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Nachtschicht

Es ist spät in der Nacht vor einem Mon­tag, ich sollte schla­fen, aber die Anstren­gun­gen der letz­ten Woche und ihres Endes bewe­gen mich noch. Die erar­bei­tete Ruhe bleibt unru­hig. In den nächs­ten Tagen wird das bes­ser, ganz sicher, aber momen­tan ist alles flüch­tig, mein Kopf hat nur begrenzte Kapa­zi­tät. Mir ist bewusst, dass das nicht stimmt, denn spä­tes­tens seit Rain Man weiß auch ich, dass alles gespei­chert wird und diese erschöpfte Leere in Wahr­heit ein Mecha­nis­mus ist, und einer mehr oder min­der bewuss­ten Aus­blen­dung geschul­det: Mein Kopf sorgt dafür, dass ich nur das vor­halte, was ich in genau die­sem Moment auch brau­che, oder ver­krafte.

Manch­mal ist mir danach, zu erfor­schen, nach wel­chen Kri­te­rien diese Ent­schei­dun­gen über das Bewusst­sein einer Erin­ne­rung getrof­fen wer­den, die­ser Algo­rith­mus inter­es­siert mich, und die ihm zugrunde lie­gende Kon­stel­la­tion mei­nes Seins. Dass ich den Sohn und sein Bild in der Erin­ne­rung behalte, vor­hin auf der Wiese ohne Nebel und bis in die Dun­kel­heit hin­ein, wie er sich wälzte, weil sein Schien­bein schmerzte, ich hatte ver­sucht ihm den Über­stei­ger nahe zu brin­gen, und für einen abso­lu­ten Anfän­ger wie ihn ist das eben schmerz­haft, seine Grät­sche in mein Bein macht mir nichts, aber ihm; sein schmerz­ver­zerr­tes Gesicht also halte ich vor und sein Weh­kla­gen, das ver­stehe ich, und ich ver­stehe es gut.

Warum aber sind diese ande­ren Bil­der von Belang, was sollte ich anfan­gen mit dem blu­ten­den Hun­telaar, dem blu­ten­den Sub­o­tic, dem Bal­lack mit sei­ner schwar­zen Gesichts­maske, die Bun­des­liga auf ihrem Weg zur Liga der außer­ge­wöhn­li­chen Gent­le­men prägt sich mir ein, und ich weiß nicht warum. Ich frage mich, ob es jene Super­hel­den­mas­ken von der Stange gibt, oder ob das alles Son­der­an­fer­ti­gun­gen sind, viel­leicht Kev­lar, und mit­ten in der Nacht gehe ich goo­geln, anstatt zu schla­fen. Es war viel Blut auf den Sport­plät­zen der letz­ten Tage, und ich weiß gerade nicht, ob das tat­säch­lich außer­ge­wöhn­lich war, oder ob es die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten mei­ner Erin­ne­rung sind, die es mir mit ihrer Gewich­tung nun nahe­le­gen. Und warum sie das tun, wenn es so wäre.

Warum ist Johan­nes B. Ker­ner von Belang, in die­ser Gesprächs­runde nach allen Spie­len, wie er gemein­sam mit Heri­bert Bruch­ha­gen und Jens Leh­mann bei­sam­men saß. Der Leh­mann war ja viel inter­es­san­ter, so ver­nünf­tig mit einem Mal, und mit einem Mal bei­nahe ganz ohne Über­heb­lich­keit, und statt des­sen auf dem Wege zu einem wirk­li­chen Fach­mann, einem, der sich nicht nur selbst pro­kla­miert, son­der es wahr­haf­tig auch ist, ange­nehm ruhig und ver­nünf­tig und viel inter­es­san­ter. Aber ich erin­nere Ker­ner, statt sei­ner. Und wie er, die­ser Ker­ner, seine Arme vor dem Kör­per ver­schränkt, immer wie­der, und wie er auf die gewohnt lächelnde Weise in den gewohnt lächeln­den Wor­ten selbst­ver­ständ­li­che Dinge sagt, und doch so unge­wohnt unsi­cher wirkt, und woran es wohl lie­gen mag, dass er so unsi­cher ist, oder wirkt. Viel­leicht ist das feh­lende Publi­kum die Ursa­che, viel­leicht fehlt so eine ganz wesent­li­che Grund­lage für die Funk­tio­na­li­tät sei­nes öffent­li­chen Seins, keine Ahnung, und etwas zuge­legt hat er auch, der Ker­ner, und immer wenn er wie­der die Arme vor sei­nem Kör­per ver­schränkt, denke ich das, hmm, etwas zuge­legt hat er auch. Viel­leicht ist die­ser Ein­druck auch nur dem Unge­wohn­ten in sei­ner lächeln­den Ver­un­si­che­rung zuzu­schrei­ben, oder einem schlech­ter Schnei­der, ich weiß es nicht.

