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The Foospaper

Copyright © 2011 by Tom Chitty (The Foospaper | @foospaper)

Fußball ist eine ernste Angelegenheit. Wenn es doch einmal lustig wird, geschieht das meist unfreiwillig, es füllen sich Bücher mit den Zitaten von Fußballern und Trainern. Diesen eher höhnischen Ansatz muss man mögen, ich ja nicht so. Das dort oben hingegen finde ich wundervoll, frisch aus London: The Foospaper.

Fußball, gezeichnet und voller Humor, ich kenne kaum etwas Vergleichbares. Noch nicht einmal drei Monate ist »The Foospaper« alt, und bisher gibt es das nur im Netz. Vermutlich wird sich das ändern, zumindest ist es dem Macher zu wünschen – Tom Chitty arbeitet als Illustrator in London und für namhafte Kunden, zeichnet von Hand, säubert und koloriert digital. »The Foospaper« is not partisan, antwortete er auf meine Frage nach seinem Lieblingsteam, vermutlich gelogen, aber so kann sich zumindest niemand beschweren. Den deutschen Fußball hat er nicht auf dem Radar, er wird sich das bei den nächsten Begegnungen der Champions League einmal näher anschauen. Ich muss ein bisschen aufpassen, dass ich nicht rausplatze mit den ganzen Bildideen für ihn, würde nichts bringen, mein Humor bleibt selten geteilt: Ich habe ja selbst mal ein Comic gezeichnet, anderes Thema und andere Zeit, ungefähr zwanzig Jahre her und längst verjährt, ein großer Erfolg – zumindest was die Lehren angeht, die ich daraus gezogen habe. Aber das ist eine andere Geschichte.

The Foospaper gibt es auch auf Twitter.

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Keine Frage des Glücks
Fortuna Düsseldorf vs. Bayern München (1:0)

Vielleicht ist es die lange Serie ohne Niederlage, vielleicht die Überlegenheit, vielleicht auch nur die Farbe der Trikots: Fortuna Düsseldorf erinnert mich in diesen Tagen sehr an Bayern München. Natürlich gibt es viele Unterschiede, beinahe alle sprechen für die Bayern, aber in einem ganz wesentlichen ist es anders: Die Fortuna ist stärker, was die Gruppendynamik betrifft.

Im letzten Spiel gegen Fürth haben die Düsseldorfer die erste Halbzeit auf eine Weise beherrscht, dass eine Niederlage undenkbar wurde, im Gegenteil wartete man nur darauf, in welcher Höhe dieser Sieg ausfallen würde. Nach der Pause sah das anders aus, überraschend für Zuschauer und Spieler gleichermaßen, mit einem Mal war klar, dass nichts mehr selbstverständlich ist, und eben zwei Mannschaften mit allen Möglichkeiten auf dem Platz stehen. Das war beeindruckend von beiden gleichermaßen, denn das veränderte Spiel war Ergebnis eines Wechsels der Haltung beider Teams: Einerseits die Fürther, die zuerst das sichere Wissen um den Verlust haben loswerden mussten, auf der anderen Seite die Düsseldorfer, die den sicheren Sieg überraschend relativiert sahen. Das Spiel war wieder offen.

Aus einer vollkommenen Überlegenheit heraus sahen die Düsseldorfer sich mit einem Mal einem Gegner gegenüber, der sich nicht mehr in sein Schicksal fügte, der Fortlauf des Spiels verlor seine Selbstverständlichkeit, und die Spieler waren gezwungen, innerhalb kürzester Zeit umzudenken. Das ist ihnen gelungen – das Spiel wurde härter, lauter, es wurde gekämpft und gerungen, und man spürte in jeder Aktion, dass zwar Schönheit und Überlegenheit verloren gegangen waren, nicht aber der Siegeswille. Im Gegenteil, aus einem eher zugefallenen Bewusstsein des kommenden Sieges entwickelte sich der Wille, aus der Theorie die Praxis.

