Artikelformat

Ich ist etwas Anderes
Aktion Libero

Als ich ein Kind war, habe ich die Geburts­tage der Gro­ßen genos­sen. Auf dem lan­gen Tape­zier­tisch im Wohn­zim­mer waren weiße Decken aus­ge­brei­tet, dar­auf Glas­schüs­seln mit Nudel­sa­la­ten, Kar­tof­fel­sa­la­ten, Toma­ten­sa­la­ten, Salate und Eier und Fri­ka­del­len, heiße Würst­chen, es wurde süßer Wein getrun­ken und star­kes Alt­bier, der Raum war ver­ne­belt, damals rauchte man noch. Für mich war es eine fremde Welt, in der sich die Erwach­se­nen mit fort­schrei­ten­der Stunde ganz anders benah­men. Sie rede­ten durch­ein­an­der und lach­ten zuneh­mend lau­ter, die Män­ner in schwar­zen Hosen und wei­ßen Hem­den, die Frauen mit hohen Fri­su­ren, aus Eltern wur­den Men­schen. Wir Kin­der leb­ten der­weil in unse­rer eige­nen Welt, wir durf­ten auf­blei­ben über alle Gren­zen hin­weg. Spä­ter gin­gen wird regel­mä­ßig in den Gar­ten um zu über­prü­fen, ob der Wolf sich zei­gen würde, wir ver­mu­te­ten ihn hin­ter dem Baum, oder dem Busch, und wir ver­such­ten uns in sei­nem Geheul, um ihn anzu­lo­cken. Auch den Zustand der Gro­ßen kon­trol­lier­ten wir wie­der­holt; es ging ihnen gut, und uns.

Eine sol­che ent­spannte Par­al­le­li­tät unter­schied­li­cher Seins­zu­stände habe ich spä­ter nur noch sel­ten erlebt. Ich habe in Bezie­hun­gen gesteckt, die mich in Kom­pro­mis­sen weni­ger wer­den lie­ßen; ich bin Freun­den begeg­net, deren fremde Regeln ich erfüllte. Ich habe Berufe aus­ge­übt, in denen sich Men­schen auf eine sur­reale Weise begeg­ne­ten und habe in Bespre­chun­gen mit Men­schen geses­sen, deren Seele Kra­watte trug. Ich habe gelernt, für Teile mei­nes Lebens ein Cha­mä­leon zu sein. Das Ver­ler­nen die­ser Mecha­nis­men dau­ert lange, wie ich heute weiß.

In einem Leben zu ste­cken, das nicht das eigene ist, als ein Mensch, der man nicht sein will: das funk­tio­niert. Aber es führt zum schlei­chen­den Selbst­ver­lust. Wer jemals auch nur eine Stunde mit Men­schen ver­bracht hat, zu denen er nicht passt, für die er aber aus wel­chen Grün­den auch immer gut sein muss, indem er ein Ande­rer ist, der kann ermes­sen, wie es sein mag, das einen gan­zen Tag lang tun zu müs­sen, eine Woche, oder ein Leben lang. Gemein­sam mit Ande­ren zu leben als jemand, der man nicht ist; unter Ande­ren zu sein und gleich­zei­tig auf ele­men­tare Weise alleine zu blei­ben: Eine grö­ßere Ein­sam­keit kann ich mir kaum vor­stel­len. Das fällt mir ein, wenn ich an schwule Pro­fi­fuß­bal­ler denke.

Seit ich mir ein sol­ches Leben für einen ein­zi­gen Moment vor­ge­stellt habe und erkenne, wel­che Fol­gen das zwang­hafte Klima des Fuß­balls für einen Men­schen auch im Jahre 2011 haben kann, weiß ich, dass sich das ändern muss.

Die Aktion Libero ist mir wich­tig.

Illus­tra­tion Copy­right © 2011 Max | Als ich mei­nen Sohn (10) um eine Zeich­nung bat und ihm kurz erklärte, wovon der Text han­delt, da sagte er sofort: »Klar, ich weiß auch schon was ich mache: ein zwei­ge­teil­tes Gesicht.« Sowieso hatte er auf dem Heim­weg neu­lich schnell begrif­fen, worum es bei der Aktion Libero geht, ich brauchte nicht lange zu reden und keine guten Argu­mente. Er regte sich auf, das sei ja unmög­lich, man solle sich nur mal vor­stel­len, wie sich das anfüh­len möge, wenn man bei­spiels­weise Manuel Neuer wäre und den Mario Gomez ganz toll fände, weil der solch kräf­tige Beine habe, und man das total für sich behal­ten müsse: Das sei ja unnö­tig und doof … Man muss Kin­dern viel­leicht vie­les erklä­ren, mag sein. Aber sicher nicht die Welt.

Der Titel die­ses Arti­kels bezieht sich auf eine Aus­stel­lung der Kunst­samm­lung Nordrhein-Westfalen im Jahre 2000, »Ich ist etwas Ande­res | Kunst am Ende des 20. Jahr­hun­derts«.