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Herr Podolski
Deutschland vs. Serbien (0:1)

Das hier ist Fußball, kein Tischtennis, kommentierte Oliver Kahn die Schiedsrichterleistung des Spiels. Und tatsächlich hatte Schiedsrichter Undiano zuvor kleinlich gepfiffen, acht gelbe Karten und eine gelbrote wurden der überwiegend fairen Partie nicht im Ansatz gerecht. Der Spanier hatte schon im Vorlauf betont, dass er sich früh Respekt verschaffen wolle, und auch im Briefing vor dem Spiel nochmals angekündigt: »Wer von hinten in die Beine geht, bekommt zwingend eine gelbe Karte.«

Die Schiedsrichterleistung wird zwar für die FIFA zu thematisieren sein – fraglich ist, in welche Richtung sich das Spiel entwickeln soll –, für die Niederlage der deutschen Mannschaft ist sie jedoch nicht relevant: Spätestens nach einigen Minuten hätte jeder Spieler erkennen müssen, dass Vorsicht angebracht ist. Schiedsrichter sind wie ein Gewitter; wer trotz besseren Wissens auf der Wiese tanzt, darf sich nicht wundern, wenn er vom Blitz getroffen wird. Kaum zu begreifen, dass es mit Miroslav Klose gerade der älteste und vermeintlich erfahrenste Feldspieler des deutschen Teams war, der ungeachtet seiner frühen gelben Karte erneut von hinten in einen Zweikampf ging. Das musste nicht Gelb bedeuten, aber es konnte, und so waren Ort und Weise des Fouls schlicht dumm, alleine schon deshalb einer gelbroten Karte würdig. Eine unnötige Aktion zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, denn die deutsche Mannschaft hatte gerade begonnen, sich zunehmend mit der unkonventionellen Taktik der Serben zu arrangieren und sich erkennbar zu befreien. Die hatten das Spielfeld sehr eng gemacht in einer nahezu wabenförmigen Ordnung (wie es ein ansonsten eher einfallsloser Kommentator erkannte), die deutschen Spieler wurden zu Beginn schon am eigenen Sechzehnmeterraum attackiert.

So aber kam es, dass die deutsche Mannschaft seit der 37. Minute in Unterzahl spielen musste, und nur eine Minute später in Rückstand geriet. Ein Umstand, den man im Verlaufe des Spieles kaum mehr wahrnehmen konnte, es blieb zwar bei dem zahlenmäßigen Ungleichgewicht, auf jede andere Weise aber waren die beiden Mannschaften sich ebenbürtig. Den Schock von Karte und Gegentor schluckte die Mannschaft und raffte sich auf, mit ein bisschen Glück würde man am heutigen Abend von einem schwierigen Sieg reden können und sich begeistern über die Abgeklärtheit, Kraft und mentale Stärke, mit der das junge Team spielte. So aber, einige ausgelassene Chancen, Paraden und Pfostenschüsse später, blieb es bei einer knappen Niederlage.

Die meisten dieser Chancen gingen von einem Mann aus, der in der öffentlichen Meinung als einer der Verlierer des Spiels gilt. Lukas Podolski hatte schon in der 6. Minute mit einem Direktschuss beinahe den Führungstreffer erzielt, im Laufe des Spieles kamen weitere gute Aktionen hinzu. Keine davon resultierte in einem Tor, allerdings wäre es falsch, dies seinem vermeintlichen Unvermögen zuzuschreiben, heute fehlte schlicht das notwendige Glück. Vermutlich würde er in jedem Fazit besser wegkommen, wäre nicht auch er es gewesen, der in der 60. Minute einen Foulelfmeter verschoss. Auch so etwas kann passieren, erkennbar schlecht geschossen war der Ball nicht. Viel erstaunlicher bei all seinen Aktionen ist die Art und Weise, mit der er sie ausführte. Lukas Podolski hat heute Verantwortung übernommen, auf dem Platz und daneben, bei Schüssen und Elfmeter, und auch nach dem Spiel stand er sofort Rede und Antwort, nicht kleinlaut, und auch ohne den geringsten Grund, kleinlaut zu sein. Man stelle sich vor, nur ein oder zwei seiner Aktionen wären von Erfolg gekrönt worden, aus einem tragischen Helden wäre ein Held geworden, so ist das in Fußball und Leben; fest steht, für beides braucht es Männer.