Im Grunde summiert dieses eine Spiel der Düsseldorfer die bisherige Saison der Bayern. Der Unterschied ist: Die Bayern sind noch nicht angekommen in einer neuen Situation, sie haben den Pausenpfiff nicht gehört, und fernab von jeder Strategie, Taktik oder auch dem Schicksal von Einzelspielern schaffen sie es nicht, die notwendig neue Haltung zu zeigen. Nachdem ihnen alles in berechtigter Weise zugeflogen ist, wäre nun Arbeit angesagt in dem Bewusstsein, dass Gegner wieder Gegner sind.

Natürlich sind Taktik und Haltung der Gegner relevant, natürlich ist auch der Ausfall von Bastian Schweinsteiger nicht egal, aber vielleicht nicht so sehr wegen seiner spieltechnischen Wichtigkeit, sondern eher wegen seiner Fähigkeit, in solch veränderten Situationen eine neue Haltung zu zeigen, und den Sinneswandel seiner Mitspielern zu initiieren. Ein Führungsspieler kann so etwas; ob es auch Schweinsteiger kann, wird man bei seiner Rückkehr ins Team beobachten können.

Auch Trainer sind in der Verantwortung, sie sind in der Position, der Lage und auch in der Pflicht, auf die Mannschaft positiv einzuwirken, gerade in solchen Phasen der Veränderung. Momentan hat man jedoch eher das Gefühl, dass Jupp Heynckes es in einer Haltung des Trotzes seiner Mannschaft gleichtut, eigentlich müsste all das besser und anders, man sollte siegen. Aber die Realität zeigt sich selten wie sie sein sollte, ohne dass man etwas dafür tut.

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Twitter-TV


Wenn ich ein Fußballspiel fernsehe, dann laufe ich manchmal hinüber zu meinem Computer, um bei Twitter zu lesen und all das, was die Timeline dazu sagt, Foul oder nicht, Verletzung, Parade, und sonst so? Mit dem iPhone wäre das sicherlich leichter, aber meines ist alt und sehr langsam, es hinkt hinterher und das macht mich nervös. Also muss ich rüber zum Schreibtisch. Diesen Weg nehme ich gerne in Kauf, denn es gefällt mir, die anderen zu lesen: Ein bisschen fühlt es sich an, als würde man gemeinsam das Spiel anschauen, eine Fußballkneipe in Schriftform. Irgendwann hatte ich es gedacht, auch geäußert, und wie so oft blieb ich lange ratlos, warum die großen Firmen so unglaublich dumm sind, die offensichtlichen Dinge nicht selbst zu erkennen: Twitter gehört in mein Fernsehgerät.

Ich warte ja sowieso schon seit Jahren darauf, dass endlich ein Hersteller begreift, wie toll eine vernünftige Verbindung von Internet und TV-Signal wäre, Sendungen könnten um Hintergrundinformationen erweitert werden, Abstimmungen, Leserinteraktionen, das alles ist so naheliegend, dass ich dauerverdutzt bin, dass es das nicht längst gibt. Meine stille Hoffnung galt lange Apple, die könnten ein Fernsehgerät bauen, das endlich all das und meine Wünsche integriert. Aber es dauert, nichts passiert.

Zumindest nicht bei Apple, und es liegt gewiss an einem stark eingeschränkten Sichtfeld, dass ich das bisher nicht wahrgenommen habe: Google TV macht unter anderem genau das, es verbindet Twitter und Fußball. Zwar sieht das nicht im Ansatz so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte – nicht sonderlich elegant gelöst, das Fernsehbild viel zu klein und der Rest zu monströs, umgekehrt wäre mir das viel lieber, aber all das ist egal: Es ist zumindest ein Anfang.

Google redet von vielen Dingen, die man in ähnlicher Form auch auf dem AppleTV findet (es geht wie immer auch um den Verkauf von Inhalten), aber tatsächlich glaube ich, dass es Angebote wie Twitter sind, die einen Unterschied machen könnten: Es gibt das passive Fernsehen und die Interaktion im Netz, in der Verbindung könnte daraus ein großer Spaß werden. Ab 2011 auch in Deutschland. Vielleicht ist bis dahin ja auch Apple so weit.

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Lieber Philipp Lahm,

bitte treten Sie als Kapitän der Nationalmannschaft zurück.

