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Spielfeldschnitte

Ich würde mir gefallen als jemand, der Frauenfußball mag. Aber ich würde mir auch gefallen als jemand, der fließend Spanisch spricht, und doch ist mir beides nie gelungen, jeder Versuch war ein halbherziger.

Die Wahrheit ist, dass ich Frauenfußball kaum jemals gesehen habe, nicht einmal die Spielerinnen der Nationalmannschaft aufsagen könnte. Schon bei dem Wort spüre ich die Verunsicherung, Männlichkeit zieht sich ja durch die gesamte deutsche Sprache und jeder legitime Versuch, das zu ändern, wirkt eigenartig fremd, aber bei einem so seltsam heiklen Thema wirkt die Unterlassung noch surrealer.

Ich werde die Weltmeisterschaft der Frauen (Termine) nutzen, mich ein bisschen mehr einzusehen in das so ungewohnt fremde Spiel, meine Augen zu gewöhnen und meine Gedanken, und vielleicht wird es mir gelingen, ein bisschen davon in Worte zu fassen.

Verlassen kann ich mich darauf nicht, ich kenne mich lange genug. Aber andere werden es tun, vernünftig schreiben über etwas, das ihnen am Herzen liegt. Zum Beispiel das Blog für Frauenfußball-Kultur. Auch dort findet man die Formulierung »Nächster Termin der Nationalmannschaft«, aber im Gegensatz zu mir wissen sie sicher genau, was sie tun.

Im Moment läuft eine schöne Aktion, Schnittini, Gelegenheit für mich, einen ersten Blick auf das zu werfen, was mich erwartet.

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Das Gurkenspiel
Österreich vs. Deutschland (1:2)

Grauenvolle Spiele deutscher Fußballnationalmannschaften, zumindest jener der Herren, hat man in den letzten Jahrzehnten häufig gesehen. Gestern erneut. Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied: War es über lange Zeiten schmerzhaft zu ahnen, dass all der Krampf, die summierte Hilflosigkeit und der Aktionismus gleichzeitig auch das substantielle Maximum war, so schaut man nun einem solchen Desaster nun zu und weiß doch, dass das alles viel besser geht, um Klassen sogar, und das ein paar Momente der Schönheit in diesen Zeiten nicht das Außergewöhnliche, sondern das Eigentliche sind. Sinnbild für diese Entwicklung der letzten Dekaden sind zwei Spiele des Mario Gomez.

Bei der Europameisterschaft 2008 war er gegen Österreich trotz größter Chancen noch ohne Tor geblieben. Zwar wusste jeder, dass er viel besser spielen kann als das, was er damals zu zeigen im Stande war, aber es wollte nicht gelingen, er wirkte in seiner Hilflosigkeit wie ein Fremdkörper in einer funktionierenden Mannschaft, im Zuschauen schwankte man zwischen Mitleid, Hohn und Fremdscham. Gestern war es andersherum: Aus kaum einer Chance machte Gomez zwei Tore, während der Rest des Teams weit hinter seinen Möglichkeiten blieb. Gomez tat es mit einem spürbar gewachsenen Selbstbewusstsein, sein erstes Tor kommentierte er später lachend als einen sehr »gelungenen Übersteiger«.

Ein Gegner, ein Mann und zwei Spiele, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, beinahe als würde sich in Gomez die Entwicklung der Nationalmannschaft zu einem Expose versammeln. Es war eines der schlechtesten Pflichtspiele unter Löw, aber es war eben auch: egal.

Das ist neu. Und es ist ein gutes Gefühl.

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Spanischer Honig
FC Barcelona vs. Manchester United (3:1)

Draußen grenzt es an dreißig Grad, ein guter Tag um den im Folgenden extensiv ausgelebten Größenwahn auf Dehydratation zu schieben: Ferguson, Mourinho und unzählige Kommentatoren haben das Spiel nicht begriffen, und wenn doch, dann haben sie die falschen Schlüsse gezogen. Gemeint ist nicht Fußball, den haben sie wahrlich verinnerlicht, sondern das »perfekte Spiel« von Barcelona.

Natürlich sind die gut, wie auch nicht – immerhin spielt die halbe Nationalmannschaft Spaniens dort, ergänzt um den Weltfußballer Messi und ein paar andere internationale Größen. Faszinierend ihre Technik und Ballsicherheit, einfach perfekt, und auf herkömmliche Weise sind sie tatsächlich kaum zu schlagen: Manchester United ist nicht irgendwer, die Art und Weise ihrer Niederlage im Champions League Finale zeigt die Qualität des spanischen Systems. Aber das Spiel lief auch in einer für Barcelona perfekten Dramaturgie: Messis »Weltklasse-Tor« zur vorentscheidenden Führung war zwar gut, aber vor allem nur möglich durch einen krassen Stellungsfehler von Torwart van der Sar, der für einen Moment seine Mitte verloren hatte, oder zumindest die seines Tores. Sowieso schien er sich in diesem Spiel nicht wie gewohnt auf seine Fähigkeit zur Antizipation verlassen zu können. Aber Manchester United blieb nicht chancenlos, trotz vollendeter Unterlegenheit, es scheint also etwas gegen Barcelona zu gehen. Zumindest theoretisch.

