Permalink

Kasachstan

Zeit meines Lebens habe ich Verständnis, Vernunft und Empathie sind mir wichtig. Das ist die Wahrheit, die halbe, denn in meinem Herzen wohnt ein Kerl, und mit zunehmendem Alter werde ich müde, ihn zu reglementieren. Es gibt Tage, wo er sein Recht fordert, dann lasse ich ihn, zumindest ein bisschen, und genieße seine Unvernunft. Er mag Californication, der Kerl, und den letzten Bullen, er vermisst die alte Honda aus Düsseldorf und die beiden Süßen aus der Agentur, den Einbeinigen vom Kiosk. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Kerl lacht mich aus, wenn ich nachdenke, analysiere, die Zusammenhänge zu erklären versuche, er hört mir nicht zu und er freut sich statt dessen an Klopp, wie er am Rande des Spielfelds herumhüpft und Mainzer herumschubst, er denkt nicht über Fußball nach, sondern er schießt, oder passt, oder foult, und er lacht. Und an manchen Tagen ahne ich, dass er Recht hat. Auch heute, wo ich ihn kaum überreden kann, das Spiel anzusehen, in ein paar Stunden, endlich mal wieder DFB, ein Spiel dieser »ambitionierten, jungen Nationalmannschaft«, mag ich mich auf keine Diskussion einlassen. Ich bin kein Pflichtverteidiger.

Löw ist ein Weichei, sagt der Kerl, und er wird niemals einen Titel gewinnen. Ich erinnere ihn an Zigaretten und Wein in dem Glaskasten bei der WM, als der Jogi gesperrt war, und man in jenem Aquarium den Tiger im Löw sah, Wein auf dem Fußballplatz, sag ich nur, und dass die Mannschaft noch etwas Zeit braucht. Zeit, Perspektive, Vernunft und Entwicklung, der innere Kerl wird müde, und er ist genervt von dem Warten, dem Fortschritt in homöopathischen Dosen, wir sind doch hier nicht bei der Jugendnationalmannschaft, er ist genervt von den Schals unter immer gleich ausdruckslosen Gesichtern. Das alles wäre mir Wurscht, sagt der Kerl, wenn ich wenigstens riechen würde, dass der ein Gewinnertyp ist.

Was er statt dessen riecht, ist vermutlich »Boss Bottled«, aber ich werde den Teufel tun, ihm diese Vorlage zu geben. Da verfummel ich mich lieber.

Permalink

Pink Friday

Heute wird der Fußball schwul. Theoretisch zumindest, und nur für die Länge eines Spielfilms: Um 20:15 Uhr ermittelt Tatort-Kommissarin Furtwängler im Umfeld eines Profivereins, Hannover 96 traut sich, Bühne zu sein. Schon das scheint mir mutig. Harald Göckeritz hat das Drehbbuch geschrieben, er kennt die Hintergründe, auch homosexuelle Spieler, und aus gutem Grund teilt er sein Wissen nicht.

Es ist ein altes Thema und so schnell wird es nicht Vergangenheit werden, denn bei aller gesellschaftlicher Entwicklung braucht es eine breite Basis an Vernunft, damit Seinszustände und persönliche Vorlieben das bleiben können, was sie sind: persönlich.

Vor gefühlten 100 Jahren in einer Düsseldorfer A-Jugend hatten wir einen in unseren Reihen, der regelmäßig einen Ständer bekam, wenn wir duschten. Das war lustig für erste Momente, und später vollkommen egal. Ob der nun besonders empfindlich war, was die harten Sportduschen anging, oder tatsächlich schwul, das hat uns wenig interessiert. Wir waren nicht sonderlich vernünftig, damals, und sicher auch nicht außergewöhnlich tolerant, sondern im Gegenteil: so normal, wie man nur sein kann. Es hat uns schlicht nicht interessiert.

Und wie das so ist, man schließt gerne von sich auf andere, auch ich tue das regelmäßig. Deshalb bin ich mir sicher, dass kaum einer von jenen im Profi-Spielbetrieb, die es beträfe, tatsächlich Angst vor dem eigenen Club, den Mitspielern, der alltäglichen Infrastruktur hat. Sondern: vor uns.

