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Keine Frage des Glücks
Fortuna Düsseldorf vs. Bayern München (1:0)

Viel­leicht ist es die lange Serie ohne Nie­der­lage, viel­leicht die Über­le­gen­heit, viel­leicht auch nur die Farbe der Tri­kots: For­tuna Düs­sel­dorf erin­nert mich in die­sen Tagen sehr an Bay­ern Mün­chen. Natür­lich gibt es viele Unter­schiede, bei­nahe alle spre­chen für die Bay­ern, aber in einem ganz wesent­li­chen ist es anders: Die For­tuna ist stär­ker, was die Grup­pen­dy­na­mik betrifft.

Im letz­ten Spiel gegen Fürth haben die Düs­sel­dor­fer die erste Halb­zeit auf eine Weise beherrscht, dass eine Nie­der­lage undenk­bar wurde, im Gegen­teil war­tete man nur dar­auf, in wel­cher Höhe die­ser Sieg aus­fal­len würde. Nach der Pause sah das anders aus, über­ra­schend für Zuschauer und Spie­ler glei­cher­ma­ßen, mit einem Mal war klar, dass nichts mehr selbst­ver­ständ­lich ist, und eben zwei Mann­schaf­ten mit allen Mög­lich­kei­ten auf dem Platz ste­hen. Das war beein­dru­ckend von bei­den glei­cher­ma­ßen, denn das ver­än­derte Spiel war Ergeb­nis eines Wech­sels der Hal­tung bei­der Teams: Einer­seits die Für­ther, die zuerst das sichere Wis­sen um den Ver­lust haben los­wer­den muss­ten, auf der ande­ren Seite die Düs­sel­dor­fer, die den siche­ren Sieg über­ra­schend rela­ti­viert sahen. Das Spiel war wie­der offen.

Aus einer voll­kom­me­nen Über­le­gen­heit her­aus sahen die Düs­sel­dor­fer sich mit einem Mal einem Geg­ner gegen­über, der sich nicht mehr in sein Schick­sal fügte, der Fort­lauf des Spiels ver­lor seine Selbst­ver­ständ­lich­keit, und die Spie­ler waren gezwun­gen, inner­halb kür­zes­ter Zeit umzu­den­ken. Das ist ihnen gelun­gen – das Spiel wurde här­ter, lau­ter, es wurde gekämpft und gerun­gen, und man spürte in jeder Aktion, dass zwar Schön­heit und Über­le­gen­heit ver­lo­ren gegan­gen waren, nicht aber der Sie­ges­wille. Im Gegen­teil, aus einem eher zuge­fal­le­nen Bewusst­sein des kom­men­den Sie­ges ent­wi­ckelte sich der Wille, aus der Theo­rie die Pra­xis.

Im Grunde sum­miert die­ses eine Spiel der Düs­sel­dor­fer die bis­he­rige Sai­son der Bay­ern. Der Unter­schied ist: Die Bay­ern sind noch nicht ange­kom­men in einer neuen Situa­tion, sie haben den Pau­sen­pfiff nicht gehört, und fernab von jeder Stra­te­gie, Tak­tik oder auch dem Schick­sal von Ein­zel­spie­lern schaf­fen sie es nicht, die not­wen­dig neue Hal­tung zu zei­gen. Nach­dem ihnen alles in berech­tig­ter Weise zuge­flo­gen ist, wäre nun Arbeit ange­sagt in dem Bewusst­sein, dass Geg­ner wie­der Geg­ner sind.

Natür­lich sind Tak­tik und Hal­tung der Geg­ner rele­vant, natür­lich ist auch der Aus­fall von Bas­tian Schwein­stei­ger nicht egal, aber viel­leicht nicht so sehr wegen sei­ner spiel­tech­ni­schen Wich­tig­keit, son­dern eher wegen sei­ner Fähig­keit, in solch ver­än­der­ten Situa­tio­nen eine neue Hal­tung zu zei­gen, und den Sin­nes­wan­del sei­ner Mit­spie­lern zu initi­ie­ren. Ein Füh­rungs­spie­ler kann so etwas; ob es auch Schwein­stei­ger kann, wird man bei sei­ner Rück­kehr ins Team beob­ach­ten kön­nen.