Podolski ist ein Riese im Herzen, er hat Charakter gezeigt, und man würde ihm wünschen, dass er dafür belohnt worden wäre.

Einige Fragen bleiben offen und eine aussagekräftige Positionsbestimmung für dieses Turnier geben weder das erste erfolgreiche, noch das heutige verlorene Spiel. Schweinsteiger schien stärker erkrankt, als durchgedrungen war, die Erkältung war ihm anzusehen beim Interview nach dem Spiel; vermutlich auch der Grund, warum nicht er es war, den Elfmeter schoss. Lahm hat keinen guten Tag erwischt; Badstuber agierte erkennbar unglücklich. Zudem wurden zwei der wichtigsten Spieler ausgewechselt, Özil und Müller, eine überraschende Entscheidung des Bundestrainers Löw; zwar hatte Özil tatsächlich nicht seinen besten Tag, aber eben immer wieder auch großartige Aktionen. Vielleicht wäre es aussichtsreicher gewesen, Marin für eben jenen Badstuber zu bringen und hinten fortan mutig in einer Dreierkette zu spielen, aber wie auch immer: Trainer ist Trainer, und wir schauen zu.

Spaß macht es dennoch. Und hoffentlich länger als nur für das nächste, wichtige Spiel gegen Ghana.

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WSDS

Nicht nur Michael Ballack muss auf die Weltmeisterschaft 2010 verzichten, zahlreiche andere Stars wird man ebenso vergeblich suchen. Ob nun Essien, Beckham, Nani oder Diego, die Liste der Verletzten und Aussortierten ist lang. Beinahe hat man glauben können, das Schicksal wolle dafür sorgen, dass Raum geschaffen werde für neue Gesichter. Einige haben es dennoch nach Südafrika geschafft. Der erste Spieltag ist vorbei, man hat sie alle sehen können, aber nur wenige haben sich wirklich gezeigt. Wird es dennoch den einen Superstar geben? Die Umfrage: Weiterlesen →

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Jabenaglio
Spanien vs. Schweiz (0:1)

Wenn eine Mannschaft besonders defensiv spielt und als primäres Ziel verfolgt, keinen Gegentreffer zu erhalten, dann spricht man von Catenaccio, einer Spielweise, die von den Italienern perfektioniert wurde, die aber ursprünglich auf dem Schweizer Riegel basiert. Die Schweizer haben also eine lange Tradition der Defensivstrategien, auch in modernen Zeiten haben sie diese Fähigkeit bewahrt: Im Spiel gegen den designierten Weltmeister Spanien blieben sie ohne Gegentor, das fünfte »zu Null« in Folge, in diesem Rekord der Torlosigkeit ziehen sie mit Italien gleich. Der faszinierende Unterschied am heutigen Tag: Sie selbst erzielten einen Treffer. Die Sensation war perfekt.

Ottmar Hitzfeld wird als Vater des Erfolges gefeiert, aber auch wenn man sein Lebenswerk bewundert und ihm noch die letzte taktische Raffinesse zutraut, im Grunde verfolgte er heute ein konventionelles Programm: Man stellt sich hinten rein, lässt den Gegner bis in Strafraumnähe relativ frei aufspielen, läuft nicht unnötig dem rotierenden Ball hinterher, spart seine Kraft und sein Glück, der Rest ist Hoffnung auf erfolgreiche Konter. Das kann man versuchen, heute gelang es: Die Schweizer hatten die Kraft, sie hatten das Glück, und – sie hatten Diego Benaglio.

Der Schweizer machte heute ein makelloses Spiel, er zeigte die beste Torhüterleistung der bisherigen WM. Und auch, wenn es zahlreiche Paraden zu bestaunen gab, Benaglio immer im richtigen Moment den Winkel verkürzte, hohe Bälle souverän beherrschte, so waren es die vergleichsweise harmlosen Situationen, die seine besondere Professionalität offenbarten. Während von Messi bis Buffon, vom Weltfußballer bis zum Welttorhüter, das Gejammer über den WM-Ball Jabulani groß ist, hat sich Benaglio an die Arbeit gemacht: Der Mann beherrscht das wichtigste Werkzeug seines Berufes.