Wer auch immer das Sagen hat über meine Erin­ne­run­gen des Tages, es muss ein Selt­sa­mer sein.

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Wendepunkt
Hamburger SV vs. 1. FC Kaiserslautern (1:1)

Noch konnte Thors­ten Fink mit dem HSV kein Spiel gewin­nen, auch die Begeg­nung mit Kai­sers­lau­tern endete unent­schie­den – und doch ist er der Gewin­ner des Spiels. Dem Trai­ner wird egal sein, dass seine Mann­schaft nicht wirk­lich gut war, und es wird ihn kaum inter­es­sie­ren, dass der Geg­ner viele Chan­cen hatte, die Par­tie noch für sich zu ent­schei­den. Denn an die­sem Abend ist etwas gesche­hen, das viel­leicht ein­mal als ein Schlüs­sel­mo­ment ange­se­hen wer­den wird; nicht nur für einen Abend, son­dern für eine ganze Sai­son: Slo­bo­dan Raj­ko­vić läuft dem Kai­sers­lau­ter­ner Chris­tian Tif­fert in den Weg, trifft ihn mit geho­be­nem Arm im Gesicht, es gibt Blut, eine Platz­wunde und meh­rere Sti­che am Spiel­feld­rand, der Ham­bur­ger Abwehr­spie­ler wird des Fel­des ver­wie­sen. Einen Platz im Her­zen sei­nes Trai­ners hin­ge­gen hat er sicher, denn für Fink ist diese rote Karte ein Geschenk: Mit ihr hat seine Mann­schaft das zurück­er­hal­ten, was kein Trai­ner der Welt einer Mann­schaft geben kann, von einem Moment auf den ande­ren ist das Wol­len wie­der da. Im Anschluss an diese Szene spielte die Mann­schaft wie aus­ge­wech­selt.

Am klars­ten zu erken­nen war diese Ver­än­de­rung bei Mar­cell Jan­sen. Der hatte vor Zei­ten ein­mal in der Natio­nal­mann­schaft gespielt, man erin­nert es kaum, und am gest­ri­gen Abend zeigte er, dass er die dazu not­wen­dige Qua­li­tät tat­säch­lich besitzt – der Mann spielte gut, und er spielte mit einem Selbst­be­wusst­sein, dass man in die­ser authen­ti­schen Form sehr lange bei ihm ver­misst hatte. Er wollte, die ganze Mann­schaft wollte, und das war kein theo­re­ti­sches Wol­len, also weder gebo­ren aus dem intel­lek­tu­el­len Wis­sen um die rich­tige Hal­tung, noch Resul­tat der Rea­li­sie­rung von Not­wen­dig­kei­ten einer Situa­tion; es war kein gewoll­tes Wol­len, son­dern real und ursprüng­lich. So etwas kann man nicht ver­ord­nen, es geschieht, wie es an die­sem Abend in Ham­burg gesche­hen ist – Mann­schaft, Trai­ner und Fans, sie alle haben sich in einem Gefühl des unbe­ding­ten Wol­lens gefun­den – und viel­leicht end­lich wie­der­ge­fun­den.

Sport­di­rek­tor Arnesen war spä­ter der Mei­nung, dass die rote Karte unbe­rech­tigt gewe­sen sei, sein Abwehr­spie­ler habe schließ­lich »nur den Arm geho­ben«, und auch das Hand­spiel vor dem unge­ge­be­nen Tor von Paolo Guer­rero habe man nicht pfei­fen müs­sen, sowieso sei das eine Begeg­nung vol­ler Fehl­ent­schei­dun­gen gewe­sen und die Unpar­tei­ischen im Grunde dem geg­ne­ri­schen Team zuzu­ord­nen. Arnesen regte sich auf, aber er tat es ohne guten Grund und viel­leicht nur, weil er den wah­ren Kern des Abends noch nicht erkannt hatte: All das ist egal, es spielt für die wei­tere Ent­wick­lung der nächs­ten Wochen keine Rolle. Der Wan­del in der emo­tio­na­len Kon­sti­tu­tion der Mann­schaft hin­ge­gen schon: Ham­burg scheint neu ver­eint.

