Ich habe die Arbeit am Kopfballpendel nie verstanden. Zwar ist die Bewegung prinzipiell korrekt, man springt und köpft, und dennoch hat das ja nichts mit einem richtigen Kopfball zu tun, mit dem Erkennen der Flugbahn, mit dem notwendigen Timing, mit der Bewegung zum Ball auch in Bedrängung, was sollte denn dieses Hüpfen auf der Stelle am Pendel schon bringen, außer eben, dass man das Hüpfen lernt. Aber vielleicht war selbst dieses Wenige ja schon was, und mehr als bei jenem neuen Trainer. Wir standen in der Vorbereitungsphase um ihn herum und schauten ihm bei einer neuartigen Übung zu: Er sprang in die Luft und spreizte die Arme von sich, die Beine, und zuckte auf eine seltsame Weise, wir versuchten, es ihm gleich zu tun aber nicht zu seiner Zufriedenheit, er murrte, schimpfte, wurde immer ungeduldiger, und erst als er von einem Kopfball sprach, wussten wir seine Bewegungen zu interpretieren. Aha, Kopfball. Hüpfen und Springen also, und wir taten in dieser neuen Erkenntnis wie uns geheißen, aber der Mann hatte es nie wieder so leicht mit uns wie an jenem Tag seiner Premiere.
Meinem ersten Trainer fehlte ein Daumen, der zweite schüttelte die Pflaumen scheuchte uns die Treppen hoch, mit einem Mannschaftskameraden auf dem Rücken, im Sprint bis einer kotzt, es war meistens Thomas, der kotzte, ich weiß gar nicht warum, er war eine Mischung aus Hulk und Olić und vielleicht hatte er schlicht Freude daran, über seine Grenzen hinwegzugehen. Wir machten Liegestütze und Steigerungsläufe, Kraft, Kondition, und immer erst gegen Ende des Trainings ein bisschen mit Ball, zur Belohnung. Vieles von all dem war ungesund, Weniges machte Spaß, sie wussten es nicht besser, die zweiten, dritten, vierten Trainer, damals. Manchmal frage ich mich, wie all das hätte sein können, mit ein bisschen mehr Fachwissen und ohne jenes falsche Dogma von Kraft und Ausdauer, viel gelernt haben wir nicht, das meiste nur aus uns selbst heraus und der unbedingten Lust am Spiel.
Vielleicht ist es das Wissen um die dunkle Seite des Platzes, warum ich Jürgen Klopp so sehr mag. Man sieht seinen Spielern an, dass sie fit sind, dass sie ihr technisches Vermögen ausschöpfen, dass sie taktisch perfekt eingestellt sind, vor allem aber sieht man ihnen an, dass sie Spaß haben an dem, was sie tun, sie spielen Fußball. Möglich wird das nur, wenn der Trainer ein Guter ist, wenn er fachlich und menschlich akzeptiert wird, und man glaubt das sofort: Der Klopp ist ein Guter, vielleicht der Beste in der Liga. Ich akzeptiere den Mann schon als meinen Trainer, wenn ich ihm nur im Fernsehen begegne, man spürt, dass es auch die Spieler bedingungslos tun, und man ahnt, dass diese Bedingungslosigkeit eine fundamentale Berechtigung hat.
In einem älteren Interview erfährt man eine Menge über Einstellung und Arbeitsweise des Fachmanns Klopp, man staunt über die Akribie, mit der er sich vorbereitet, nacharbeitet, fünf Stunden Videostudie allein für das Begreifen eines Spiels, Bilder von Kameras, die im Stadion nur zu diesem installiert wurden, man erfährt von seinem Vater, der sein erster und härtester Trainer war, von Tod und Zweibettzimmern, Zuckerwürfeln, Gott und Geld, und man begreift, wie viel Arbeit und Planung und Entwicklung hinter dem offensichtlichen Charme steckt, und dem Charisma.
Für Dortmund hat sich all das in der letzten Saison ausgezahlt, Meister der Herzen und auf dem Papier, und die nächste Saison wird nun zeigen, wie es weitergeht mit Dortmund und Klopp, und ob es einen nächsten Schritt geben kann in dieser auch durch ihre Stetigkeit beeindruckenden Entwicklung der letzten Jahre. Champions League, das wird spannend, und ebenfalls spannend wird sein, ob sie es erneut schaffen können, Meister zu werden. Trainer und Blogger tendieren zu Bayern, Klopp selbst sieht sich erneut als Herausforderer.
Ich glaube, Herausforderer ist der Mann immer, es ist selbstgewählte Rolle und Lust, Klopp sucht Entwicklung und Steigerung, diesmal die Titelverteidigung. Das könnte klappen.