Wir, als Publikum, sind in der Summe gnadenlos. Schon manche Reaktion auf das ausschließlich Fußballerische ist regelmäßig unerträglich, Häme und Spott werden intensiv gelebt, tausendfach multipliziert. Erst gestern, Torwart Bailly mit einem schweren Fehler und im Anschluss jener bittere Applaus für jede gelungene Aktion, wen wundert es, dass kein Sportler bereit ist, auch nur einen Millimeter seiner Deckung aufzugeben, oder sich gar bewusst angreifbar zu machen.

Im Grunde müssen wir, als Publikum, uns erkennbar verändern, wenn Toleranz als gelebt sichtbar werden und nicht zur Bandenwerbung verkommen soll. Die wirklichen Fans sind gefragt, eine solche Entwicklung zu fördern. Man stelle sich vor, das, was von jenen auf dem Platz im Stillen erwartet wird, der Mut zur Offenheit, müsste zuerst von jenen gelebt werden, die zuschauen. Ein pinkes T-Shirt für jeden Zuschauer, der schwul ist, bi, tolerant, oder der auch nur Veränderung will, ein Pink Friday. Am inneren Zusammenzucken bei der Vorstellung kann man ermessen, wie weit entfernt Normalität ist. Auf den Plätzen, in uns.

Outen wird sich also so schnell niemand. Und das ist auch gut so.

Permalink

Oh oh, Mario
FC Bayern vs. Inter Mailand (2:3)

Ich mag die Nachberichterstattung nicht lesen, sie ist mir Dokumentation einer Ahnung. Ich mag die Spielminute nicht recherchieren, denn sie ist egal; wenn der Umschwung in einem besonderen Moment sichtbar wird, dann reichen auch einige wenige Minuten für die Wende ins Negative, ganz gleich ob es die 60. oder 85. ist.

Als Gomez nicht schoss, gab er die Richtung vor: Aus einem wundervollen Doppelpass war ein Doppelrückpass geworden, aus Mut und Unbeschwertheit wurde Angst. Erkennbar wurde jenes Nachdenken über die Folgen des eigenen Tuns, das die reflexartigen Aktionen verunmöglicht, die durch die ihnen innewohnende Unberechenbarkeit zu Spielszenen führen, die Fußball zu einem Erlebnis macht. »Ach du Schande«, habe ich gedacht. Und wenn ich so etwas spüre, vor dem Bildschirm und in der Erinnerung an eigene Erfahrungen auf uralten Ascheplätzen, dann ganz gewiss auch jene auf dem Feld, hüben wie drüben, wenn der sich nicht traut, in einem solchen Moment und nach einem solchen Spielverlauf, nach einem solchen ersten Tor, dann geht was. Oder eben nicht mehr.

In der Folge mehrten sich exemplarische Situationen; Philipp Lahm, der aus gefühlten 50 Metern und ohne direkte Bedrängnis eine Kehrtwende macht und zu seinem Torwart zurückspielt; jene riberysche Hektik, die sich zeigt, wenn kaum etwas mehr läuft, sondern erzwungen werden soll; die schweinsteigersche Verunsichtbarung. Die sich ergebende Mischung aus hektischem Aktionismus und jener Angst, die aus einer Bewusstwerdung erwächst, dass Befürchtetes mit einem Mal möglich erscheint, macht diese Niederlage psychologisch konsequent: Sie ist vollkommen unverdient, aber schlüssig.

Permalink

Lieber René Adler,

vorhin habe ich Sie im TV beobachten können, da haben Sie mir und meinem Sohn erklärt, wie es zu Ihrer Karriere kam: Ihr Bruder sei beteiligt, und Monte, sagten Sie, und zeigten uns einen Film von früher, wo Sie so eine Trophäe gerade noch haben fangen können. Man hat schon dort sehen können, welches Potenzial in Ihnen steckt!