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Soccer Dad

Foto: Copy­right © 2011 by ∙tlc∙sports∙images∙

Tom freut sich sehr über die Ernen­nung von Jür­gen Klins­mann als Chef­trai­ner, und er hofft dar­auf, dass der Deut­sche Alt­star der Natio­nal­mann­schaft der USA wie­der auf die Beine hilft. Tom lebt in Kan­sas und er ist Fuß­ball­va­ter, sein Sohn Evan spielt bei den Rush Nike. Evan ist Stür­mer, wie Klins­mann. Fuß­ball und Foto­gra­fie sind Hobby und Lei­den­schaft, sagt Tom, und das ist ein gro­ßes Glück: Dort oben ist eines der Bil­der, die er von der Mann­schaft sei­nes Soh­nes gemacht hat, es gibt eine ganze Reihe davon, und es sind die bes­ten Fotos Fuß­ball spie­len­der Kin­der, die ich jemals gese­hen habe.

Nor­ma­ler­weise kennt man sie anders, sol­che Bil­der, weil sie mit schlech­ten Kame­ras gemacht wur­den oder hal­bem Her­zen, oder weil nie­mand sich die Mühe gab, ein­mal genauer hin­zu­schauen, über das Pan­orama und alle Alters­gren­zen hin­weg: Die Wim­mel­bil­der eines noch unaus­ge­reif­ten Spiels, das Klein­li­che ist man gewohnt. Dabei ist das ja Unsinn, denn ob nun Klins­mann oder Kind – der Ein­satz ist iden­tisch, das ist ja alles voll­kom­men gleich: diese Hitze, die Kraft und das unbe­dingte Wol­len, diese Anstren­gung bis an die Gren­zen. Das hat mit Nied­lich­kei­ten rein gar nichts zu tun, es ist eine ernst­hafte Ange­le­gen­heit, bei allem Spaß. Tom weiß das, er sieht es, und er hat das nötige Kön­nen, die wirk­li­chen Bil­der von all dem zu machen. Das ist sehr schön.

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Occupy Football

Die Demons­tra­tio­nen beherr­schen Nach­rich­ten und Netz, mit Occupy Wall Street hat sich der gesunde Men­schen­ver­stand in Bewe­gung gesetzt, er umschließt das Herz der moder­nen Finanz­sys­teme und macht das Atmen eng, ein Nach­las­sen der Dyna­mik ist nicht abzu­se­hen.

Man möchte glau­ben, dass nie­mand bei kla­rem Ver­stand die Aus­wüchse der Sys­teme legi­ti­mie­ren könnte, und man fragt sich unwei­ger­lich, wie Men­schen sozia­li­siert sein müs­sen, für die ein Leben als han­delnde Figur der Finanz­welt schlüs­sige Nor­ma­li­tät ist. Für Schwä­che ist kein Platz in die­sem Sys­tem, wie also muss man gebaut sein, um darin zu beste­hen? Was macht jene aus, die mit­ma­chen, wie den­ken Gewin­ner?

Jeder von uns muss per­ma­nent Stärke aus­strah­len. Sobald sich daran etwas ändert, wird an dei­ner Posi­tion gegra­ben, du sinkst in der Hier­ar­chie, deine Stel­lung ist gefähr­det. Gerade, weil du deine Kol­le­gen Tag für Tag siehst, weil du täg­lich unter schar­fer Beob­ach­tung stehst, erken­nen sie sofort, wenn du ein­mal nicht so prä­sent bist wie sonst. Pas­siert das ein­mal, okay. Wie­der­ho­len sich deine Schwä­chen jedoch, wit­tern deine Kon­kur­ren­ten sofort ihre eigene Chance und ver­su­chen, deine Schwä­che aus­zu­nut­zen, um selbst in Erschei­nung zu tre­ten, dich zu ver­drän­gen

