Das mit Düsseldorf war eine schöne Überraschung. Der Großvater hatte uns den Wagen geliehen, damit der Enkel mal wieder ins Rheinland konnte. Der Großteil der Familie lebt dort, er vermisst die Stadt, die Menschen, das andere Leben noch immer. Auch mir geht das so, vermehrt auch geschuldet der schwierigen Lebenssituation.
Der Morgen des letzten Tages war verregnet, wir besuchten meinen Bruder in Wersten. Seine Söhne sind sportlich und verliebt in Knallereien, ein Spaziergang im Regen begleitet vom Krachen des umfangreichen Arsenals, Knaller in Pfützen und Büschen, Papierkörben, eine kleine Armee auf ihrem Weg über den Deich des renaturalisierten Bachs, hin zur Universität. Der Große hatte einen Ball dabei, erinnerte mich sofort an früher, als das meine Joggingstrecke war, immer wieder auch mit dem Ball am Fuß, das Führen automatisieren, ungleich anstrengender als das einfach Rennen, die dauerhafte Kontrolle frisst Kraft, und sie frisst Luft.
Das Ziel waren die Parkdecks etwas abseits der Gebäude. Zwei Etagen, die obere getragen von Stelzen, darunter alles um einige Grade dunkler, Graffitti an den Wänden, ich kannte diesen Ort, aber hatte das längst vergessen. Wir waren schon damals als Kinder mit den Fahrrädern hier unten gewesen, später mit Mofas, und um die Betonsäulen gewedelt, nun also wieder und mit der nächsten Generation.
»Kannst du den Ball von hier dort hinten an die Wand schießen, ohne den Boden oder die Decke zu berühren?« Jens lächelte mich an, sie hatten das immer wieder versucht, es schien ein Ritual, der Ball wurde auf die Spitze eines der Richtungspfeile auf dem Boden gelegt, ausreichend weit entfernt von der Wand, dass der Schuss zu einer Aufgabe wurde.
Ich hatte lange nicht mehr vor einen Ball getreten, nun also am letzten Tag des Jahres wieder. Ich musste mich erst einmal eichen: Boden, Boden, Decke, Deckenlampe, Boden, nun sollte das gehen und tatsächlich ging es. »Gut«, meinte Jens. Er hatte mir das nicht zugetraut, so schien es, und es freute mich, dass ich ihn überraschen konnte, und mich. Neue Lust und neue Aufgaben, den Ball links neben die Flucht von zwei Säulen gelegt und dann der Versuch, ihn rechts um die nächste Säule herumzirkeln, in den Raum zwischen dieser und der folgenden, erneut an die Wand; dieser Treffer schon beim zweiten Versuch, jetzt wäre Rasen schön, und ein Tor.
Auf dem Rückweg haben wir einen weiteren Ball gerettet, er trieb unten im Bach und war irgendjemandem auf dem Weg bis hierhin verloren gegangen, nun schmissen die Kinder mit Krachern und Treibholz nach ihm, um ihn an den erreichbaren Rand zu drängen, eine Tapezierstangenverlängerung war dann die Lösung, sie hatte am Ufer gelegen, es muss eine seltsame Geschichte sein, die sie an diesen Ort gebracht hatte.
Auch das mit Würzburg war eine schöne Überraschung, denn die Dame, die so skeptisch war, ob ich als »Hartzvierler« auch in der Lage sein würde, den Flur vor dieser uralten Wohnung sauber zu halten, hatte sich einen Ruck gegeben, eintausend handschriftliche Ergänzungen zu ihrem Mietvertrag, aber tatsächlich auch diese letzte und wichtigste, ihre Unterschrift. Es sieht so aus, als würde ich mir kein Zelt kaufen müssen. Und auch wenn da ganz viele Wenns sind und Abers, für den Moment fühlt es sich an, als könnte es aufwärts gehen, nach diesem ersten und wichtigen Schritt.
Hier ist es stiller geworden und das wird auch noch ein bisschen so bleiben, denn dieser Umbruch bindet mich in der Realität, für das Netz bleibt nur wenig Zeit und kaum Kraft. Sollte all das gelingen, wird das gewiss wieder besser werden, auf jeden Fall aber mehr.
Ich wünsche ein gutes 2012!
09/01/2012 @ 14:34
Der letzte Absatz freut mich sehr. Ich hab viel an Dich (und vor allem die Wohnungsfrage) gedacht über die Feiertage.
Alles Gute für 2012, auch aus egoistischen Gründen.
09/01/2012 @ 23:42
Wie sehr durcheinander das ist (und ich), erkenne ich auch daran, dass mir der Ursprungsgedanke im Schreiben ganz verloren ging. Eigentlich wollte ich ja erzählen, wie sehr es meiner Situation entspricht, einen Ball so schießen zu müssen, das seine Flugbahn sich zwischen den Welten bewegt, nicht Boden noch Decke berührt, und dass es gar nicht so leicht ist, ihm auf seinem Weg hinterherzusehen …
(Danke, @heinzkamke.)
10/01/2012 @ 14:45
Ich wünsche ebenfalls ein gutes 2012, Danke.