Nach dem grandiosen Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen England war Michael Ballack zu sehen, er stand im deutschen Hauptquartier seines Sponsors vor einer Wand voller Logos und er lächelte, als er in einer Liveübertragung seine Grußbotschaft an Südafrika und Jogi Löw richtete. Es war ein Lächeln mit dem Unterton leichter Verunsicherung wie man sie kennt, von sich selbst und von anderen, am Point of no Return, in jenen Situationen der Unumkehrbarkeit, wenn es nur einen Moment braucht für einen Paradigmenwechsel; Momente, in denen man begreift, dass all das, was eben noch Alltag und Sicherheit war, von nun an Vergangenheit ist.
Ballack ist nicht der Einzige, der in Südafrika nicht dabei ist, wie ihm ist es in den letzten Wochen und Monaten vielen ergangen, mit diesem Turnier wird klar, dass ein Generationswechsel stattgefunden hat, der irreversibel ist. Michael Ballack wird das wissen, und auch wenn er wiederholt betont, dass er erneut angreifen will und die Europameisterschaft in zwei Jahren sein Ziel sei, mehr als ein Hinauszögern des Karriereendes kann das nicht sein. In diesen Tagen darf man bezweifeln, dass es dazu kommt, denn wir wohnen einer Entwicklung bei, die – zumindest in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft – in einer solch reinen Form einmalig ist.
Immer wieder wird in der Berichterstattung betont, dass die junge Nationalelf auf erfahrene Spieler verzichten müsse, dass sie diesen Nachteil zu kompensieren habe durch Teamgeist und gegenseitige Hilfe, und dass auf mehrere Schultern zu verteilen sei, was sonst auf jenen Einzelner lastete. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Nach wie vor gibt es ältere Spieler, nach wie vor gibt es erfahrene Spieler, die älteren unter den Jungen haben nicht selten fünfzig Länderspiele und mehr in der Vita, viele haben zudem internationale Erfahrung in ihren Vereinen auf teilweise höchstem Niveau. Es geht also nicht primär um Erfahrung, um ein wie auch immer geartetes internationales Standing, Ballack und Kollegen, das steht vor allem für Macht.
Jogi Löw hat das früh erkannt, und er hat diese Chance genutzt. Mit jedem weiteren Spiel erscheint die Vorgeschichte des Turniers in einem anderen Licht, und selbst wenn man keine Strategie dahinter vermuten will, so ist zumindest die konsequente Haltung Löws zu erkennen, mit der er die Situation annimmt. Er hat die Machtzentren jener alten Mannschaft teilweise selbst deinstalliert (Frings), teilweise verschwanden sie durch Rücktritte (Kahn, Lehmann), teilweise durch Verletzungen (Ballack). Löw war schlau genug, das entstandene Machtvakuum nicht per Dekret zu füllen, was bei sozialen Gefügen per se schwierig oder gar unmöglich wäre, sondern er hat die Voraussetzungen für deutlich flachere Hierarchien geschaffen. Neben dem Mannschaftsrat von fünf Spielern gibt es mit Schweinsteiger einen emotionalen Leader und mit Lahm einen Mannschaftskapitän. »Lahms sehr gute Leistungen, sein Standing im Team, seine offene, ehrliche und kooperative Art und Weise im Umgang mit seinen Mitmenschen haben den Ausschlag bei der Kapitäns-Wahl gegeben«, sagte Löw, zudem betont er bei jeder Gelegenheit, dass nicht nur auf dem Platz ein jeder nach hinten und vorne zu arbeiten habe, sondern eben auch jeder Verantwortung übernehmen muss, füreinander, seine Spieler haben das verinnerlicht, nahezu deckungsgleich äußern sie sich zu Ideen und Konzepten.
Die Freiheit, das Selbstbewusstsein und die Unbeschwertheit, die diese Mannschaft ausmacht und die Grundlage ist für die teils herausragenden individuellen Leistungen auch jüngster Spieler, sind nur so zu erklären. Jedes weitere Spiel zeigt, dass es eine Entwicklung ist, die gerade erst begonnen hat. Rein spieltechnisch mag das positiv zu bewerten sein, bezüglich der Machtverhältnisse sei aber eine vorauseilende Wehmut erlaubt, denn die Veränderung hin zu einer stärker konturierten Machtstruktur ist zwangsläufig. Noch ist die Freiheit des Einzelnen zu spüren, auch als Teil der Gruppe, Smai Khedira hat es in der Pressekonferenz des DFB so formuliert: »Ich denke, dass wir einfach an uns geglaubt haben, an unsere Stärken geglaubt haben, und dass nicht jeder Spieler versucht hat, irgendwo alleine sein Ding zu machen […] Das gesamte Kollektiv hat einfach gestern super zusammengearbeitet und jeder Einzelne hat eine hervorragende Leistung abgerufen.«
Ein Kollektiv also. Das klingt schön, und es ist faszinierend anzusehen. Aber: es wird sich verflüchtigen, das ist keine feste Struktur, es ist ein Prozess. Neue Machtstrukturen entstehen, während wir zuschauen. Eine natürliche Entwicklung, die erst mit dem noch nicht abzusehenden Ende des Turniers einen vorläufigen Höhepunkt finden wird. Das, was wir hier beobachten, ist zwangsläufig temporär, ein schwirrendes Gebilde, summend und wild, wir schauen einer Geburt zu. Am Ende wird etwas Neues stehen.
Mirolav Klose hat es im Rückblick auf das Englandspiel auf den Punkt gebracht: »Wir waren da, wir waren als Mannschaft da.«