Das war jetzt nicht ganz fair, gebe ich zu, denn es ist kein Invest­ment­ban­ker, von dem diese Worte stam­men, son­dern der Kapi­tän der deut­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft. Phil­ipp Lahm hat ein Buch geschrie­ben, das durch­gän­gig unter­schätzt wird. Denn skan­da­lös sind weder die alten Geschich­ten, die er aus den Kabi­nen sei­ner Erin­ne­rung erzählt, noch das Nach­tre­ten gegen­über Trai­nern sei­ner Ver­gan­gen­heit oder das Hofie­ren jener der Zukunft, wirk­lich ernst zu neh­men ist das Buch wegen des kla­ren Blicks auf eine in Fuß­ball und Gesell­schaft not­wen­dige Hal­tung, auf das Rüst­zeug, um erfolg­reich im Sys­tem zu sein.

Lahm redet davon, dass Sof­ties im Fuß­ball kei­nen Erfolg haben, und dass man seine Pro­bleme außer­halb der Ver­eine lösen müsse, im Pri­va­ten. Er spricht von Ein­füh­lungs­ver­mö­gen und sozia­ler Intel­li­genz, aber eben in einem stra­te­gi­schen Kon­text, man müsse »seine Mit­spie­ler ein­schät­zen kön­nen, ihre Cha­rak­tere lesen, um sich selbst posi­tio­nie­ren zu kön­nen.« Das klingt bit­ter, vor allem im Hin­blick auf das Wis­sen um den Erfolg einer sol­chen Hal­tung, immer­hin ist der Mann so an die Spitze gekom­men, in Ver­ein und Natio­nal­mann­schaft. Aber Lahm hat all das nicht erfun­den, er ist nicht Ursa­che für diese Zustände, son­dern er hat schlicht die not­wen­dige intel­lek­tu­elle, emo­tio­nale und stra­te­gi­sche Aus­stat­tung, in ihnen per­fekt zu beste­hen. Das kann man schade fin­den, vor­zu­wer­fen ist es ihm nicht. Im Gegen­teil – es ist erstaun­lich, mit wel­cher Offen­heit er dar­über redet:

Diese Fähig­kei­ten sind für den Fuß­ball­profi essen­ti­ell. Sie sind die Vor­aus­set­zung dafür, dass er im Milieu des moder­nen Spit­zen­sports nicht unter die Räder kommt, son­dern gesund bleibt und auf höchs­tem Niveau spie­len kann.

Das erklärt vie­les. Lei­der.

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Back in the USSR

Cececece­cepe … wie oft der dritte Buch­sta­ben des Alpha­bets tat­säch­lich genannt wer­den musste, konnte ich mir als Kind nicht mer­ken, so über­ließ ich es mei­nem Gefühl. Irgend­wann kam ein »P«, zumin­dest da war ich sicher. Die Abkür­zung »CCCP« auf den Tri­kots hat mich regel­mä­ßig durch­ein­an­der­ge­bracht, ich ver­stand das nicht, wo genau lag noch mal der Unter­schied zu »CSSR«? Jede Erklä­rung lief ins Leere, all diese Namen so anders und die Kür­zel so gleich, nichts davon hatte eine innere Logik für mich. Damals, in der Fundesrepu­blikgeutsch­land.

Diese alte Ver­wir­rung kam mir in den Sinn, als ich das »Digi­tal docu­men­ta­ries and news­reel archive« ent­deckte, eine Seite für Film­schaf­fende in der sich his­to­ri­sche Berichte fin­den, Filme and Nach­rich­ten des Rus­sian Cen­tral Stu­dio of Docu­men­tary Films, dem ältes­ten Doku­men­tar­film­stu­dios Russ­lands. Es macht Spaß, dort ein biss­chen her­um­zu­stö­bern, in allen Berei­chen, die Kiste mit dem Fuß­ball sei hier kurz geöff­net: Die­ser neuere Film von Dvoy­ni­kov bei­spiels­weise*, gedreht auf 35mm und ganze 09:49 Minu­ten lang, gewid­met dem three-times cham­pion of the USSR, the best foot­bal­ler of the USSR of 1983, 1989 – Fyo­dor Che­ren­kov.