Auch Trai­ner sind in der Ver­ant­wor­tung, sie sind in der Posi­tion, der Lage und auch in der Pflicht, auf die Mann­schaft posi­tiv ein­zu­wir­ken, gerade in sol­chen Pha­sen der Ver­än­de­rung. Momen­tan hat man jedoch eher das Gefühl, dass Jupp Heynckes es in einer Hal­tung des Trot­zes sei­ner Mann­schaft gleich­tut, eigent­lich müsste all das bes­ser und anders, man sollte sie­gen. Aber die Rea­li­tät zeigt sich sel­ten wie sie sein sollte, ohne dass man etwas dafür tut.

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Twitter-TV


Wenn ich ein Fuß­ball­spiel fern­sehe, dann laufe ich manch­mal hin­über zu mei­nem Com­pu­ter, um bei Twit­ter zu lesen und all das, was die Time­line dazu sagt, Foul oder nicht, Ver­let­zung, Parade, und sonst so? Mit dem iPhone wäre das sicher­lich leich­ter, aber mei­nes ist alt und sehr lang­sam, es hinkt hin­ter­her und das macht mich ner­vös. Also muss ich rüber zum Schreib­tisch. Die­sen Weg nehme ich gerne in Kauf, denn es gefällt mir, die ande­ren zu lesen: Ein biss­chen fühlt es sich an, als würde man gemein­sam das Spiel anschauen, eine Fuß­ball­kneipe in Schrift­form. Irgend­wann hatte ich es gedacht, auch geäu­ßert, und wie so oft blieb ich lange rat­los, warum die gro­ßen Fir­men so unglaub­lich dumm sind, die offen­sicht­li­chen Dinge nicht selbst zu erken­nen: Twit­ter gehört in mein Fern­seh­ge­rät.

Ich warte ja sowieso schon seit Jah­ren dar­auf, dass end­lich ein Her­stel­ler begreift, wie toll eine ver­nünf­tige Ver­bin­dung von Inter­net und TV-Signal wäre, Sen­dun­gen könn­ten um Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen erwei­tert wer­den, Abstim­mun­gen, Leser­in­ter­ak­tio­nen, das alles ist so nahe­lie­gend, dass ich dau­er­ver­dutzt bin, dass es das nicht längst gibt. Meine stille Hoff­nung galt lange Apple, die könn­ten ein Fern­seh­ge­rät bauen, das end­lich all das und meine Wün­sche inte­griert. Aber es dau­ert, nichts pas­siert.

Zumin­dest nicht bei Apple, und es liegt gewiss an einem stark ein­ge­schränk­ten Sicht­feld, dass ich das bis­her nicht wahr­ge­nom­men habe: Google TV macht unter ande­rem genau das, es ver­bin­det Twit­ter und Fuß­ball. Zwar sieht das nicht im Ansatz so aus, wie ich es mir vor­ge­stellt hatte – nicht son­der­lich ele­gant gelöst, das Fern­seh­bild viel zu klein und der Rest zu mons­trös, umge­kehrt wäre mir das viel lie­ber, aber all das ist egal: Es ist zumin­dest ein Anfang.

Google redet von vie­len Din­gen, die man in ähn­li­cher Form auch auf dem App­leTV fin­det (es geht wie immer auch um den Ver­kauf von Inhal­ten), aber tat­säch­lich glaube ich, dass es Ange­bote wie Twit­ter sind, die einen Unter­schied machen könn­ten: Es gibt das pas­sive Fern­se­hen und die Inter­ak­tion im Netz, in der Ver­bin­dung könnte dar­aus ein gro­ßer Spaß wer­den. Ab 2011 auch in Deutsch­land. Viel­leicht ist bis dahin ja auch Apple so weit.

