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Bundesverdienstordentlich
Uruguay vs. Deutschland (2:3)

Ganz ordent­lich, Herr Löw, denkt sich Herr Wulff, diese Mann­schaft haben Sie gut hin­be­kom­men. Die Lau­da­tio liegt nahe: jung, mul­ti­kul­tu­rell, stark, fair, das rich­tige Bild der Deut­schen in der Welt, und also wird der Bun­des­trai­ner vom Bun­des­prä­si­den­ten den Bun­des­ver­dienst­or­den erhal­ten. Ein Bund fürs Geben.

Und sonst? Fuß­ball wurde gespielt, um Platz drei gegen Uru­guay. Und end­lich durfte diese Angst ver­flie­gen, dass jene schö­nen Spiele doch Stroh­feuer gewe­sen sein könn­ten und ein Rück­fall in alte Ver­kramp­fun­gen droht, denn da war es ja wie­der, das neue Fuß­ball­deutsch­land, und erneut sah man es mit jener Spiel­weise, die man zu lie­ben gelernt hatte. Obwohl stark ersatz­ge­schwächt, reichte es nach hüb­schem Spiel zu einem Sieg. Und den­noch – genie­ßen konnte man das kaum, denn es führte deut­lich vor Augen, wie selt­sam ana­chro­nis­tisch jener Auf­tritt gegen Spa­nien tat­säch­lich gewe­sen war. Gegen die hatte Bun­des­trai­ner Löw im Gegen­satz zu allen ande­ren Spie­len der deut­schen Mann­schaft auf eine pas­sive Hal­tung gesetzt, ab in die Defen­sive und auf Kon­ter hof­fen. Und so fehlt in der Liste der attrak­ti­ven Attri­bute, die dem Bun­des­ver­dienst­or­den für Herrn Löw hin­ter­legt sind, ein paar jener Eigen­schaf­ten, die eben auch für Deutsch­land ste­hen, zele­briert an jenem Tag: Vor­sicht, Angst und feh­len­der Mut. Inso­fern macht viel­leicht gerade die­ses eine Spiel gegen Spa­nien, das anders war, und in die­ser Anders­ar­tig­keit so unheim­lich ver­traut, einen gro­ßen Orden am Ende noch beson­ders schlüs­sig.

Platz drei also. Und obwohl ich nie­mals vor die­sem Tur­nier an eine sol­che Plat­zie­rung geglaubt hatte, bin ich ent­täuscht; dass die Freude getrübt ist, scheint gerade der Begeis­te­rung über das Neue und ewig Ver­misste geschul­det, und eben der Wut, es in jenem einen, aber wich­tigs­ten Spiel ver­ra­ten zu sehen. Viel­leicht ist ja gerade die Ent­täu­schung in Wahr­heit das größte Kom­pli­ment, denn diese Natio­nal­mann­schaft hat, für alle Welt erkenn­bar, das Zeug zum Meis­ter.

Unzu­frie­den­heit als Indiz für eine gran­diose Tur­nier­leis­tung. Ein gutes Gefühl. Danke!

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Ach du Schlande
Spanien vs. Deutschland (1:0)

»Deutsch­land will wie­der gewin­nen, Spa­nien will nicht mehr ver­lie­ren. Das könnte den Unter­schied aus­ma­chen.« So hatte ich es erhofft, und hin­ge­schrie­ben, und so kam es. Lei­der mit umge­kehr­ten Vor­zei­chen. Spa­nien hat Deutsch­land klar geschla­gen und ver­dient gewon­nen, viel­leicht war es das beste spa­ni­sche Spiel aller Zei­ten, eine sol­che Über­le­gen­heit auf höchs­tem Niveau sah man nicht oft in den letz­ten Jah­ren, viel­leicht Jahr­zehn­ten. Mit einer Aus­nahme: Deutsch­land schlug Argen­ti­nien und Eng­land auf ähn­lich über­zeu­gende Weise, nicht mit Ticki­t­a­cka­wasau­chim­mer, aber mit Kön­nen, Verve und Mumm.