Sie werden Ihrer Verantwortung als Leitfigur des deutschen Auswahlteams und Vorbild junger Menschen nicht gerecht, Beleg seien Ihre Ausführungen zum Thema Homosexualität: Was soll ein schwuler Fußballer denken, dem der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft nahelegt, sein Versteckspiel lieber beizubehalten, weil alles andere zu Schwierigkeiten führen würde?

Es stimmt schon: Ihre Einschätzungen bilden die aktuelle Lebenswirklichkeit ab und sind nicht ohne Logik, und dennoch sind sie moralisch falsch: Sie sind nicht außenstehender Beobachter, sondern Teil des Systems und darüber hinaus Führungsfigur, deshalb reicht nicht aus, die Realität als solche zu erkennen, sondern es ist eine klare Positionierung für das Richtige gefordert – auch und gerade dann, wenn das für alle Beteiligten unbequem werden könnte. Diese auch von Ihnen befürchteten Unbequemlichkeiten wären nicht schlimm, sondern im Gegenteil ein gewaltiger Fortschritt: Es wären mit einem Mal viele, die mit einer solchen Situation gemeinsam umgehen können, statt jener Einzelnen, die bisher alleine gelassen werden.

Statt der Führung haben Sie die Verwaltung gewählt, das wird der Aufgabe eines Kapitäns nicht gerecht – oder nur auf sehr formale Weise. Es braucht jemanden, der Orien­tierung und Kurs vorgibt, gefordert wären: Inspiration, Stärke und eine klare Haltung, auch gegen Widerstände. Sie wollen Leader sein, aber bleiben Kolumnist.

Sie haben die falschen Signale gesetzt, Ihre Aussagen sind fahrlässig: Nun sind Sie selbst ein Teil des Problems. Von einem Mannschaftskapitän muss man erwarten können, dass er sich öffentlich vor sein Leute stellt und uneingeschränkte Unterstützung signalisiert, persönlich und im Namen von Team und Verband. Das ist nicht zu viel verlangt, denn all die befürchteten Unannehmlichkeiten würden ja vergehen: Es wäre ein Geburtsschmerz, dem etwas Schöneres folgt. Etwas Richtigeres.

Bitte machen Sie Platz für jemanden, der sich dazu in der Lage sieht.

Herzliche Grüße,
Harald Müller.

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Schalke 04

Vor einigen Jahren hatte ich es schon einmal gemacht, damals mit der deutschen Nationalmannschaft: Alle Gesichter eines Teams technisch summiert in ein einziges gemeinsames. Als Resultat ergibt sich das Gesicht einer Mannschaft, diese seltsame Vorstellung von dem einzigen Antlitz einer vielköpfigen Gruppe – auf diese Weise kann man es tatsächlich sehen.

Diesmal ist es Schalke im Jahre 2011, und auch hier bin ich wieder erstaunt, wie jung und sympathisch dieser Mensch aussieht, den es als ein real existierendes Lebewesen niemals gegeben hat, der nur Idee ist vom Einen, in dem sich alle versammeln.

Wenn ich Geld hätte und Zeit, das richtige Equipment und die notwendigen Kontakte, dann wäre das unter den Dingen, die ich gerne tun würde: Einfach vor einer nächsten Saison durch die Lande reisen und die Vereine besuchen, und dann all ihre Spieler vor die Kamera holen, sauber ausgerichtet und in der notwendigen formalen Gleichheit festgehalten. Ich würde gerne sehen, wie sie sich zueinander verhalten – die daraus resultierenden Achtzehn.

Kader Schalke 04 (2011) | Mathias Schober, Timo Hildebrand, Lars Unnerstall, Hans Sarpei, Sergio Escudero, Benedikt Höwedes, Tim Hoogland, Kyriakos Papadopoulos, Christoph Metzelder, Atsuto Uchida, Christian Fuchs, Lewis Holtby, Alexander Baumjohann, Marco Höger, Jermaine Jones, Jan Moravek, Jurado, Peer Kluge, Christoph Moritz, Levan Kenia, Julian Draxler, Joel Matip, Raul, Ciprian Marica, Jefferson Farfan, Teemu Pukki, Klaas-Jan Huntelaar

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Johannes B. Klopp
Arsenal FC vs. Borussia Dortmund (2:1)