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Lieber Philipp Lahm,

bitte tre­ten Sie als Kapi­tän der Natio­nal­mann­schaft zurück.

Sie wer­den Ihrer Ver­ant­wor­tung als Leit­fi­gur des deut­schen Aus­wahl­teams und Vor­bild jun­ger Men­schen nicht gerecht, Beleg seien Ihre Aus­füh­run­gen zum Thema Homo­se­xua­li­tät: Was soll ein schwu­ler Fuß­bal­ler den­ken, dem der Kapi­tän der deut­schen Natio­nal­mann­schaft nahe­legt, sein Ver­steck­spiel lie­ber bei­zu­be­hal­ten, weil alles andere zu Schwie­rig­kei­ten füh­ren würde?

Es stimmt schon: Ihre Ein­schät­zun­gen bil­den die aktu­elle Lebens­wirk­lich­keit ab und sind nicht ohne Logik, und den­noch sind sie mora­lisch falsch: Sie sind nicht außen­ste­hen­der Beob­ach­ter, son­dern Teil des Sys­tems und dar­über hin­aus Füh­rungs­fi­gur, des­halb reicht nicht aus, die Rea­li­tät als sol­che zu erken­nen, son­dern es ist eine klare Posi­tio­nie­rung für das Rich­tige gefor­dert – auch und gerade dann, wenn das für alle Betei­lig­ten unbe­quem wer­den könnte. Diese auch von Ihnen befürch­te­ten Unbe­quem­lich­kei­ten wären nicht schlimm, son­dern im Gegen­teil ein gewal­ti­ger Fort­schritt: Es wären mit einem Mal viele, die mit einer sol­chen Situa­tion gemein­sam umge­hen kön­nen, statt jener Ein­zel­nen, die bis­her alleine gelas­sen wer­den.

Statt der Füh­rung haben Sie die Ver­wal­tung gewählt, das wird der Auf­gabe eines Kapi­täns nicht gerecht – oder nur auf sehr for­male Weise. Es braucht jeman­den, der Orien­tierung und Kurs vor­gibt, gefor­dert wären: Inspi­ra­tion, Stärke und eine klare Hal­tung, auch gegen Wider­stände. Sie wol­len Lea­der sein, aber blei­ben Kolum­nist.

Sie haben die fal­schen Signale gesetzt, Ihre Aus­sa­gen sind fahr­läs­sig: Nun sind Sie selbst ein Teil des Pro­blems. Von einem Mann­schafts­ka­pi­tän muss man erwar­ten kön­nen, dass er sich öffent­lich vor sein Leute stellt und unein­ge­schränkte Unter­stüt­zung signa­li­siert, per­sön­lich und im Namen von Team und Ver­band. Das ist nicht zu viel ver­langt, denn all die befürch­te­ten Unan­nehm­lich­kei­ten wür­den ja ver­ge­hen: Es wäre ein Geburts­schmerz, dem etwas Schö­ne­res folgt. Etwas Rich­ti­ge­res.

Bitte machen Sie Platz für jeman­den, der sich dazu in der Lage sieht.

Herz­li­che Grüße,
Harald Mül­ler.

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Schalke 04

Vor eini­gen Jah­ren hatte ich es schon ein­mal gemacht, damals mit der deut­schen Natio­nal­mann­schaft: Alle Gesich­ter eines Teams tech­nisch sum­miert in ein ein­zi­ges gemein­sa­mes. Als Resul­tat ergibt sich das Gesicht einer Mann­schaft, diese selt­same Vor­stel­lung von dem ein­zi­gen Ant­litz einer viel­köp­fi­gen Gruppe – auf diese Weise kann man es tat­säch­lich sehen.

Dies­mal ist es Schalke im Jahre 2011, und auch hier bin ich wie­der erstaunt, wie jung und sym­pa­thisch die­ser Mensch aus­sieht, den es als ein real exis­tie­ren­des Lebe­we­sen nie­mals gege­ben hat, der nur Idee ist vom Einen, in dem sich alle ver­sam­meln.