Es fällt mir schwer, die Lobes­hym­nen auf das spa­ni­sche Spiel zu lesen und die Dan­kes­re­den auf das junge deut­sche Team zu ver­fol­gen, ich ver­wei­gere mich. Eine sol­che Nie­der­lage tut weh. Ein paar Tore mehr hät­ten sie mir leich­ter gemacht, nicht, weil ich als Zah­len­fres­ser eine opti­sche Über­le­gen­heit nicht glau­ben kann, nur Fak­ten traue, son­dern weil sie Indiz gewe­sen wären für einen ande­ren Abend. Es ist nicht die Nie­der­lage, es die Art und Weise.

Nicht, dass ich geglaubt hätte, die deut­sche Mann­schaft sei Favo­rit gewe­sen, schon gar nicht vor dem Tur­nier oder in den ers­ten Tagen, und auch gegen Spa­nien war mir bewusst, dass es schwer wer­den würde. Auch in mein Herz hat­ten sie sich ja erst wie­der spie­len müs­sen. Aber es ist ihnen gelun­gen, das macht es nicht leich­ter, und ich hatte gehofft, dass die schnelle und fre­che Spiel­weise der letz­ten Spiele auch gegen Spa­nien wie­der zu sehen sein würde – es blieb bei zwangs­läu­fig weni­gen Momen­ten. Geschul­det ist dies nicht nur der Bril­li­anz des spa­ni­schen Spiels, geschul­det ist dies auch einer kom­plett ande­ren Her­an­ge­hens­weise. Urs Sie­gen­tha­ler ist ein Fuchs, Jogi Löw ein Gro­ßer, unbe­strit­ten. Ges­tern jedoch haben sie mir die Freude geraubt, und viel­leicht auch der Mann­schaft, denn sie folgte einer erkenn­bar defen­si­ven Stra­te­gie, ganz tief, sie musste fol­gen: Auf dem Papier und in den Köp­fen der Ver­nunft war alles rich­tig, kaum Exper­ten­schelte, mich aber ließ all das und die spür­bare Zwangs­läu­fig­keit schon nach weni­gen Spiel­mi­nu­ten ver­zwei­feln. Die Ehr­furcht der Deut­schen machte die Spa­nier groß, und wie man in der zwei­ten Halb­zeit und stel­len­weise sehen konnte, viel­leicht grö­ßer als sie hät­ten sein müs­sen. Zu groß alle­mal, als dass der spä­tere Stra­te­gie­wech­sel noch hätte Ret­tung sein kön­nen.

Deutsch­land hatte Chan­cen, den­noch. Aber auf eine selt­same Weise bin ich froh, dass sie nicht genutzt wur­den. Denn das hätte bedeu­tet, dass diese schiere Kopf­kon­trolle, gepaart mit Ehr­furcht, belohnt wor­den wäre. Hätte das Team aus dem Stand gespielt wie gewohnt, sie hät­ten mich aus vol­lem Her­zen an ihrer Seite und vor dem Schirm gehabt, viel­leicht wären sie unter­gan­gen, zwei, drei, vier Tore mehr gefal­len, Tore auf allen Sei­ten. Aber die flie­gen­den Fah­nen, die hät­ten mir gefal­len.

Ich muss heute unfair sein. Vol­ler Dank­bar­keit und Hoff­nung, das bin ich dann mor­gen.

