
Foto: Copyright © 2012 Max-Jacob Ost
Max-Jacob Ost hat Germanistik, BWL und Politik studiert, arbeitete als freier Journalist für 11Freunde und wechselte später zu SPOX um dort eine User-Redaktion aufzubauen, Mitte 2010 wurde er Leiter der Community und verantwortlich für Social Media. Eine seiner Motivationen ist, die Distanz zwischen konventionellen Medien und dem freien Netz zu verringern, Interaktion zu fördern, die Grenzen zwischen Aktion und Rezeption zu verwischen, seine Vorstellung von einem kooperativen Umgang wird in all dem deutlich. Die »Blogschau« war lange Ausdruck dieser Einstellung, zuerst bei 11Freunde und später bei SPOX hat er hier wöchentlich die aus seiner Sicht auffälligsten Texte aus der Szene der Sportblogs vorgestellt, Neuentdeckungen präsentiert, eine Plattform geschaffen für »das Gute und Interessante da draußen«. Jetzt ist Schluss, die Blogschau wird eingestellt. Und das hat Gründe.
freitagsspiel: Die Blogschau gab es schon bei 11Freunde, deiner ersten Station im Sportjournalismus. Wie ist dieses Format entstanden?
Max-Jacob Ost: Ich habe irgendwann im Jahr 2007 die Sportblogosphäre für mich entdeckt und war sehr positiv überrascht von ihrer Vielfalt und Qualität. Gleichzeitig bekam ich mit, dass auch andere Journalisten in den Blogs lasen, sich teilweise auch von den dort gesetzten Themen inspirieren ließen. Doch trotzdem wurde den Bloggern nirgendwo außerhalb ihres Kosmos eine Plattform geboten. Das hat mich ein bisschen geärgert und gleichzeitig angespornt, selbst ein Format auszuprobieren. Die Form der Blogschau musste sich dann im Laufe der Zeit noch finden. Das Ziel war aber immer dasselbe: Jenen Lesern die Blogosphäre näher zu bringen, die sie noch nicht kannten oder zu schätzen wussten.
Das scheint gelungen zu sein, zumindest wenn ich die Auswirkungen auf mein Blog betrachte – mit jeder Erwähnung steigen auch die Zugriffszahlen sprunghaft an . Wöchentlich stellst du eine Auswahl jener Texte zusammen, die dir bemerkenswert erscheinen, die »trending Topics« ahnend, aber immer wieder auch mit interessanten, bisher unbekannten Blogs; wählst repräsentative Textpassagen aus; ergänzt die Vorstellungsrunde um zusätzliche interessante Links: Das klingt nach einer Menge Arbeit. Wie läuft denn ein solcher Prozess ganz praktisch ab? Wieviele Weblogs musst du lesen, um das leisten zu können? Und - findest du überhaupt noch die Zeit, Sportblogs mit Genuss zu lesen?
Da steckt tatsächlich eine Menge Arbeit dahinter. Stand heute habe ich rund 500-600 Sportblogs in meinem Feed-Reader, wobei ich anders als noch vor einem Jahr nun nicht mehr gezielt nach neuen Blogs suche. Durch mein Studium (u.a. Germanistik) bin ich recht gut im Querlesen, trotzdem hat eine Blogschau Minimum vier bis fünf Stunden gedauert. Die ersten zwei Jahre habe ich mir immer noch einen ganzen Tag Zeit für die Blogschau »gegönnt«, später war das leider einfach nicht mehr machbar. Tatsächlich hat der Genuss am Lesen durch diese wöchentliche Tortur sehr gelitten. Eine Zeit lang habe ich nicht einmal meinen persönlichen Favoriten-Ordner mit rund 100 Blogs unter der Woche geöffnet. Der Zwang, gute Blogbeiträge sofort zu speichern und Passagen zu extrahieren hat mir ein bisschen den Spaß verdorben. Im Grunde dasselbe Problem, das viele Germanistik-Studenten auch haben: Wenn Lesen zu Arbeit wird, fehlt manchmal der Antrieb. Aber letztlich ist das Jammern auf hohem Niveau.