Wenn ich Geld hätte und Zeit, das rich­tige Equip­ment und die not­wen­di­gen Kon­takte, dann wäre das unter den Din­gen, die ich gerne tun würde: Ein­fach vor einer nächs­ten Sai­son durch die Lande rei­sen und die Ver­eine besu­chen, und dann all ihre Spie­ler vor die Kamera holen, sau­ber aus­ge­rich­tet und in der not­wen­di­gen for­ma­len Gleich­heit fest­ge­hal­ten. Ich würde gerne sehen, wie sie sich zuein­an­der ver­hal­ten – die dar­aus resul­tie­ren­den Acht­zehn.

Kader Schalke 04 (2011) | Mathias Scho­ber, Timo Hil­de­brand, Lars Unner­stall, Hans Sar­pei, Ser­gio Escu­dero, Bene­dikt Höwedes, Tim Hoog­land, Kyria­kos Papa­do­pou­los, Chris­toph Met­zel­der, Atsuto Uchida, Chris­tian Fuchs, Lewis Holtby, Alex­an­der Baum­jo­hann, Marco Höger, Jer­maine Jones, Jan Mora­vek, Jurado, Peer Kluge, Chris­toph Moritz, Levan Kenia, Julian Drax­ler, Joel Matip, Raul, Ciprian Marica, Jef­fer­son Far­fan, Teemu Pukki, Klaas-Jan Hun­telaar

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Johannes B. Klopp
Arsenal FC vs. Borussia Dortmund (2:1)

Es geht mir wie Jür­gen Klopp, ich bin nicht in der Stim­mung, ein Spiel Revue pas­sie­ren zu las­sen. Aber im Gegen­satz zu mir hat der Mann Drei­ta­ge­bart und Ver­trag, er weiß um Auf­ga­ben und Ver­pflich­tung: Auch wenn er kaum eine Mög­lich­keit sieht über das Spiel zu spre­chen, er tut es den­noch, ohne Lust oder Inspi­ra­tion, und obwohl er mit den Gedan­ken woan­ders ist. Der Kie­fer sei an bei­den Auf­hän­gun­gen gebro­chen, sagt Klopp über die Ver­let­zung Sven Ben­ders, als brau­che es eine nach­voll­zieh­bare Erklä­rung für seine Erschüt­te­rung, er schaut hin­über zu Johan­nes B. Ker­ner.

Für einen Moment hat man den Ein­druck, als würde er nach Ver­ständ­nis suchen im Gesicht des Freun­des, könnte ja sein, dass das ginge, viel­leicht erst ein­mal über Ver­let­zung und Gefühle reden, und dar­über, wie fra­gil das alles doch ist, und das Spiel ein­fach mal Nach­spiel sein las­sen, ganz ohne Kom­men­tar des Betei­lig­ten. Aber Ker­ner hat schon getan was er konnte, dann reden wir eben zuerst dar­über, bevor wir über die Tabel­len­si­tua­tion spre­chen, und so muss all das in den Hin­ter­grund rücken für Klopp und durch Klopp. Klopp selbst inklu­sive.

Ich weiß nicht genau, warum diese pro­fes­sio­nelle Gna­den­lo­sig­keit aller Betei­lig­ten so sehr in mir nach­schwingt, und warum ich diese Szene für einen Beleg des Zwang­haf­ten eines Sys­tems halte, in dem Mensch und Befind­lich­keit nach­ran­gig sind. Es ist ja nicht ein­mal so, dass die Begeg­nung im Stu­dio ganz offen­sicht­lich Dra­ma­ti­sches zei­gen würde, kei­nes­wegs, ganz im Gegen­teil ist sie gewöhn­lich: Ziem­lich fürch­ter­li­che Nach­richt im Hin­blick auf das was sonst noch kommt in der Sai­son, wenn wir ans Sams­tags­spiel den­ken und so wei­ter, und so wei­ter, Ker­ners Halb­sätze sind irri­tie­rend, aber sie blei­ben ohne Skan­dal. Es dreht sich um Fak­ten, und geht also wei­ter im Aus­tausch der Ansichts­sa­chen – die gewohnte Selbst­ver­ständ­lich­keit der Klopp’schen Kurzana­lyse, die Kerner’sche Popu­lär­in­tel­lek­tua­li­tät, und ab und zu ein lachen­der Franz aus dem Off.