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Tiqui Taca, Taka Tuka
Paraguay vs. Spanien (0:1)

Nach einer auf­re­gen­den Viertelfinal-Begegnung gegen Para­guay – Elf­me­ter für beide Mann­schaf­ten, beide ver­schos­sen – steht der amtie­rende Euro­pa­meis­ter Spa­nien erst­mals im Halb­fi­nale einer Fußball-Weltmeisterschaft. Man mag die Pre­miere kaum glau­ben, denn »gefühlt« ist Spa­nien seit Jah­ren die beste Mann­schaft der Welt. Mög­li­cher­weise lag es an dem Wis­sen um die Fehl­schläge der ver­gan­ge­nen Jahr­zehnte, der Angst vor dem Viertelfinal-Fluch, dass sie ihre Stär­ken nicht auf die gewohnte Weise auch gegen Para­guay aus­spie­len konn­ten. Wahr­schein­li­cher ist jedoch ein ande­rer Grund, denn tem­po­räre Ver­un­si­che­rung und Ner­vo­si­tät in Gesich­tern und Spiel tra­gen die Spa­nier vom ers­ten Tag ihres Tur­niers an mit sich. Da näm­lich ver­lo­ren sie über­ra­schend gegen die Schweiz, trotz mas­si­ver Über­le­gen­heit und unzäh­li­ger Chan­cen, und mit die­sem Spiel ver­lo­ren sie gleich­zei­tig auch die stille Gewiss­heit, unschlag­bar zu sein.

Dies ist kein Tur­nier der Besitz­stände, ganz erholt haben sie sich von die­sem frü­hen Schock anschei­nend nicht. Ver­lust ist nicht mehr pure Theo­rie. In ihrem Spiel gegen Para­guay war die erin­nerte Angst mit auf dem Platz, sie stand im Weg und machte sich breit, sie störte das spa­ni­sche Selbst­ver­ständ­nis – man könnte ver­lie­ren, wenn man Undenk­ba­res denkt, wird es rea­lis­ti­sche Option. Diese Mann­schaft ist kaum gewohnt, den unbe­ding­ten Glau­ben an sich selbst auch in schwe­ren Situa­tio­nen nicht zu ver­lie­ren, vor die­sem Hin­ter­grund kam die Nie­der­lage gegen die Schweiz für die Spa­nier viel­leicht den­noch zu spät. Es ist noch ein­mal gut gegan­gen, dies­mal, mit Glück und gegen Para­guay. Aber nun geht es im Halb­fi­nale gegen Deutsch­land. Zwar hat auch die junge deut­sche Mann­schaft ein Spiel in die­sem Tur­nier ver­lo­ren, aber wenn diese Erfah­rung ihre Grund­feste erschüt­tert haben sollte, dann nur um das Fun­da­ment zu ver­dich­ten; sie hat im Laufe des Tur­niers die Gewiss­heit gewon­nen, dass sie jeden Geg­ner schla­gen kann. Mit Spa­nien trifft sie eine Mann­schaft, die vom ers­ten Tag des Tur­niers an um das alte Selbst­ver­trauen ringt.

Deutsch­land will wie­der gewin­nen, Spa­nien will nicht mehr ver­lie­ren. Das könnte den Unter­schied aus­ma­chen.

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Diegos schwerer Gang
Argentinien vs. Deutschland (0:4)

Nach dem Spiel lief er auf das Feld, er umarmte und küsste seine Spie­ler, wie man es in die­sen Tagen von ihm gewohnt ist. Lio­nel Messi fiel es erkenn­bar schwer, sich das gefal­len zu las­sen, wie ver­stei­nert blieb er und unbe­rührt, als Diego Armando Mara­dona ihn zu trös­ten ver­suchte. Als wäre aller Zau­ber von ihm gefal­len und von sei­nem Trai­ner, als würde er sich sei­ner Mensch­lich­keit erst jetzt voll­kom­men bewusst und gleich­zei­tig auch jener Mara­do­nas. Er schien ihm das übel zu neh­men, kein Sockel in Sicht, der junge Welt­fuß­bal­ler und sein Men­tor fan­den nicht mehr zuein­an­der.