*) Seite öff­nen, unter dem Film­platz­hal­ter steht »Choose a part of the film to play«, dar­un­ter ein »Part:1«, wenn man dar­auf klickt, geht es los.

Veröffentlicht von: Harald Müller | Unterhaltung: Kommentare deaktiviert | Kategorie: Link

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Simpson’s Eleven
Türkei vs. Deutschland (1:3)

Im Grunde mei­nes Her­zens bin ich Gomez, ein Gomez zwei­ter Hand. Ich kann nicht so gut Fuß­ball spie­len wie er, es feh­len mir Größe, Six­pack und Fri­sur, aber die Atti­tüde, mit der er sein ers­tes Tor igno­rierte, in der erkenne ich mich wie­der: Das neunte Spiel in der Qua­li­fi­ka­tion zur Euro­pa­meis­ter­schaft und klar, der neunte Sieg. Selbst­ver­ständ­lich.

Selbst­ver­ständ­lich, dass der Neuer so unglaub­lich gut ist, wie er in der fünf­ten Minute die­sen unhalt­bar wir­ken­den Ball mit der lin­ken Hand noch erreichte, auf den Knien und mit dem Reflex eines Flip­pe­r­au­to­ma­ten, pling, nicht den Mil­li­me­ter einer Bewe­gung zu wenig und kei­nen zu viel, alles genau rich­tig so, selbst­ver­ständ­lich auch, wie er die Bälle aus der Luft holt und abwirft, über das halbe Feld und in den Fuß, oder abschlägt, über das halbe Feld und in den Fuß, das halbe Feld gehört Neuer und der Luft­raum dar­über, er ist per­fekt auf der Linie, ganz egal ob es jene des Tores, des Sei­ten­au­ses oder des Sech­zeh­ners ist.

Man hat sich an die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten die­ser Mann­schaft gewöhnt, an die Schnel­lig­keit ihres Spiels und ihre Sou­ve­rä­ni­tät, deren wah­res Aus­maß erst in wacke­li­gen Momen­ten rich­tig spür­bar wird, wenn man ein biss­chen lächelt über das Wackeln und sich die­ses Lächeln in dem siche­ren Wis­sen erlaubt, dass alles ja sub­stan­zi­ell anders ist, und um so vie­les bes­ser.

Man hat sich an den Fuß­ball von so einem wie Mül­ler gewöhnt, der keine Zeit mit über­flüs­si­gem Nach­den­ken ver­schenkt, wie man es bei so einem wie Schwein­stei­ger immer mal wie­der erle­ben kann, die­ser Mül­ler spielt, er folgt sei­nen Impul­sen, der Schwein­stei­ger spielt, er folgt sei­nem Wil­len, all das ist gut so und rich­tig und es passt zusam­men, ganz gleich, wer da spielt. Ob nun Özil oder Götze, Bad­stu­ber neben wem auch immer: In tech­ni­scher, tak­ti­scher und qua­li­ta­ti­ver Hin­sicht kann man über alles und jeden debat­tie­ren, aber die Grund­idee die­ser Mann­schaft bleibt kon­stant, sie ist unab­hän­gig von der Auf­stel­lung, es ist die Idee Jogi Löws, der das Wesen der Mann­schaft geformt hat: sie strotzt vor Selbst­be­wusst­sein.

Der neunte Sieg war der fünf­zigste für Bun­des­trai­ner Löw, drei Tref­fer gegen die Tür­kei, das alles ist toll, und es ist ein biss­chen lang­wei­lig. Klar, man genießt das, irgend­wie, aber irgend­wie auch bleibt der Genuss theo­re­tisch. Zumin­dest bei mir ist das so, und bei Gomez: Gran­dio­ser Abwurf von Neuer, gran­dio­ser Pass von Mül­ler, gran­dio­ser Schuss von Gomez, eins zu null - der Mann wen­det sich ab und schaut ein biss­chen in die Runde, er ballt die Faust, hmm, gut so, und ich auch, hmm, gut so.