Viel­leicht musste das auch so sein, denn selbst wer als Zuschauer all das eben­falls schlimm fand, ein dop­pel­ter Kie­fer­bruch, immer­hin, und selbst wer genauso betrof­fen sein sollte von der schnel­len Abfolge solch wider­sprüch­li­cher Seins­zu­stände – vom Hoch­leis­tungs­sport­ler zur Hilf­lo­sig­keit in nur weni­gen Augen­bli­cken –, wird es ver­mut­lich den­noch nicht als einen aus­rei­chen­den Grund sehen für ein Ver­stum­men vor lau­fen­der Kamera.

Ich zumin­dest hätte es gern anders gehabt, ges­tern Abend: Dass eine solch sub­jek­tive Sprach­lo­sig­keit wie die von Klopp ange­deu­tete tat­säch­lich auch unter dem Ein­druck der Pflicht am Betrach­ter rele­vant sein und respek­tiert wer­den könnte, das hätte zuver­sicht­lich stim­men kön­nen.

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Bend it like Bender

Eigent­lich kann ich nicht ein­schät­zen, wel­che Web­logs gemocht und gele­sen wer­den, und den­noch habe ich auto­ma­tisch eine Vor­stel­lung davon, dass jenes eine von allen und jenes andere kaum wahr­ge­nom­men wird. Eines, von dem ich regel­mä­ßig denke, wie groß­ar­tig das doch ist, und welch ein fei­nes Auge sich dort zeigt für beson­dere Bil­der, Momente und Texte, und dass ihr alle dort drau­ßen das erken­nen müss­tet, das ist Bend it like Ben­der.

Das Tor, gut. Das nehm ich so hin. Aber die Kame­ra­ein­stel­lung? Der Wahn­sinn! So eine Über­sicht. So viel grün.

Natür­lich kann es gut sein, dass das tat­säch­lich so ist, und dass schon tau­send­fach gele­sen wird, was ich noch als einen Geheim­tipp ver­mute: Das würde mir gefal­len. Denn es würde zwangs­läu­fig ja auch bedeu­ten, dass die reale Netz­welt viel näher an mei­ner eige­nen Vor­stel­lun­gen von so etwas wie einer Wahr­neh­mungs­ge­rech­tig­keit ist, als ich sie ver­mute.

Bend it like Ben­der, auch bei Twit­ter.

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No balls, no games

Foto & Art Copy­right © 2011 banksy

Wir hin­ge­gen durf­ten Ball­spie­len, Ver­bots­schil­der kenne ich nicht, unsere Anwei­sung lau­tete anders: Nicht vor den neuen Zaun vom »Acker­mann« schie­ßen. Der Acker­mann hieß nicht wirk­lich Acker­mann – wir hat­ten ihn so genannt, weil nur an Wochen­en­den in sei­nem Gar­ten war, der an unse­ren Acker grenzte. Es war auch kein wirk­li­cher Acker, son­dern eine große Wiese am Ende unse­res Gar­tens. Dort spiel­ten wir Ten­nis, Cow­boy und India­ner, Fuß­ball, der neue Draht­zaun des Acker­manns war inner­halb kür­zes­ter Zeit ver­beult, ich erin­nere das metal­li­sche Geräusch, wenn wie­der ein Schuss unge­hal­ten blieb. Aber der Acker­mann war ein gut­mü­ti­ger Mensch, und er war sport­lich, und so ließ uns gewäh­ren. An man­chen Tagen ver­suchte er sich in einem Tennis-Match gegen uns. Er spielte im Ver­ein, regel­mä­ßig und gut, aber auf die­sem holp­ri­gen Boden hatte er kaum eine Chance, das alles ähnelte mehr Tisch­ten­nis und musste aus dem Hand­ge­lenk gespielt wer­den, seine kor­rekte Tech­nik half nicht bei ver­sprin­gen­den Bäl­len.