Dafür jedoch braucht es eine andere Herangehensweise als die herkömmliche Aufstellung in Reihen, in welcher numerischen Anordnung auch immer. Denn Barcelona hält sich schlicht nicht an die konventionelle Spielweise. Auch hier gibt es Abwehrspieler, ein Mittelfeld, Stürmer, aber im Grunde sind es fleißige Bienen, und ich würde viel drum geben, ein solches Spiel mal in Ruhe von oben betrachten zu können – ich bin mir sicher, dass man die wabenförmige Ausrichtung sehen könnte. Der Ballführende ist immer umgeben von ausreichend Anspielstationen, nicht einer oder zwei, wie es auch hierzulande und zu meiner Zeit schon gelehrt wurde, meist sind es mehr, nach vorne und hinten, seitlich, in tatsächliche Bedrängnis kann man so kaum kommen. Auch ein konventionelles Pressing muss ins Leere laufen, die Ausweichmöglichkeiten sind beinahe unbegrenzt. Wollte man dem begegnen, dann müsste es auf eine weitaus kraftraubendere Weise geschehen, am besten mit drei Mann auf den Ballführenden, um den Ball und die Wege anzugreifen, so wie es häufig genug Barcelona macht, die bei Ballbesitz des Gegners zeigen, mit welchen Mitteln man auch gegen sie selbst vorgehen müsste. Abgeschaut hat sich das bisher niemand.

Dass man auch in herkömmlicher Ausrichtung ein Tor gegen die Spanier erzielen kann, hat Rooney gezeigt, und auf eine Art und Weise, die hätte Programm sein können. Ein schneller Kontor mit direktem Spiel bringt auch Barcelona ins Wackeln. Dafür braucht es ein wenig Mut, denn im direkten Spiel über weite Wege geht der Ball schnell verloren. Aber das tut er sowieso, und bei übertriebener Vorsicht auf eine noch entmutigendere Art und Weise.

Enorme Ballsicherheit unterstützt durch kurze Passwege, die darüber hinaus ein schnelles Spiel bei wenigen Ballverlusten erlauben, perfekte Technik, perfekte Spieler, all das ist beeindruckend, aber es ist nicht unschlagbar; ich glaube, dass es bisher schlicht noch niemand auf die richtige Weise versucht hat: Wenn man schon nicht das spanische Wabenspiel selbst übernehmen will, dann muss man es zumindest berücksichtigen. Klopp würde ich das zutrauen, und ihm würde ich auch zutrauen, dass er es auf eine konstruktiv attraktive Weise könnte, hätte er die dafür notwendig intelligente, ausdauernde und ballsichere Mannschaft. Aber das kann ja noch kommen.

Gegen Barcelona darf man verlieren, aber das ist nicht Schicksal, sondern Systemfehler. Ich gehe mir jetzt mal ein Glas Wasser holen.

Veröffentlicht von: Harald Müller | Unterhaltung: Kommentare deaktiviert | Kategorie: Text

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Relegation

Bei den Römern bedeutete Relegation »die mildeste Form der Verbannung«, in diesen Tagen trifft es einen jungen Torwart, und gleich doppelt. Schalker und Münchener Fans finden sich in seltener Eintracht als mächtige Phalanx gegen Neuer. Worum es geht? Es geht um Liebe.

Der gebürtige Gelsenkirchener entwickelte sich zu einem der besten Torhüter, schon jetzt wird er häufig als der weltbeste tituliert, und das ist kaum zu hoch gegriffen. Er zeigt ein Können, das es in dieser Form kaum jemals gab, schon jetzt und in jungen Jahren; Reflexe, Übersicht, Mut, ein tatsächlich auch guter Fußballer, er präsentiert sich mit einem solch fundamentalem Selbstbewusstsein, wie es nur erwachsen kann aus dem konstanten Erleben der eigenen Leistungsfähigkeit. Kein Wunder, dass die Bayern ihn haben wollen; kein Wunder, dass die Schalker ihn halten wollen. Nun scheint er sich entschieden zu haben, wie der kicker zitiert wird.