Die Fas­sungs­lo­sig­keit von Trai­ner und Star war nach­voll­zieh­bar, denn die Süd­ame­ri­ka­ner hat­ten als Mit­fa­vo­rit auf den Titel gegol­ten und waren nun aus­ge­schie­den. 4:0 hat­ten sie ver­lo­ren, gegen Deutsch­land, und auf eine Weise, die auch Stun­den nach dem Spiel noch unfass­bar bleibt: Deutsch­land war in jeder Bezie­hung, auf jeder Posi­tion und zu jeder Zeit stär­ker als Argen­ti­nien, und das auf so fas­zi­nie­rend undeut­sche Art.

Es war eine Demon­tage, nicht nur for­mal, son­dern – zumin­dest für Mara­dona – auch eine des Welt- und Selbst­bil­des. Man hatte den klei­nen Mann bei den letz­ten Spie­len der Argen­ti­nier neu für sich ent­de­cken kön­nen, so unge­wohnt sein Äuße­res mit Anzug und grau melier­tem Bart, so sehr ver­traut die kind­li­che Freude, mit der er in der Coa­ching­zone und beim Trai­ning war, mit gan­zem Her­zen bei Spiel und Spie­lern. Mara­dona scheint nur so leben zu kön­nen, erst inmit­ten die­ser Sze­ne­rie und als Zen­trum glück­li­cher Per­fek­tion. »Das ist die här­teste Nie­der­lage mei­nes Lebens«, wird er nach dem Spiel sagen, und wer den Lebens­weg Mara­do­nas nach sei­ner Zeit als Spie­ler bis hin zu sei­ner neuen, viel­leicht kur­zen, Kar­riere als Trai­ner medial ver­folgt hat, der mag die Rele­vanz die­ses Sat­zes erah­nen.

Und so bleibt, bei aller Freude über das deut­sche Spiel, als einer der Wer­muts­trop­fen diese leise Besorg­nis, dass es schwer wer­den würde für Mara­dona, ohne all das. Man wünschte, dass ihm seine Welt nicht sofort und voll­ends ver­lo­ren ginge, auf dass er sich akkli­ma­ti­sie­ren kann, in einem ande­ren Leben. Leicht wird das nicht.

Foto: Diego Mara­dona 1973 (El Grá­fico Nº 2995, 1. März 1977),
Bild­quelle: Wiki­me­dia

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el mano del diablo
Uruguay vs. Ghana (5:3 n.E.)

Die Hand des Teu­fels, sagt Fro­m­aL­eft­Wing und meint den Uru­gu­ayer Luis Suá­rez, der in den letz­ten Sekun­den der Ver­län­ge­rung des Spiels gegen Ghana einen Kopf­ball auf der Linie mit der Hand abwehrte und so einen siche­ren Tref­fer ver­hin­derte. Instinkt, Berech­nung, Absicht, Wil­len, auf jeden Fall aber ein Reflex, rote Karte und Elf­me­ter. In Situa­tion und Absicht das Teuf­li­sche zu sehen ist dem Umstand geschul­det, dass Asa­moah Gyan den Elf­me­ter nicht ver­wan­delte, sein Schuss ging an die Quer­latte, einige Zen­ti­me­ter über die Gerech­tig­keit.

Das Kopf­ball­tor hätte den siche­ren Sieg für Ghana bedeu­tet nach einem dra­ma­ti­schen Spiel zweier eben­bür­ti­ger Geg­ner, ebenso der Straf­stoß, wäre er ver­wan­delt wor­den, und Baghana Baghana hätte die nächste Runde erreicht in einem Tur­nier, in dem alle ande­ren Mann­schaf­ten des Gast­ge­ber­kon­ti­nents längst aus­ge­schie­den waren. So aber kam es zum Elf­me­ter­schie­ßen, Uru­guay gewann, die Welt bleibt unge­recht. Zwar spielt nun Suá­rez im Halb­fi­nale gegen die Nie­der­lande nicht mit, aber Team, Land und mit­tel­bar auch er selbst wur­den belohnt für die­ses »Men­schen­op­fer«.