Aber das mit Monte hat mich dann doch erstaunt. Gut, das sieht hübsch aus, weiß und braun, Schokolade und Nüsse und Milch, man hätte sich denken können, dass das ein Geheimtipp unter Sportlern ist, aber ich wusste es nicht. Irgendwo habe ich gelesen, dass Monte eine Süßigkeit ist, aber das muss ja nicht schlecht sein.

Ich bin schon froh, dass es Fernsehen gibt, sonst hätte ich nicht erfahren, dass Sie Ihre Karriere dem Genuß verdanken. Ich dachte immer, dass Talent eine Rolle spielt, Spaß an der Sache, und natürlich viel Training. Meinen Sohn hat das gefreut, kann ich nachvollziehen, ich hätte ja auch gerne Erfolg durch Naschen, vielleicht versuche ich das einfach mal.

Sportler sollen Vorbilder sein, aber das bekommt nicht jeder so gut hin wie Sie: Deshalb möchte ich mich heute bedanken, für den Insider-Tipp und die Unterstützung bei der Erziehung meines Sohnes. Alles Gute, und viel Erfolg weiterhin! Mindestens so viel, wie ihn Ihre Kollegen von Nutella haben.

Herzliche Grüße,
Harald Müller.

Permalink

Und Schweinsteiger, der sich nach einem Alltagsfoul wälzt, bevor er im Anschluss die Folgen zu relativieren versucht: Eine gelbe Karte für den Gegner soll es geben, und damit Gelbrot. Schweinsteiger beschwichtigt, versucht den Schiedsrichter davon zu überzeugen, dass das übertrieben sei, Herr Schweinsteiger eben. Als würde er spüren, dass dieses Wälzen zuvor nicht in Ordnung war, Pubertät live, das Kind wälzt sich im Gras und der Erwachsene steht auf, die Folgen zu vertreten.

»Wir müssen wieder Männer werden«, wird van Gaal nachher sagen.

Permalink

Raul

Wenn man ein Fußball-Weblog hat, dann muss man über Fußball schreiben. Der Punkt ist, dass mich Fußball momentan nicht die Bohne interessiert. Ich leide noch immer unter den Nachwehen der Weltmeisterschaft und ich weigere mich zu glauben, dass das Leben einfach immer so weitergeht. Metzelder ist jetzt auf Schalke, oder auf dem Mond, mir doch egal, ich bin Details nicht gewachsen.

Das Foto auf Spox gefällt mir. Raul strahlt da jemanden an, der aussieht wie Bela B. in blond. Wenn Du das hier liest, wirst Du das Bild nicht mehr finden auf Spox, Du wirst andere Bilder sehen, jene von morgen. Vielleicht Magath, nach dem ersten Turniersieg der Saison und begleitet von der Meldung, dass Schalke nun auf Zehenspitzen steht und langsam Augenhöhe erreicht hat, die Saison wird spannend wie nie, später eine ausführliche Analyse des Ist-Zustands. Im Anschluss der Anschluss, kommentiert von Häwelmann.

Ich wünschte, ich wäre Fan, wie ihr. Und ich könnte fiebern und wollen und lieben, bedingungslos, und all das wäre mir wichtig. Aber ich interessiere mich nur für Fußball. Wenn er schön ist.

Hoffentlich geht es bald los.

Permalink

Was mir blieb, von Afrika

Wenn ich an die Weltmeisterschaft in Südafrika denke, dann denke ich an den popelnden Jogi Löw.

Das ist mir ein bisschen suspekt, denn immerhin ist eine Weltmeisterschaft das größte Ereignis, wenn man Fußball liebt. Zumindest wenn man ihn auf eine unbestimmtere Weise liebt, als jene gerichtete Liebe zu Verein und Mannschaft, die auch Kleines zu Größtem werden lässt; ein Tor, ein Sieg, ein Satz. Eine allgemeinere Liebe; prinzipiell, nicht exklusiv, der Mann, der die Frauen liebte, vielleicht hat er Fußball gemocht. Spielszenen gehen mir durch den Kopf, doch sie sind ohne feste Folge, vier Wochen als nahezu zeitgleiches Ereignis abgespeichert in einem großen Gebilde der Unruhe, einem Körper bestehend aus Momenten der Langeweile und des Dramas, der Überraschung und des Ekels, der Freude und der Wut, Stimmen aus dem Off, Gesichter ohne Ton. Dass nun ausgerechnet des Bundestrainers Popel zum Titelbild meiner Erinnerungen werden soll, macht mich ratlos.

