Ich war schneller am Ball, dann trat mir Uwe in die Beine. Das war nicht sonderlich schlimm, aber seltsam. »Was soll denn das?«, wir kannten uns aus einer Auswahlmannschaft und ich wusste, dass dieser Tritt nicht im Eifer des Gefechts und schuldlos, sondern sehr bewusst gesetzt war, und ich verstand es nicht. Nach dem Spiel sprachen wir kurz, heute standen wir gegeneinander, da ist das eben so, wirklich klarer wurde mir nichts. Das ist bis heute so geblieben.
Eigentlich müsste ich nun all die nachvollziehbaren Geschichten listen, jene Beispiele der Schattenseiten und Grauzonen, die mich regelmäßig ratlos zurücklassen, es geht um Spenden und Amigos, Bestechung und Betrug, Aggression und Waffengewalt, um Menschen in Wirtschaft, Politik, Kirche, Medien, aus allen Bereichen der Gesellschaft und eben auch des Sports, jene Menschen, denen die Ahnung von dem, was richtig sein könnte, irgendwo auf dem Weg abhanden gekommen zu sein scheint. Ich müsste all diese Namen wieder auskramen aus jenen Bereichen meines Gedächtnisses, die sich meiner Erinnerung sperren, weil es mir eben nicht egal ist, und ich immer wieder aufs Neue enttäuscht bin, manchmal wütend, immer aber desillusioniert und traurig. Ich verdränge diese Geschichten relativ schnell, denn eine fortlaufende Beschäftigung damit ist viel zu anstrengend, man kann noch so weit denken, eine schlüssige Erklärung bleibt unerreichbar, das frustriert auf eine grundlegende Weise.
Das hat sich ein bisschen geändert, seit ich Sejad Salihović sah, wie er in ein und dem selben Spiel ein ganz wundervolles Tor schoss, und sich nur Minuten später auf vollkommen absurde Weise nach einem Schubser zu Boden sinken ließ, die Hände im Schmerz vors Gesicht gerissen. Salihović ist nicht im Ansatz der Erste, in dem sich Genie und Wahnsinn vereinen, und ob solches Tun nun von der Hand Gottes geführt wird oder einer anderen Instanz, ist vollkommen unerheblich, und dennoch wollen mir beide Szenen, Aufstieg und Fall, nicht aus dem Kopf gehen, weil es nicht leicht ist, sie zusammen zu denken, es ist die Diskrepanz, die mich verwirrt, und langsam begreife ich, woran das liegt: Diese beiden Bilder passen nur dann nicht zusammen, wenn man sie als nicht zusammengehörig begreift.
Was Uwe also vor langer Zeit nicht geschafft hat, das gelang Salihović, zumindest glaube ich das, weil ich im Nachdenken über sein Spiel auf die einzig logische Erklärung kam: Der Fehler liegt nicht bei ihm und allen anderen, er liegt nicht im System oder den Menschen, der Fehler liegt in mir, es ist meine romantische Idealisierung des guten Menschen, des richtigen Spiels und Prinzips. Ich habe schlicht angenommen, dass es so etwas wie eine vernünftige Normalität geben könnte, von der das Falsche und Fehlverhalten vor allem Abweichungen sind, als wäre es so einfach … vielleicht schon einfach, aber nicht so.
Sondern so: All das ist normal. Der Mensch ist nicht heilig, sondern gelebte Realität. Wir alle bewegen uns in einem weiten Rahmen an Möglichkeiten, und wir haben die freie Wahl von Haltung und Handeln. Dass dieser Rahmen immer wieder und von allen mehr oder wenig ausgenutzt wird, in unterschiedlichen Bandbreiten und Intensitäten ist vor allem: menschlich. Und meine innere Sehnsucht nach dem Guten und Richtigen, nach der Vernunft und der Liebe, diese Sehnsucht ist als eine Sehnsucht ok, als das gedachte Konzept einer eigentlich richtigen Realität ist sie jedoch nicht nur ungeeignet, sondern unmenschliche Erwartungshaltung und gelebte Gnadenlosigkeit. Zum Jesus taugen wir alle nicht, und nicht zur Maria.
Sejad Salihović ist also mein Spieler des Jahres, Tor des Jahres auf alle denkbaren Weisen, und bemerkenswert ist einzig die zeitliche Nähe in der er das Spektrum seines Seins ausgenutzt hat, die ihm eigene Bandbreite. Es ist nicht der eine Salihović der Richtige, oder der andere, sondern all das ist er, und nur wenn ich das und ihn als zusammenghörig begreife und nicht wegdenke, was mir nicht passt, wird es verständlicher: Er ist eben so, wir sind so, und ich.
Ich werde versuchen, das als Realität anzunehmen, auf ganz unzynische Weise. Vielleicht tut so ein Fußtritt wie der von Jones dann nicht mehr ganz so weh, vielleicht ist das Gerede der Präsidenten nicht mehr ganz so unerträglich, kann sein, ich werde es sehen.
Frohes Fest!
07/01/2012 @ 12:17
Also der Treffer von Salihovic ist wirklich genial - hatte es auch gesehen gehabt, aber ganz vergessen.