Die Hand des Teu­fels als das Gegen­stück zu der Hand Got­tes, im Hand­schlag ver­ei­ni­gen sie sich zur Summe der Unsport­lich­keit. Erst die Mischung fal­scher Extreme ergibt ein Gleich­ge­wicht an Unge­rech­tig­keit, jedoch ergibt dies Mit­tel­maß noch lange nicht Gerech­tig­keit. Schwarz und Weiß ver­mi­schen sich zum Grau. Es ist ein tris­tes Grau, dass der Sehn­sucht nach dem Rich­ti­gen nicht genügt.

Es lohnt nicht, mit dem Fin­ger wel­cher Hand auch immer zu zei­gen auf jene, denn es ist, wie es ist; wir sind, wie wir sind. Statt des wüten­den Rufs nach Moral und neuen Regeln bleibt vor allem und als mäch­tigs­tes Mit­tel: der Blick auf sich selbst. Man hat eine Wahl. Immer. Und wenn es die rich­tige ist, immer wie­der und von Vie­len, dann sum­miert sich auch das. Mit ein biss­chen Glück zu einem schö­ne­ren Ton.

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Brasilien kehrt heim
Niederlande vs. Brasilien (2:1)

Schieds­rich­ter sind Men­schen, das macht Gerech­tig­keit im Fuß­ball unmög­lich. An man­chen Tagen kann man jedoch den Ein­druck gewin­nen, als würde es so etwas wie eine Meta-Gerechtigkeit im Dienste einer höhe­ren Wahr­heit geben und als trü­gen die Prot­ago­nis­ten selbst die Sehn­sucht in sich, das Nötige für die­ses Ziel zu tun. Bra­si­lien hatte alles in der Hand, im Guten wie im Schlech­ten, und sie haben sich ent­schie­den.

Das Spiel hatte so begon­nen, wie man es befürch­ten musste. Die funk­tio­nale Gruppe Bra­si­lien kon­trol­lierte die Nie­der­län­der, ein lich­ter Moment reichte, diese Kon­trolle zähl­bar zu machen. Das frühe Füh­rungs­tor war ein schö­nes Tor, aber es hatte den Beige­schmack einer weh­mü­ti­gen Idee, wie würde ein Team mit der­ar­ti­gem Kön­nen und Poten­zial wohl Fuß­ball spie­len, wenn es nur wollte, und wenn es dürfte.

Über dem Spiel lag fortan die Ahnung der Zwangs­läu­fig­keit: Bra­si­lien würde gewin­nen, und gleich­zei­tig die Funk­tion über die Form. Das mag bei Kaf­fee­kan­nen in Ord­nung sein, im Fuß­ball stünde es für eine trau­rige Ent­wick­lung. Es kam anders. Nach einer eher zufäl­li­gen Flanke von Wes­ley Snei­j­der behin­der­ten sich Tor­wart Cesar und Felipe Melo gegen­sei­tig, Melo lenkte den Ball ins eigene Tor und zum über­ra­schen­den Anschluss­tref­fer des Geg­ners. Für die Nie­der­län­der war das ein Weck­ruf, nur wenig spä­ter erziel­ten sie das Füh­rungs­tor: Nach einer schar­fen Eck­stoß von Rob­ben ver­län­gerte Dirk Kuyt und Sni­j­der kam im Fünf­me­ter­raum frei zum Kopf­ball. Der Mann ist nur knapp Ein­me­ter­sieb­zig groß, sein Tor in Art und Weise wie ein Schick­sals­schlag.

Die vor­ent­schei­dende Szene in der 73. Minute, als Felipe Melo nach einem harm­lo­sen Zwei­kampf auf den am Boden lie­gen­den Arjen Rob­ben ein­trat, setzte dann einen Schluß­punkt unter den Auf­tritt einer bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­mann­schaft, wie man ihn so nicht erwar­tet hatte, nicht gewollt hatte, und wohl auch in die­ser Form nicht mehr sehen wird.