Es geht mir wie Jürgen Klopp, ich bin nicht in der Stimmung, ein Spiel Revue passieren zu lassen. Aber im Gegensatz zu mir hat der Mann Dreitagebart und Vertrag, er weiß um Aufgaben und Verpflichtung: Auch wenn er kaum eine Möglichkeit sieht über das Spiel zu sprechen, er tut es dennoch, ohne Lust oder Inspiration, und obwohl er mit den Gedanken woanders ist. Der Kiefer sei an beiden Aufhängungen gebrochen, sagt Klopp über die Verletzung Sven Benders, als brauche es eine nachvollziehbare Erklärung für seine Erschütterung, er schaut hinüber zu Johannes B. Kerner.

Für einen Moment hat man den Eindruck, als würde er nach Verständnis suchen im Gesicht des Freundes, könnte ja sein, dass das ginge, vielleicht erst einmal über Verletzung und Gefühle reden, und darüber, wie fragil das alles doch ist, und das Spiel einfach mal Nachspiel sein lassen, ganz ohne Kommentar des Beteiligten. Aber Kerner hat schon getan was er konnte, dann reden wir eben zuerst darüber, bevor wir über die Tabellensituation sprechen, und so muss all das in den Hintergrund rücken für Klopp und durch Klopp. Klopp selbst inklusive.

Ich weiß nicht genau, warum diese professionelle Gnadenlosigkeit aller Beteiligten so sehr in mir nachschwingt, und warum ich diese Szene für einen Beleg des Zwanghaften eines Systems halte, in dem Mensch und Befindlichkeit nachrangig sind. Es ist ja nicht einmal so, dass die Begegnung im Studio ganz offensichtlich Dramatisches zeigen würde, keineswegs, ganz im Gegenteil ist sie gewöhnlich: Ziemlich fürchterliche Nachricht im Hinblick auf das was sonst noch kommt in der Saison, wenn wir ans Samstagsspiel denken und so weiter, und so weiter, Kerners Halbsätze sind irritierend, aber sie bleiben ohne Skandal. Es dreht sich um Fakten, und geht also weiter im Austausch der Ansichtssachen – die gewohnte Selbstverständlichkeit der Klopp’schen Kurzanalyse, die Kerner’sche Populärintellektualität, und ab und zu ein lachender Franz aus dem Off.

Vielleicht musste das auch so sein, denn selbst wer als Zuschauer all das ebenfalls schlimm fand, ein doppelter Kieferbruch, immerhin, und selbst wer genauso betroffen sein sollte von der schnellen Abfolge solch widersprüchlicher Seinszustände – vom Hochleistungssportler zur Hilflosigkeit in nur wenigen Augenblicken –, wird es vermutlich dennoch nicht als einen ausreichenden Grund sehen für ein Verstummen vor laufender Kamera.

Ich zumindest hätte es gern anders gehabt, gestern Abend: Dass eine solch subjektive Sprachlosigkeit wie die von Klopp angedeutete tatsächlich auch unter dem Eindruck der Pflicht am Betrachter relevant sein und respektiert werden könnte, das hätte zuversichtlich stimmen können.

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Bend it like Bender

Eigentlich kann ich nicht einschätzen, welche Weblogs gemocht und gelesen werden, und dennoch habe ich automatisch eine Vorstellung davon, dass jenes eine von allen und jenes andere kaum wahrgenommen wird. Eines, von dem ich regelmäßig denke, wie großartig das doch ist, und welch ein feines Auge sich dort zeigt für besondere Bilder, Momente und Texte, und dass ihr alle dort draußen das erkennen müsstet, das ist Bend it like Bender.

Das Tor, gut. Das nehm ich so hin. Aber die Kameraeinstellung? Der Wahnsinn! So eine Übersicht. So viel grün.

Natürlich kann es gut sein, dass das tatsächlich so ist, und dass schon tausendfach gelesen wird, was ich noch als einen Geheimtipp vermute: Das würde mir gefallen. Denn es würde zwangsläufig ja auch bedeuten, dass die reale Netzwelt viel näher an meiner eigenen Vorstellungen von so etwas wie einer Wahrnehmungsgerechtigkeit ist, als ich sie vermute.

Bend it like Bender, auch bei Twitter.

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