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Der lange Atem der Dissonanz

Normalerweise ist Bernd Hoffmann ein vorsichtiger Mensch, und reserviert in seinen Aussagen. Im Doppelpass vom 2. Mai (zum Sendungsarchiv) jedoch wird aus dem Vorstandsvorsitzenden des HSV für einen Augenblick der unachtsamen Menschlichkeit: der Bernd.

»Ob es denn richtig sei, dass die Verpflichtung von Jürgen Klopp auf ein Veto von Dietmar Beiersdorfer zurückzuführen sei«, wird er gefragt, nach einem Moment des Zögerns antwortet er »Ja«.

Ein kleines Wort, in dem all das mitschwingt, was den Mann in den letzten Tagen, Monaten und Jahren bewegen muss: die viele Arbeit, die anstrengende Presse, das Nichtfunktionieren von Optionen und Mitarbeitern, und vielleicht ja auch die Sehnsucht, Verantwortung abzugeben. Er gibt sie ab: an Beiersdorfer, an das System der Einstimmigkeit. Ein bisschen Unschuld, das tut sicher gut, und weniger Druck: ein kleines »ja«, mehr brauchte es nicht. Nun ist er mit dem Verrat verheiratet.

Klopp, der war doch gut und wird immer besser, wird es heißen, den hätte man tatsächlich haben können? Und der Beiersdorf ist Schuld? Vermutlich wird sich Bernd Hoffmann mit diesem verspäteten Bauernopfer ein paar Tage aus der Schusslinie nehmen können, vielleicht genügend Zeit für eine große Lösung in der Trainerfrage. Eine kleine Lösung wird für den Vorstandsvorsitzenden wohl nicht mehr reichen.

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Der Hunger nach dem Hunger

Theoretisch ist der FC Bayern München Meister, um daran praktisch noch etwas zu ändern blieben zwei Dinge zu tun: Bayern müsste hoch verlieren und Schalke hoch gewinnen – in der Summe wären 17 Tore Differenz wettzumachen.

Es hat ähnliche Situationen gegeben, aber man muss lange suchen – am Ende des letzten Spieltags der 15. Bundesligasaison (29. April 1978) war Köln zwar mit 3 Toren Vorsprung Meister, der Nachmittag jedoch war aufregend. Der Verfolger Gladbach hatte tatsächlich 12:0 gegen Dortmund gewonnen, das hätte für die Meisterschaft gereicht, aber zur gleichen Zeit gewann Köln ebenfalls, 6:0 gegen St. Pauli. Summierte 18 Tore in zwei Spielen – das würde am nächsten Wochenende reichen, wenn auch die Verteilung eine andere sein müsste.

Das wird nicht geschehen, Bayern ist also Meister und wird das letzte Spiel der Ligasaison gegen den schon heute feststehenden ersten Absteiger spielen: Hertha BSC Berlin. Es wird ein ruhiger Tag sein, der Erste gegen den Letzten, alle Entscheidungen gefallen, man könnte es sich gut gehen lassen. Ein Trainingsspiel bestenfalls, ein paar wichtige Spieler dürften pausieren, Regeneration stünde im Vordergrund. Mit der frühen Entscheidung in der Meisterschaft hätte man nun die nötige Zeit, der nächste wichtige Termin ist der 15. Mai, erst dann geht es um den DFB-Pokal gegen Werder Bremen. Aber Urlaub in Berlin, das wäre ein Fehler, den van Gaal nicht machen wird.

Die Bremer haben einen Lauf, gerade erst haben sie Schalke aller Meisterchancen beraubt, sie selbst haben beste Karten den so wichtigen dritten Tabellenplatz zu halten, das Internationale Premiumgeschäft winkt. Das wird nicht leicht, selbst für die Meister aus München, und es gilt die Spannung zu halten, in Körper und Geist, und das unbedingte Wollen nicht zu verlieren. Machen sie jetzt eine Pause, schonen Spieler, das wäre, als würde man bei einem Marathonlauf nach 20 Kilometern erst einmal Kaffeeklatsch halten: Danach wird man nicht mehr auf Betriebstemperatur kommen. Den Hunger auf Kuchen sollten sie aufsparen, für die Zeit nach dem Hunger.

Pokalfinale, Champions League, Erdbeertorte.

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