Der Ball scheint tatsächlich schwer berechenbar, eine Studie der australischen Adelaide University gibt dem Gejammer eine wissenschaftliche Grundlage: »Die Torhüter dürfen sich bei diesem WM-Ball nicht mehr alleine auf ihre Intuition verlassen. Sie sehen den Ball auf sich zukommen, wissen, wo er hinkommen müsste – doch dann passiert auf einmal was ganz anderes.« In vielen der Zeitlupenaufnahmen seiner Aktionen sah man von Benaglio heute die perfekt umgesetzte Strategie, mit dieser Herausforderung umzugehen: Egal, wie sehr der Ball auch flatterte, welche Flugkurve er auch nahm, ganz gleich, ob nun Oberflächenstruktur oder Technik des Schützen, Benaglio war auf alles gefasst. Er fixierte den Ball bis zum letzten Moment und nahm nicht für selbstverständlich, was mit Jabulani nicht mehr selbstverständlich ist: Nicht seine Vorstellung von der zu erwartenden Realität, sondern die erlebte Realität selbst lag seinem Handeln zu Grunde; das Sehen, nicht das Denken. Eine nahezu philosophische Spielweise.

Nur wenige Konter hatten die Schweizer; dass jener, der tatsächlich von einem Tor gekrönt wurde, seinen Ausgangspunkt ebenfalls in einer Aktion Benaglios hatte, ist da nur konsequent. Großartig.

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Gleichung mit zehn Unbekannten
Brasilien vs. Nordkorea (2:1)

Foto: © Eric Lafforgue (homepage | flickr)

Ich habe Nordkorea noch niemals gesehen. Was ich über Nordkorea weiß, habe ich aus schlechten Nachrichten. Meine bleibende Unwissenheit reduziert sich zum Scherenschnitt. Faktenwissen kann man sich aneignen, aber eine realitätsnahe Idee bekäme man nur, wenn man dort lebte; Dokumentationen können Annäherung sein. Das Foto der jungen Frau stammt aus einer Serie von Eric Lafforgue. Seine Bilder geben einen Eindruck des Nordkoreas hinter dem Staat, in den Bildunterschriften schlummern Geschichten, die sich zu immer neuen Bilder erweitern.

Ich habe Nordkorea noch niemals Fußball spielen sehen. Und in meiner Vorstellung summieren sich die Fakten und Geschichten aus verschiedenen Quellen zu einem Bild des nordkoreanischen Spiels, das sicher weit von dem entfernt ist, was am heutigen Abend zu sehen sein wird, die brasilianische Seleção wird gegen Nordkorea im zweiten Spiel der Gruppe G spielen. In meinem Kopf spielen sie schon jetzt.

Es ist ein seltsames Spiel, in meiner Vorstellung, und es bleibt unbeeinträchtigt von dem, was ich weiß; Ideen lassen sich nicht von Realitäten beeinflussen. Nordkorea fühlt sich in diesem inneren Film an wie eine Mischung aus dem FC St. Pauli und Mars Attacks. Sie sind körperlich fit, in diesem Spiel in meinem Kopf, und sie rennen wie jene asiatischen Mannschaften, die ich früher sah, ohne Ende und Ziel. Ihre Trikots ähneln der Uniform des Mädchens dort oben, sie sind olivbraun und zeigen einen roten Stern auf der Mitte der Brust. Kein Hut. Und immer, wenn einer jener gelben Riesen den Ball haben wird, ist er umringt von Zahlreichen, in meinem Film sind es Dutzende nordkoreanischer Spieler, viel mehr als erlaubt wären.

Das Leben beginnt, wenn der Film endet. Ich bin auf die Wahrheit gespannt.