Viel­leicht müs­sen wir lang­sam auf­pas­sen, dass die Selbst­ver­ständ­lich­keit nicht den ver­blei­ben­den Raum aus­füllt, Erfolg kor­rum­piert. Es würde hel­fen, mal wie­der rich­tig eins auf die Mütze zu bekom­men, dann hät­ten wir es hin­ter uns, der Gomez und ich, und das Gespür könnte sich erneu­ern dafür, dass Ver­lust nicht nur eine theo­re­ti­sche Größe ist. Am bes­ten recht­zei­tig, bevor es tat­säch­lich etwas zu ver­lie­ren gibt.

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Tom meets Zizou meets me
»Tom meets Zizou | Kein Sommermärchen« (Dokumentation, D 2011)

Ges­tern habe ich mir den Film auf gro­ßer Lein­wand anschauen kön­nen, Tom meets Zizou, es war ein selt­sa­mes Tref­fen. Ich hatte die Trai­ler gese­hen und war seit Mona­ten vol­ler Vor­freude, voll­kom­men berech­tigt, es ist ein guter Film einer guten Geschichte. Er hin­ter­lässt mich nach­denk­lich.

Die Lang­zeit­do­ku­men­ta­tion von Aljoscha Pause beglei­tet Tho­mas Broich durch seine Kar­riere als Pro­fi­fuß­bal­ler, von Wacker Burg­hau­sen bis nach Aus­tra­lien, jedoch nicht bis an ihr Ende. Der Film schließt mit dem Finale der aus­tra­li­schen A-League 2011, Tho­mas Broich spielt wei­ter. Das statt eines wirk­li­chen Endes dra­ma­tur­gisch gewählte lässt durch­at­men, es tut gut, nach­dem man dem Mann auf sei­nem anstren­gen­den Weg durch die Bun­des­liga und zu sich selbst fol­gen musste.

Neben Schwein­stei­ger, Lahm und Kol­le­gen war Broich lange Zeit ein Hoff­nungs­trä­ger für die Natio­nal­mann­schaft, warum das dann doch nicht geklappt hat, und eben grund­sätz­lich so vie­les schlicht nicht gelin­gen wollte, das wird im Film kla­rer, und es wirkt am Ende doch schick­sal­haft. Broich schreibt es sich selbst zu – ein biss­chen dem nicht ganz aus­rei­chen­den Kön­nen, ein biss­chen sei­nem Drang zur Selbst­in­sze­nie­rung. Diese Selbst­in­sze­nie­rung ist auch das große Thema des Films, Tho­mas Broich als der andere Fuß­bal­ler, als ein Künst­ler mit sehr eige­nem Kopf, Spitz­name »Mozart«. Die Selbst­in­sze­nie­rung war über weite Stre­cken Anker der kar­rie­re­be­glei­ten­den Medien, sie ist Kern aller Deu­tun­gen der Befrag­ten, und sie scheint Rät­sel für den Spie­ler selbst. Man fragt sich ein ums andere Mal erneut, zeigt sich in all dem denn nun eine tat­säch­lich authen­ti­sche Hal­tung, ich bin so und mir ist egal, was ihr denkt, oder ist da jemand in eine Falle getappt, und das ein­mal gewählte Selbst­bild hat sich ver­selb­stän­digt. Broich deu­tet das selbst immer wie­der an und die Milde, die sich in sei­nen Rück­bli­cken auf jenen zeigt, der er selbst frü­her war, zeigt ihn auf sym­pa­thi­sche Weise gewillt zu einem ehr­li­chen Umgang mit sich selbst.

Eine Frage bleibt, und sie bleibt für immer: Wenn es keine Beob­ach­tung geben kann, die das Gesche­hen nicht auch beein­flusst, wie sehr hat dann der Film selbst und seine Ent­ste­hung auch Anteil an dem Gesche­hen? Die Selbst­in­sze­nie­rung in einem nor­ma­len sozia­len Kon­text ist das eine, aber wie frei kann jemand sein, wenn eine Kamera mit­läuft und in wesent­li­chen Momen­ten auch immer da sein wird, för­dert das nicht noch zusätz­lich einen sowieso aus­ge­präg­ten Hang zur Dar­stel­lung? In einem Inter­view sagte Aljoscha Pause, er habe Tho­mas Broich »bei sei­ner Eitel­keit gepackt«. Ob sich die­ser Griff irgend­wann löste, bleibt offen.

Kino-Termine des Films, Ver­öf­fent­li­chung auf DVD am 25. Novem­ber 2011.

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