Ein Format, das du selbst entwickelt und über Jahre gepflegt hast, der wachsende Aufwand, die Belastung für das Alltägliche, jetzt ziehst du die Reißleine: Es klingt ein bisschen nach einer Liebesgeschichte mit unglücklichem Ausgang. Wie kam es zu dem Entschluss, die Blogschau einzustellen - ist deine Entscheidung redaktionsinternem Druck geschuldet oder allein der (verständlichen) Erschöpfung? Beinahe 600 Sportblogs, da würde mich das Querlesen schon nach ein paar Tagen überfordern …
Nein, aus der Redaktion gab es keinerlei Druck. Die Entscheidung lag allein bei mir. Was zum Einstellen der Blogschau geführt hat, kann vermutlich auf eine kurze Formel reduziert werden: Der Aufwand stand irgendwann in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag. Und hier spreche ich nicht von Klicks, sondern vor allem von Aufmerksamkeit für die Blogosphäre. Ich hatte den Eindruck, dass trotz der prominenten Bühne immer weniger Leser tatsächlich in die Blogosphäre ausschwärmten, das heißt die angerissenen Artikel auch in den Blogs komplett lasen. Vielleicht gewöhnt sich der User zu sehr an den Service, den Kern eines Blogartikels über ein Zitat serviert zu bekommen und muss durch »lückenhaftere« Zitate mehr zum Klick gezwungen werden. Das allerdings hätte die Zitatauswahl noch aufwendiger gemacht und dem Sinn der Blogschau in Teilen widersprochen.
Darüber hinaus war die Blogschau ja sicher auch als ein Instrument gedacht, Sportblogger und Spox näher aneinander rücken zu lassen. Sowieso: 11Freunde verweist auf Texte in Blogs, hat zum Saisonauftakt ein Sonderheft herausgebracht, das auch Sportblogger zu Worte kommen ließ; Ihr bei Spox habt die letzten größeren Gemeinschaftsaktionen der Sportblogger - Aktion Libero und Wahl des Sportbloggerbeitrags des Jahres 2011 - aktiv und umfassend unterstützt; von kicker und Sportbild kenne ich hingegen keine vergleichbaren Ansätze. Und trotz der genannt positiven Beispiele ist es, so nehme zumindest ich es wahr, auch nach Jahren nicht zu einer natürlicheren Kultur der Kooperation gekommen zwischen professionellen Publikationen und der eher privaten Bloggerei. Ist das auch dein Eindruck, und wenn ja - woran könnte das liegen? Sind Sportblogger zu egozentrisch? Oder schließt sich ein enges Miteinander sogar aus, wenn Professionalität und privater Enthusiasmus aufeinandertreffen? Mit der Blogschau entfällt die stärkste Brücke zwischen den Welten, zwischen professionellem Medium und der »freien« Bloggerei. Ihr bei Spox hattet schon früh ein System geschaffen, dass es Nutzern ermöglicht, Texte zu publizieren: Mit dieser Community wurde quasi eine Blogosphäre innerhalb des euch eigenen Systems geschaffen. Strategisch ist das ein nachvollziehbarer Ansatz, Klicks und Seitenaufrufe bleiben »in der Familie«, ist das gleichzeitig auch ein Gegenentwurf zur anscheinend unmöglichen natürlichen Vernetzung?
Nein, ein Gegenentwurf ist das nicht. Im Gegenteil: Über mySPOX wurden User zu Bloggern, die bestimmt nie im Leben daran gedacht hätten, über ihre Leidenschaft zu schreiben. Was wir letztlich machen, ist die Einstiegshürde zu minimieren. Wer bei uns mit dem Bloggen beginnt, bekommt Feedback von erfahrenen Schreibern, frühe Erfolgserlebnisse mit vielen Klicks und sehr konstruktive Kritik der User. Sprich: Viele Probleme, die andere Blogger beim Aufbau eines Blogs haben, werden bei SPOX minimiert bzw. sind gar nicht vorhanden. MySPOX ist deshalb eher eine Ergänzung zur Blogosphäre im Gesamten, was sich ja auch daran zeigt, dass viele SPOX-Power-Blogger inzwischen hervorragend in der Blogosphäre vernetzt sind und zum Teil auch außerhalb von SPOX bloggen. So wie einige Blogger auch schon bei SPOX geschrieben haben (siehe z.B. im Rahmen des »Gastblog des Monats« in der FCB-Gruppe).
