Das letzte Mal, dass ich Michael Preetz persönlich gesehen habe, ist schon etwas länger her. Damals spielte ich bei Turu, nach dem Training musste man sich Steinchen roter Asche aus Schürfwunden kratzen, die Bälle waren alt und schwer, die Kleidung dysfunktional, die Zeiten dennoch nicht besser. Sein Vater hatte uns trainiert, ein engagierter Mann mit viel Sachverstand und großem Selbstbewusstsein, das er gerne mit uns teilte. Vater Preetz besaß die Fähigkeit, auf gesunde Weise zu motivieren, und es wundert mich nicht, dass sein Sohn später eine beachtliche Karriere als Spieler machte. Michael war deutlich jünger als wir und spielte für einen anderen Verein, aber einige Male trainierte er dennoch bei uns mit. Er konnte locker mithalten, ein bisschen ärgerte uns das, aber verwundert waren wir nicht. Ich habe Vater und Sohn als freundliche, ehrliche und sehr natürliche Menschen kennengelernt. Darin kann man sich täuschen, schon klar, und dennoch will es mir schlicht nicht gelingen, Michael Preetz als einen Lügner zu sehen.
Das letzte Mal, dass ich Markus Babbel sah, war bei einem Pokalspiel gegen Fürth, nur wenige Dinge sind mir aus diesem Spiel in Erinnerung geblieben. Die Enttäuschung über Hleb beispielsweise, der in nur sehr wenigen Szenen an den Menschen erinnerte, den ich aus den Fernsehübertragungen großer Spiele kannte; Hitzlsperger, der auf beklemmende Weise schlecht spielte, wie erfroren, und in dessen Haltung, Bewegung und Sein zu jeder Sekunde vor allem Resignation spürbar war, vielleicht nicht einmal auf dieses Spiel bezogen, sondern eine viel grundlegendere, persönliche. Und ich erinnere mich an eben diesen Babbel in seinem schwarzen, halblangen Mantel, auch er wirkte seltsam teilnahmslos, und auch ohne dass ich ein Zuschauer gewesen wäre, der all das mit einer besonderen Motivation betrachtet hätte, so machte der Mann mich zunehmend wütend, ich kann das kaum erklären, aber ich nahm vor allem war, dass er beleidigt schien, und eben das tat, was Kinder tun, wenn sie so fühlen: Er zog sich zurück. Und er ließ die Anderen allein, im Stich, so kam es mir vor. Ob es tatsächlich so war, kann ich nicht sagen. Nur für mich fühlte es sich so an, mit einem Bier in der Hand, lecker, und ansonsten ohne jedes sicheres Wissen.
An Jogi Löw musste ich denken, und an Ballack, als ich von den seltsamen Vorgängen in Berlin hörte, diesmal Preetz und Babbel und also wieder zwei, von denen einer lügt. Wenn schon nicht offen und eindeutig und gegenüber der Öffentlichkeit, dann zumindest aber sich selbst gegenüber, indem er verdrängt oder relativiert, was er im Sinne der Wahrheit viel besser erinnern sollte. Ich weiß nicht – sowieso wissen in solchen Situationen nur die Beteiligten wirklich, was ist und was war – und ich habe dennoch ein schales Gefühl, denn ich glaube, dass in dieser Verwirrung unterschiedlicher Botschaften ein dritter Mann das größte Problem hat: Für Horst Heldt kommt die Berliner Trennung zur Unzeit, gerade jetzt, wo Huub Stevens die Mannschaft zu neuen Erfolgen führt, da ist es kaum denkbar, dass sein Freund Babbel Nachfolger werden könnte, es gibt schlicht keinen Anlass für einen Tausch. Gründe, das schon, aber ohne den passenden Anlass wird ein Wechsel kaum zu verargumentieren sein.
Stevens konnte zuletzt aus privaten Gründen nicht jedes Spiel vor Ort begleiten. Wenn das nun der Grund dafür werden sollte, dass er zurücktritt, in beiderseitigem Einvernehmen, mit Abfindung und dem Verständnis aller, und den Weg frei macht für Freund Babbel, dann würde mich das nicht überraschen. Aber es würde mir nicht gefallen. Um ehrlich zu sein: Bei dem Gedanken an eine solche Konstellation habe ich sogar ein mulmiges Gefühl. Man könnte es Ekel nennen.