Man popelt nicht in der Öffentlichkeit, und erst recht isst man seine Popel nicht im Anschluss. Ich weiß das. Ich erinnere mich nicht, wann und von wem ich es gelernt habe, auch kenne ich den Hintergrund dieser Regel nicht, aber ich nehme sie hin. Sicher muss jeder Mensch auch mal popeln, aber das hat unerkannt zu bleiben. Es nun aber von einem zu sehen, der in der Öffentlichkeit steht als jemand, der Verantwortung für ein Land hat – und sei es auch nur für dessen Auftreten in einer Sportart – war Aufregung genug, dass es für ein paar Tage die Schlagzeilen beherrschte. Wir sind Papst, und wir popeln.

Das Fehlverhalten des Bundestrainers war auch Beleg für die intensiver werdende mediale Begleitung, Superzeitlupen während des Spiels und in der Nachbetrachtung, kaum etwas bleibt mehr verborgen, man sieht alles. Zumindest sieht man, was man sehen soll. Denn auch bei dieser Weltmeisterschaft hat es Aggressionen gegeben, unschöne Szenen auch abseits des Platzes, in den meisten Fällen fielen sie einer konzeptionellen Bildregie zum Opfer. Wenn sie dennoch sichtbar wurden, dann nur für Momente und wenn es unausweichlich war, sie blieben im Wortsinn Randerscheinung.

Und der Fußball? Es ist, wie es immer war: der Fußball summiert die Themen seiner Zeit. Das alte Europa wackelt ein bisschen, die kunstfertigen Südamerikaner straucheln, die Welt darf jetzt ein bisschen mehr mitmachen und die Chancen der Anderen steigen, aber noch bleibt im Grunde alles beim Alten. Globalisierung scheint attraktiv, hier partizipiert Deutschland auch im Fußball besonders, der große Sieger des Turniers jedoch ist: die Ordnung. Nicht etwa, weil sie zu etwas Gutem und Schönem geführt hätte, sondern vor allem, weil sie ganz unabhängig von Sinn oder Unsinn schlicht allgegenwärtig war.

Die Ordnung wurde sichtbar in der Beschränkung des bisher schönsten Fußballs aus Brasilien und den Niederlanden auf eine stärkere Erfolgsorientierung, übersteigert bis hin zur Skrupellosigkeit, nur wenig Schönes blieb. Die Ordnung war präsent in ihrem Fehlen, bei Mannschaften, die erkennbar planlos agierten, Argentinien, die ungeordnete Qualität wird schon reichen, sie reichte nicht; und die Ordnung war präsent, als sie an einem deutschen Tiefpunkt falsch gewählt wurde. Besonders groß jedoch ist ihr Sieg bei dem Sieger, denn bei aller technischen Qualität und Brillanz mancher Spielzüge basiert gerade das Spiel des neuen Weltmeisters Spanien eben auch auf: vollendeter Ordnung. Lange trainiert, die Spieler kennen sich in- und auswendig, und nicht selten wird ihr Tiqui Taca zu einem schlichten Ordnungs-Tick, das Feld besteht nur noch aus Dreiecken in denen der Ball gefangen scheint, in diesen Momenten haftet ihrem Spiel etwas Manisches an.

Dieser umfassende Siegeszug der Ordnung lässt mich in Unordnung zurück, ich vermisse das Wilde, das Überraschende und die Freiheit, ich vermisse eine ungeplante Kreativität. Aber vielleicht ist das zu viel verlangt, geschuldet einer romantischen Idee; ich sollte die Entwicklung akzeptieren und mich begnügen mit vereinzelten Irritationen, den kleinen Ordnungswidrigkeiten. Und wenn es nur ein Popel ist.

Seite 19 von 37« Erste...10...1718192021...30...Letzte »