Die Vernetzung von Medien und Blogosphäre ist ein anderes Thema. Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie sollte diese Vernetzung in einer idealen Welt eigentlich aussehen? Ich glaube, dass beide Seiten keine konkrete Idee für eine Zusammenarbeit haben oder haben wollen. Inhaltlich können die Sportblogger die Nische der meinungsstarken und basisnahen Stücke besetzen, die dem klassischen Sportjournalisten nicht immer offen steht. Große Teile der Sportblogosphäre erschöpfen sich aber in »klassischer« Berichterstattung mit Vorschauen und Analysen. Das ist auch vollkommen in Ordnung und kann einen Mehrwert bieten – aber eben keinen, der für andere sportjournalistische Medien relevant ist. Ich glaube deshalb, dass eine fruchtbare Kooperation meist nur zu einzelnen Themen sinnvoll (damit meine ich: für beide Seiten gewinnbringend) funktioniert. Auch weil die Skepsis beiderseits noch sehr groß ist.
Das mit der Skepsis nehme ich ähnlich wahr, wenn ich auch kaum eine Idee davon habe, woran das liegen könnte: Was mich selbst betrifft, habe ich das Gefühl, dass klassische Medien das, was ich tue, kaum wahrnehmen und wenn überhaupt, dann mit einem wohlwollenden Lächeln bedenken - ja, ganz schön, »für einen Laien« schwingt da immer ein bisschen mit. Ein diffuses Misstrauen, vielleicht auch ein bisschen Trotz, das fühle ich also auch, selbst wenn all das ganz anders sein sollte ... Nun also meine letzte und wichtige Frage, und soweit Du selbst es realisieren und absehen kannst: Ist das mit der Blogschau eine notwendige Pause, oder ist es ein tatsächliches Ende?
Ich weiß nicht, ob man dieses »diffuse Misstrauen« so pauschalisieren kann und insgesamt deine Einschätzung der Wahrnehmung von Bloggern richtig ist. Sicherlich ist die Position gegenüber den Bloggern von Journalist zu Journalist genauso verschieden wie es innerhalb der Blogosphäre auch gegenüber den Medien ist. Fest steht in meinen Augen aber: Am Ende setzt sich Qualität immer durch und erfährt auf lange Sicht meist auch die Würdigung, die sie verdient hat. Wer gute Texte schreibt, braucht sich nicht zu verstecken. Das gilt für Journalisten wie Blogger gleichermaßen. Klar ist aber auch: Da die Medien über eine selbst geschaffene Plattform mit hoher Aufmerksamkeit verfügen, wird es ihnen immer leichter fallen im Lärm der Foren, Blogs, Medien und Vereinshomepages aufzufallen. Blogger müssen für ihre Anerkennung härter kämpfen. Da es den meisten Bloggern aber vollkommen zurecht weniger um Anerkennung als um die Sache geht, ist das weniger dramatisch als es sich vielleicht anhört.
Um auf die Blogschau zurück zu kommen: Ich glaube nicht, dass die SPOX-Blogschau für immer begraben ist. Von monothematischen Blogschauen bis zu selbstständig von den Bloggern erstellten Zusammenfassungen ist viel möglich. Ich bin sicher, der Einfluss von Blogs auf die Medien wird langfristig steigen.
Vielen Dank, Max-Jacob Ost!
12/03/2012 @ 14:09
Herzlichen Dank.
12/03/2012 @ 14:24
sehr schönes interview. nachvollziehbarer entschluß. danke für die zeit. (wobei damals bei 11freunde noch besser war)
12/03/2012 @ 16:36
Gracias dafür!
Waren einige interessante Aspekte, die Verwendung in meiner BA-Arbeit fanden :)
12/03/2012 @ 21:16
Auch von mir vielen Dank für das aufschlußreiche Interview.
Und off Topic: Bei allem Verständnis für den Wunsch das Augenmerk auf die Antworten zu lenken: Die Schriftgröße bei den Fragen ist schon arg klein, so das längere Fragen ziemlich schwierig zu lesen sind.
13/03/2012 @ 13:00
Schönes Interview.
Und ich kann Max in vielen Punkten recht geben und muss gestehen: Ohne Spox wäre ich wohl nie zum bloggen gekommen und ohne die Blogschau wären ich wohl auch nie so richtig in die Blogosphäre eingetaucht. Danke dafür!
13/03/2012 @ 13:03
Schade ist es schon, aber ich verstehe das.
13/03/2012 @ 13:07
Danke, schönes Interview :)
13/03/2012 @ 13:12
Starke Statements.