Ein Eigen­tor, eine rote Karte; es scheint fast so, als hät­ten die Bra­si­lia­ner sich selbst rich­ten wol­len. Felipe Melo wird vom Sabo­teur aku­ter Hoff­nun­gen im Fazit zum Hel­den im Dienste der Sehn­sucht sei­nes Lan­des nach Schön­heit, das Fal­sche im Fal­schen wird im Ergeb­nis zum Rich­ti­gen. Eine Heim­kehr, die für die Zukunft hof­fen lässt.

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Wir waren viele

Nach dem gran­dio­sen Spiel der deut­schen Natio­nal­mann­schaft gegen Eng­land war Michael Bal­lack zu sehen, er stand im deut­schen Haupt­quar­tier sei­nes Spon­sors vor einer Wand vol­ler Logos und er lächelte, als er in einer Live­über­tra­gung seine Gruß­bot­schaft an Süd­afrika und Jogi Löw rich­tete. Es war ein Lächeln mit dem Unter­ton leich­ter Ver­un­si­che­rung wie man sie kennt, von sich selbst und von ande­ren, am Point of no Return, in jenen Situa­tio­nen der Unum­kehr­bar­keit, wenn es nur einen Moment braucht für einen Para­dig­men­wech­sel; Momente, in denen man begreift, dass all das, was eben noch All­tag und Sicher­heit war, von nun an Ver­gan­gen­heit ist.

Bal­lack ist nicht der Ein­zige, der in Süd­afrika nicht dabei ist, wie ihm ist es in den letz­ten Wochen und Mona­ten vie­len ergan­gen, mit die­sem Tur­nier wird klar, dass ein Gene­ra­ti­ons­wech­sel statt­ge­fun­den hat, der irre­ver­si­bel ist. Michael Bal­lack wird das wis­sen, und auch wenn er wie­der­holt betont, dass er erneut angrei­fen will und die Euro­pa­meis­ter­schaft in zwei Jah­ren sein Ziel sei, mehr als ein Hin­aus­zö­gern des Kar­rie­re­en­des kann das nicht sein. In die­sen Tagen darf man bezwei­feln, dass es dazu kommt, denn wir woh­nen einer Ent­wick­lung bei, die – zumin­dest in der Geschichte der deut­schen Natio­nal­mann­schaft – in einer solch rei­nen Form ein­ma­lig ist.

Immer wie­der wird in der Bericht­er­stat­tung betont, dass die junge Natio­nal­elf auf erfah­rene Spie­ler ver­zich­ten müsse, dass sie die­sen Nach­teil zu kom­pen­sie­ren habe durch Team­geist und gegen­sei­tige Hilfe, und dass auf meh­rere Schul­tern zu ver­tei­len sei, was sonst auf jenen Ein­zel­ner las­tete. Doch das ist nur die halbe Wahr­heit. Nach wie vor gibt es ältere Spie­ler, nach wie vor gibt es erfah­rene Spie­ler, die älte­ren unter den Jun­gen haben nicht sel­ten fünf­zig Län­der­spiele und mehr in der Vita, viele haben zudem inter­na­tio­nale Erfah­rung in ihren Ver­ei­nen auf teil­weise höchs­tem Niveau. Es geht also nicht pri­mär um Erfah­rung, um ein wie auch immer gear­te­tes inter­na­tio­na­les Stan­ding, Bal­lack und Kol­le­gen, das steht vor allem für Macht.