Wenn auch auf weniger absurde Weise, so hat es Brasilien heute Abend sicher tatsächlich nicht leicht. Sie müssen als Mitfavorit um den Titel gegen ein Team antreten, von dem kaum jemand Genaues weiß, und sie spielen mit der Hypothek eines unzweideutigen Anspruchs der Heimat. Es wird wohl ein Abwehrspektakel der Nordkoreaner, keiner darf rein, und die Hoffnung wird einem Wanderer zwischen den Welten gelten, Jong Tae-Se, dem »Wayne Rooney des Volkes«. Ein Bekannter unter Unbekannten.

Nachtrag: Das Spiel endete 2:1.

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Das erste Spiel unter den ersten Spielen
Deutschland vs. Australien (4:0)

Lieber Philipp,

heute schreibe ich Dir, weil ich um Entschuldigung bitten möchte. Als Du neulich in der Pressekonferenz gesagt hast, dass dies die beste Nationalmannschaft sei, in der Du jemals gespielt hast, dachte ich wirklich, dass Du einen an der Waffel hast.

Gestern dann habe ich Euch zugesehen, es hat zwar ein bisschen gedauert, aber im Laufe des Spiels habe ich begriffen, wie Du das meinst: Das ist bei Euch nicht so wie sonst, als es immer nur einzweidrei richtig gute Spieler gab und ansonsten eben Mitspieler, sondern das mit Euch, das ist anders. Ihr seid eine wirklich ausgewogene Gruppe auf sehr hohem Niveau, eine Hydra, wenn man einen Kopf abschlüge, wüchsen zwei nach, Nachwuchs sozusagen, und vom Feinsten.

Ich glaube, das geht nur so, weil die Alten und vor allem der Michael nicht dabei ist. Es tut mir zwar ein bisschen leid für den, aber nicht so doll, dass ich es anders haben möchte, das passt schon.

Ich weiß noch nicht, wie das weitergeht mit Euch, und ob das mit der Innenverteidigung auch klappt, wenn da bessere Stürmer kommen. Und ich finde, dass Ihr ein bisschen früher ein bisschen enger an den Gegner rangehen könntet, aber das ist ja Kokolores, das wisst Ihr alles selbst viel besser. Vor allem Euer Trainer. Ich muss ja gestehen, dass mir einiges von dem, was der Herr Löw im Vorfeld gemacht und gesagt hat, schon ein bisschen seltsam vorkam. Aber der hat ja wohl doch Recht gehabt. Und ich hatte Unrecht. Zum Glück kennt der mich nicht, sonst würde ich mir bestimmt ein paar dumme Sprüche anhören müssen. Grüß den bitte mal von mir.

Aber vor allem grüße bitte Deine Freunde und bestelle ihnen einen lieben Dank für das schönste Spiel einer deutschen Nationalmannschaft, das ich seit den 70er Jahren gesehen habe. Das gestern, das war grandios. Egal, wie weit Ihr jetzt noch kommen werdet, ich schaue Euch sehr gerne dabei zu. Und endlich auch ohne diese Wörns’sche Gewusel im Bauch, da ist gar keine Fremdscham mehr zu spüren und das ist ein richtig gutes Gefühl.

Es macht mir großen Spaß, das mit Euch.

Herzliche Grüße,
Harald.

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Green Island
England vs. USA (1:1)

Wer das Spiel der Engländer gegen die USA gesehen, die Tore jedoch verpasst hat, der wird von einem gerechten Unentschieden zwischen zwei gleichwertigen Mannschaften sprechen. So wäre es, und auch die Medienlandschaft, wenn es um den gesunden Menschenverstand ginge. Das jedoch ist selten im Leben und niemals im Fußball so: Menschen, die darauf achten, ihre Socken in einer festgelegten Reihenfolge anzuziehen, wird eine rationale Sicht auf das Geschehen schwerfallen.

Steven Gerrard sprach schon kurz nach dem Spiel im Stil eines Politikers davon, dass »man froh sei, ein Unentschieden erreicht zu haben.« Eine überraschende Aussage vom Kapitän einer Mannschaft, die Weltmeister werden will und Minuten zuvor gegen jene Elf gespielt hat, in deren Heimatland der Football ein Ei ist, und der Fußball in erster Linie ein Spiel für Frauen. Wenig überraschend hingegen sein Nachsatz, dass es schade sei, dass ein Torwartfehler sie um den Sieg gebracht habe.