Am ande­ren Ende des Gar­tens lebte Herr Roenert mit sei­ner Frau, hin­ter einem eben­falls manns­ho­hen Draht­zaun, von hin­ten ver­klei­det mit Stroh­mat­ten, dahin­ter eine Reihe von Tan­nen, dahin­ter er. Wir konn­ten kaum abschät­zen, ob er sich im Gar­ten befand, und immer wenn wir einen ver­lo­re­nen Ball nicht auf­ge­ben woll­ten, war die Ber­gung eine kleine Mut­probe. Ich erin­nere mich noch, dass Herr Roenert Darm­krebs hatte, »der hat einen künst­li­chen Aus­gang« flüs­terte meine Mut­ter ein­mal, und es gab noch kein Google um her­aus­zu­fin­den, was damit wohl gemeint war. Der Mann war groß, und meis­tens schaute er sehr erwach­sen. Die Ernst­haf­tig­keit sei­ner Zurecht­wei­sun­gen erin­nere ich, nicht aber sei­nen genauen Namen – es könnte auch »Roeh­nert« gewe­sen sein, mit einem »h«. Ich weiß es nicht mehr, und ich wusste es damals nicht. Ich wusste sowieso wenig in die­sen Zei­ten, nur die übli­chen Regeln: Man schießt nicht gegen den Zaun, legt die Hände neben den Tel­ler, darf nach dem Essen nicht ins Was­ser, »Du« schreibt man groß.

Es ist nicht viel geblie­ben, aber das große »Du« hielt sich hart­nä­ckig. Noch heute schreibe ich es so, und erst durch die Vor­be­rei­tun­gen für die Aktion Libero hat sich an die­ser Groß­ar­tig­keit etwas ver­än­dert – es arbei­ten moderne Men­schen dort, und das »Du« wird zwangs­läu­fig zum »du«, alles klein und das ist auch gut so, ich musste mich dran gewöh­nen und wurde gleich­zei­tig ent­wöhnt, das große »Du« geht mir lang­sam ver­lo­ren. Nun bin ich sowieso der tie­fen Über­zeu­gung, dass Spra­che wich­tig ist, und kei­nes­wegs egal, wie man sie gebraucht. Ich zucke zusam­men, wenn ich von »Bul­len­schwei­nen« lese oder ver­gleich­ba­ren Ein­ord­nun­gen, und ich bin mir sicher, dass Worte keine Ein­bahn­straße sind, dass nicht nur Wör­ter Gedan­ken zum Aus­druck brin­gen, son­dern dass die Benut­zung von Wör­tern umge­kehrt auch das Den­ken beein­flusst. Auto­ma­tisch muss ich mir selbst also ver­däch­tig sein, wenn ich meine eigene Spra­che beob­achte, und so ist mir auch die­ses geschrumpfte »du« ein biss­chen suspekt: Laufe ich viel­leicht Gefahr, in Dir nur noch ein dir zu sehen, ist das nicht auto­ma­tisch auch weni­ger, was geschieht da mit mir, und mit dir?

Es beru­higt mich ein wenig, dass man es auch von einer ande­ren Warte aus sehen kann, im Grunde ist es ja nur eine Anglei­chung zum ich, das rück­bli­ckend schon immer klein­ge­hal­ten wurde. Das klingt kom­pli­ziert, und viel­leicht ist es das auch, was ich eigent­lich sagen wollte: Wun­dere dich nicht, wenn ich dich nicht mehr groß schreibe, es hat nichts mit man­geln­dem Respekt zu tun. Im Gegen­teil: Wir wer­den uns zukünf­tig auf Augen­höhe begeg­nen.

»You’re wel­come to down­load wha­te­ver you wish from this site for per­so­nal use.« Es klingt sehr frei, was dort auf der Home­page steht.

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