Jogi Löw hat das früh erkannt, und er hat diese Chance genutzt. Mit jedem wei­te­ren Spiel erscheint die Vor­ge­schichte des Tur­niers in einem ande­ren Licht, und selbst wenn man keine Stra­te­gie dahin­ter ver­mu­ten will, so ist zumin­dest die kon­se­quente Hal­tung Löws zu erken­nen, mit der er die Situa­tion annimmt. Er hat die Macht­zen­tren jener alten Mann­schaft teil­weise selbst dein­stal­liert (Frings), teil­weise ver­schwan­den sie durch Rück­tritte (Kahn, Leh­mann), teil­weise durch Ver­let­zun­gen (Bal­lack). Löw war schlau genug, das ent­stan­dene Macht­va­kuum nicht per Dekret zu fül­len, was bei sozia­len Gefü­gen per se schwie­rig oder gar unmög­lich wäre, son­dern er hat die Vor­aus­set­zun­gen für deut­lich fla­chere Hier­ar­chien geschaf­fen. Neben dem Mann­schafts­rat von fünf Spie­lern gibt es mit Schwein­stei­ger einen emo­tio­na­len Lea­der und mit Lahm einen Mann­schafts­ka­pi­tän. »Lahms sehr gute Leis­tun­gen, sein Stan­ding im Team, seine offene, ehr­li­che und koope­ra­tive Art und Weise im Umgang mit sei­nen Mit­men­schen haben den Aus­schlag bei der Kapitäns-Wahl gege­ben«, sagte Löw, zudem betont er bei jeder Gele­gen­heit, dass nicht nur auf dem Platz ein jeder nach hin­ten und vorne zu arbei­ten habe, son­dern eben auch jeder Ver­ant­wor­tung über­neh­men muss, für­ein­an­der, seine Spie­ler haben das ver­in­ner­licht, nahezu deckungs­gleich äußern sie sich zu Ideen und Kon­zep­ten.

Die Frei­heit, das Selbst­be­wusst­sein und die Unbe­schwert­heit, die diese Mann­schaft aus­macht und die Grund­lage ist für die teils her­aus­ra­gen­den indi­vi­du­el­len Leis­tun­gen auch jüngs­ter Spie­ler, sind nur so zu erklä­ren. Jedes wei­tere Spiel zeigt, dass es eine Ent­wick­lung ist, die gerade erst begon­nen hat. Rein spiel­tech­nisch mag das posi­tiv zu bewer­ten sein, bezüg­lich der Macht­ver­hält­nisse sei aber eine vor­aus­ei­lende Weh­mut erlaubt, denn die Ver­än­de­rung hin zu einer stär­ker kon­tu­rier­ten Macht­struk­tur ist zwangs­läu­fig. Noch ist die Frei­heit des Ein­zel­nen zu spü­ren, auch als Teil der Gruppe, Smai Khe­dira hat es in der Pres­se­kon­fe­renz des DFB so for­mu­liert: »Ich denke, dass wir ein­fach an uns geglaubt haben, an unsere Stär­ken geglaubt haben, und dass nicht jeder Spie­ler ver­sucht hat, irgendwo alleine sein Ding zu machen […] Das gesamte Kol­lek­tiv hat ein­fach ges­tern super zusam­men­ge­ar­bei­tet und jeder Ein­zelne hat eine her­vor­ra­gende Leis­tung abge­ru­fen.«

Ein Kol­lek­tiv also. Das klingt schön, und es ist fas­zi­nie­rend anzu­se­hen. Aber: es wird sich ver­flüch­ti­gen, das ist keine feste Struk­tur, es ist ein Pro­zess. Neue Macht­struk­tu­ren ent­ste­hen, wäh­rend wir zuschauen. Eine natür­li­che Ent­wick­lung, die erst mit dem noch nicht abzu­se­hen­den Ende des Tur­niers einen vor­läu­fi­gen Höhe­punkt fin­den wird. Das, was wir hier beob­ach­ten, ist zwangs­läu­fig tem­po­rär, ein schwir­ren­des Gebilde, sum­mend und wild, wir schauen einer Geburt zu. Am Ende wird etwas Neues ste­hen.

Miro­lav Klose hat es im Rück­blick auf das Eng­land­spiel auf den Punkt gebracht: »Wir waren da, wir waren als Mann­schaft da.«

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