Seine Aussage zeigt vor allem eines: England ist keine Mannschaft, Gerrard ein schlechter Kapitän. »More concerning however, was the sight of England players turning their back on their ‘keeper. At this point, as captain, Steven Gerrard should have gone to console him.« Nein, Trost gab es an diesem Abend nicht für Robert Green.

Es stimmt, der Torwart der Engländer hatte einen groben Fehler begangen und einen relativ einfachen Schuß durch die Hände rutschen lassen. Aber so etwas kommt vor, auch bei den Größten, Fehler geschehen. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Green ging professionell damit um, er entschuldigte sich und hielt den Kopf oben, in einer entscheidenden Szene der zweiten Halbzeit hielt er einen Schuß aus naher Distanz, der auch für unhaltbar gehalten werden kann. Tauscht man die Szenen – der Fehler wäre keiner gewesen, der unhaltbare Ball nicht gehalten –, würde niemand das Ergebnis des Spiels in Zweifel ziehen. Und auch Gerrard wäre gezwungen, von einem glücklichen Unentschieden zu sprechen. So nahm er den Torwartfehler zum Anlass, sich und den Rest seiner Mannschaft von jeglicher Verantwortung freizusprechen.

Steven Gerrard ist gewiss ein großartiger Spieler, aber als Kapitän hat er versagt. Wenn es England nicht schleunigst gelingt, sich als Team zu präsentieren, auch und gerade in schwierigen Situationen, dann wird es eine WM für sie sein, wie so oft: kurz.

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Der Schwede gegen Argentinien
Argentinien vs. Nigeria (1:0)

Der Ball ist rund und ein Spiel dauert sechs Minuten. Ab da nämlich führte Argentinien gegen Nigeria mit 1:0 durch ein Traumtor, per Flugkopfball erzielt von Heinze. Wer diesen Spielbeginn miterlebte, freute sich zwangsläufig auf ein torreiches Spiel zweier nahezu ebenbürtiger Konkurrenten. Aber mit diesem Tor schien auch ein Signal gesetzt zu sein, es war ein Musterbeispiel für die Okkupation des afrikanischen Fußballs durch eine europäische Denkweise. Das wahre Spiel war kürzer, als die reine Spielzeit es vermuten lässt.

Trainer Lars Lagerbäck ist Schwede, er hat lange die schwedische Nationalmannschaft trainiert und ist erst seit Februar bei Nigeria unter Vertrag. Viel zu kurz für das Nordlicht, dessen Maxime es ist, eine Mannschaft erst auswendig zu kennen, bis er das Beste aus ihr herausholen kann. Diese Zeitnot könnte der Grund dafür sein, dass Lagerbäck sich und sein Team am heutigen Tag auf bewährte Prinzipien beschränkt hat: Im Angriff gewinnt man Spiele, in der Abwehr Meisterschaften, heißt es, und es sah über weite Strecken so aus, als ginge es für Nigeria ausschließlich darum, die Niederlage im Rahmen zu halten, sich fortan auf Konter zu beschränken. Das ist, mit etwas Glück und trotz zahlreicher Großchancen der Argentinier, gelungen. Man erlebt eine solche Strategie der Besitzstandswahrung häufiger, aber in der Regel dann, wenn eine Mannschaft 1:0 führt, nicht wenn sie zurückliegt. Es scheint also ein strategisches Spiel gewesen zu sein, der nordisch kalte Blick auf den größeren Rahmen, Torverhältnisse, Prognosen der anderen Ergebnisse: Wer gegen Argentinien in dieser Gruppe nur knapp verliert, der hat ja beinahe schon gewonnen. Zumindest den zweiten Platz.

Man bleibt mit sich und der Vorstellung zurück, wie dieses Spiel wohl verlaufen wäre, wenn es auch den Afrikanern darum gegangen wäre, unbedingt zu gewinnen, wenn der Trainer den Mut gehabt hätte und das Vertrauen, ohne übertriebene Vorsicht dagegenzuhalten. Vielleicht wäre es ein unvernünftiges Spiel geworden. Vielleicht auch schlicht: schön.

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