Für Neuer haben die letzten verzweifelten Offerten von Schalke es zumindest in der Öffentlichkeit nicht leichter gemacht, nun muss er doch bleiben!, aber das Erstaunen über seine Ablehnung zeigt nur, dass er missverstanden ist, und im Gegenteil gerade ein monetär begründeter Verbleib jene Vorurteile bestätigen würden, die auf Neuer nicht passen. Es geht eben nicht um Geld, es geht um Entwicklung.

In jeder Sekunde konnte man spüren, dass Neuers Herz an Schalke hängt, aber er hat sich von dieser Liebe emanzipiert. Er ist groß geworden auf Schalke, er hat alles gegeben für sich und seinen Verein, und dass er nun geht, bedeutet eben nicht den unterstellten Verrat, sondern ein schlichtes Erwachsenwerden. Das ist zutiefst lebendig, wie es auch lebendig ist, wenn Kinder ihr Elternhaus verlassen, um Erwachsene werden zu können. Torwart, das ist ein Beruf, auch wenn es bei Neuer als Berufung erscheint, und dass er sich als Berufstätiger, Mann und Mensch entwickeln will, das kann man ihm nicht vorwerfen. Zumal er sein Herz nie verschlossen hat und eine Offenheit in der Situation zeigte, die jeden Respekt verdient, meinen hat er allemal und schon lange.

Nicht jedes Elternhaus ist ein liebevolles, und so sieht sich auch Neuer auf seinem Weg von klammernden Müttern und ablehnenden Schwiegermüttern in den Fankurven umgeben; hier jene, die nicht loslassen können, dort jene, die Angst vor dem Neuen haben. Er wird drüber wegkommen.

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Abendspiel

Löw ist nicht brav, und wer ihm in die Augen geschaut hat, der erkennt das. Ich weiß es, denn ich habe ihn getroffen, heute nacht. Ich ging hinter dem Tor entlang, lange nicht mehr diese Perspektive gehabt, die Augen einmetersiebzig über dem Rasen, vor dem Fernseher wundert man sich nachvollziehbarer über mangelnde Übersicht. Ich nahm mir vor, zukünftig gnädiger zu sein. Löw kam auf mich zu und begrüßte mich ohne ein Lächeln, vielleicht hatte er den Text damals gelesen und verzeiht ihn mir nicht, wahrscheinlicher war, dass er um meine Irrelevanz wusste. Löw ist ein Beispiel dafür, wie leise wahre Macht ist.

Er war Trainer, die Mannschaft spielte in weiß: Özil war linker Verteidiger, das Mittelfeld bestand aus D-Jugend-Spielern, Adler stand im Tor. Komisch, dachte ich noch, wo er doch zunehmend Wiese ähnelt in dieser Mischung aus genialen Momenten und seltsamen Fehlern. Wir gewannen sechs zu zwei, ich hatte fünf der acht Tore nicht mitbekommen, nicht mitbekommen auch, warum ich sie nicht mitbekam. Vermutlich Gänseblumen und die Konzentration auf ein Lächeln im Zuhören. Auf dem Kleinfeld nebenan begrüßte mich mein alter Trainer, er war nun ein moderner Sechser.

Ich war nicht ausreichend verdutzt, um aufzuwachen.

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Ich vs. Ich

Ich habe eine Menge gemacht in meinem Leben, und ich habe eine Menge erlebt. Vieles davon war sehr schwer, vieles hängt mir nach, aber ich habe all das immer geschafft, irgendwie. Im letzten Jahr änderte sich das erdrutschartig.

Nach langem Kampf habe ich meinen Beruf aufgeben müssen und mich arbeitslos gemeldet, seitdem bin ich »Hartz IV«. Anfang diesen Jahres haben mich die Kräfte vollends verlassen. Durch die Anregung eines wachen Menschen bin ich tatsächlich zum Arzt gegangen, die Diagnose lautete »schwere Erschöpfungs-Depression«.

Bei allem Frust über die Fußballwelt, wie sie sich manchmal zeigt, und dem Hadern darüber, dass Schwäche in einem solchen System kaum möglich scheint, wurde mir klar, wie es jemandem in ähnlicher Situation gehen muss, der ein ungleich exponierteres Leben führt – wo es doch schon mir, in meinem kleinen Leben, schwer fällt, offen zu sein, und ich mich meiner Schwäche schäme. Dieser Umstand, einige Texte und Gedanken der letzten Zeit, und das Wissen darum, dass man nichts ändern kann, außer sein eigenes Verhalten, haben es für mich also nahegelegt, das hier zu schreiben. Auch wenn ich, als Teilzeitblogger, nur im weitesten Sinne Teil des Fußballs bin.

P.S.: In diesem Tagen geht es mir wieder ein bisschen besser, ich schlafe viel und versuche mein Zeugs auf die Reihe zu kriegen, spüre, wie die Kraft langsam zurück kommt. Kein Grund also zur Sorge, ich wollte es schlicht nur mal gesagt haben.

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