Danke.
Auch für die jahrelange Mühe.
Du hast mir einige Blogger näher gebracht!
13/03/2012 @ 13:26
Vor allem zum vorletzten Absatz meine Zustimmung.
Meine Erfahrungen sind genau die, dass - wenn man überhaupt danach strebt - man über kurz mit den klassischen Medien einen natürlichen Kontakt bekommt. Der Irrglaube besteht eher darin, dass mancher Blogger meint, nur weil er mal 1 Jahr viel Wirbel gemacht hat (vielleicht weil das Studium nicht so in Anspruch nahm) und er sich Blogger nennt, ihm nun die Welt zu Füßen gelegt wird.
Anerkennung muss man sich verdienen und die auch immer wieder unter Beweis stellen. Das soll keine Überheblichkeit zum Ausdruck bringen, sondern ein zwischenzeitlich immer größer gewordenes Verständnis für Vereine und Medien. Man kann nicht jeder »Eintagsfliege« (und deren gibt es in den Blogs eben sehr sehr viele) den roten Teppich ausrollen. Das lässt das Tagesgeschäft einfach auch gar nicht zu.
Umso wichtiger war das Projekt »Blogschau« bei 11Freunde und Spox als komprimierter Handshake und Brückenschlag. Das waren ganz wichtige Initial-Projekte, dafür auch Max nochmal auf dem Weg herzlichen Dank! Dass es nun (vorerst) eingestellt wird, kann ich auch vor dem Hintergrund der Sachzwänge (»es klickt nicht«) gut verstehen.
Zudem muss sich die Blogszene auch erstmal wieder neu sortieren im Wald des Social Web. Wäre daher schön, wenn sich ein anderes Medium dem annähme - darf ja auch ein Blog sein, oder ein Blog eines Verlagshauses, das dann ja auch sehr vereinsspezifisch einen wöchentlichen Rundblick in die Blogs und Foren macht. Wäre im Übrigen auch eine schöne Aufgabe für die Fanbetreuer der Vereine. ;-)
Vielleicht wäre es ja ein schönes Thema auf der re:publica’12 in Berlin! Mal das Programm der Veranstalter abwarten...
13/03/2012 @ 13:52
Danke für den lobenswerten Einsatz an Herrn Ost. Besser fände ich es, wenn Blogger rechechierten und nicht nur Meinungen von sich gäben.
13/03/2012 @ 15:22
Danke an die beiden Protagonisten für das Interview!
13/03/2012 @ 15:44
Eine Empfehlung an die Redaktion: künftig bitte straffen, nicht so lange Fragen stellen. Mir fallen fast die Augen zu.
13/03/2012 @ 17:14
Auch von mir ein herzliches Dankeschön an den verehrten Blogschauer!
War mir immer eine große Ehre erwähnt zu werden.
Schade, aber die Gründe leuchten mir mehr als ein.
Und ob dies irgendwo weitergehen muss?!
Das kann jeder für sich entscheiden. Ich habe und werde immer zunächst einmal für mich bloggen. Weil es mir Freude (und Entspannung nach einem Spiel) gibt. Wenn andere das auch gut finden, was ich schreibe - gut. Wenn es »in die Medien« kommt - nicht schlecht.
Mein Wohl und Wehe hängt davon aber nicht ab.
Eine - für mich persönlich - sehr gesunde Einstellung. Imho.
13/03/2012 @ 21:47
Danke für das Interview.
600 Blogeinträge querlesen, kann man das lernen? Puh. Man stellt sich nicht immer vor wie viel Arbeit hinter so einer Blogschau stand. Danke dafür.
14/03/2012 @ 20:21
Schön von beiden Seiten. Wie man es ja auch nicht anders gewohnt ist.
16/03/2012 @ 20:55
@ mars: Ja, so einen richtigen Formfaktor habe ich leider noch nicht gefunden – weder in der Gestaltung der Typografie, noch jener der Fragen. Insofern kann ich auch …
@ Toleranz: … verstehen. Aber die elende Länge der Fragen hat pragmatische Gründe, anders ging es kaum – zumindest für mich nicht, und ich würde es wieder so tun.
30/04/2012 @ 16:27
Oh, jetzt erst gesehen. Vielen Dank für dieses außerordentlich lesenswerte Interview. Allein die Schriftgröße der Fragen ist etwas gewöhnungsbedürftig.