich, ob und wie lange er aktiv sein wird, ob auf dem Platz oder dane­ben: Er wird Spaß daran haben. Das gönne ich ihm sehr. Und den ande­ren.

*) Die Ohr­feige von Podol­ski wurde viel­fach kom­men­tiert, unter ande­rem auch von Felix Magath, der ein heim­li­cher Fan der Ärzte zu sein scheint.

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