Die Demonstrationen beherrschen Nachrichten und Netz, mit Occupy Wall Street hat sich der gesunde Menschenverstand in Bewegung gesetzt, er umschließt das Herz der modernen Finanzsysteme und macht das Atmen eng, ein Nachlassen der Dynamik ist nicht abzusehen.
Man möchte glauben, dass niemand bei klarem Verstand die Auswüchse der Systeme legitimieren könnte, und man fragt sich unweigerlich, wie Menschen sozialisiert sein müssen, für die ein Leben als handelnde Figur der Finanzwelt schlüssige Normalität ist. Für Schwäche ist kein Platz in diesem System, wie also muss man gebaut sein, um darin zu bestehen? Was macht jene aus, die mitmachen, wie denken Gewinner?
Jeder von uns muss permanent Stärke ausstrahlen. Sobald sich daran etwas ändert, wird an deiner Position gegraben, du sinkst in der Hierarchie, deine Stellung ist gefährdet. Gerade, weil du deine Kollegen Tag für Tag siehst, weil du täglich unter scharfer Beobachtung stehst, erkennen sie sofort, wenn du einmal nicht so präsent bist wie sonst. Passiert das einmal, okay. Wiederholen sich deine Schwächen jedoch, wittern deine Konkurrenten sofort ihre eigene Chance und versuchen, deine Schwäche auszunutzen, um selbst in Erscheinung zu treten, dich zu verdrängen
Das war jetzt nicht ganz fair, gebe ich zu, denn es ist kein Investmentbanker, von dem diese Worte stammen, sondern der Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft. Philipp Lahm hat ein Buch geschrieben, das durchgängig unterschätzt wird. Denn skandalös sind weder die alten Geschichten, die er aus den Kabinen seiner Erinnerung erzählt, noch das Nachtreten gegenüber Trainern seiner Vergangenheit oder das Hofieren jener der Zukunft, wirklich ernst zu nehmen ist das Buch wegen des klaren Blicks auf eine in Fußball und Gesellschaft notwendige Haltung, auf das Rüstzeug, um erfolgreich im System zu sein.
Lahm redet davon, dass Softies im Fußball keinen Erfolg haben, und dass man seine Probleme außerhalb der Vereine lösen müsse, im Privaten. Er spricht von Einfühlungsvermögen und sozialer Intelligenz, aber eben in einem strategischen Kontext, man müsse »seine Mitspieler einschätzen können, ihre Charaktere lesen, um sich selbst positionieren zu können.« Das klingt bitter, vor allem im Hinblick auf das Wissen um den Erfolg einer solchen Haltung, immerhin ist der Mann so an die Spitze gekommen, in Verein und Nationalmannschaft. Aber Lahm hat all das nicht erfunden, er ist nicht Ursache für diese Zustände, sondern er hat schlicht die notwendige intellektuelle, emotionale und strategische Ausstattung, in ihnen perfekt zu bestehen. Das kann man schade finden, vorzuwerfen ist es ihm nicht. Im Gegenteil – es ist erstaunlich, mit welcher Offenheit er darüber redet:
Diese Fähigkeiten sind für den Fußballprofi essentiell. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass er im Milieu des modernen Spitzensports nicht unter die Räder kommt, sondern gesund bleibt und auf höchstem Niveau spielen kann.
Das erklärt vieles. Leider.
17/10/2011 @ 10:58
Bitter, ja. Doch wer kann das ändern? Will das jemand überhaupt?
17/10/2011 @ 11:23
Es ist einfach zu viel Geld im Spiel, als dass die handelnden Akteure eine wirkliche Motivation hätten, etwas zu ändern. Wenn man nämlich so weit oben ist, dass man handeln könnte, ist man längst zum Profiteur dieses Systems geworden.
Die Sache mit dem Sägen am Ast auf dem man sitzt...
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18/10/2011 @ 20:02
Der völlig entfesselte Kaptalismusfußball wird sich selbst fressen. Eine Spaltung steht bevor zwischen dem Family-Entertainment (Niveau: Musical) und dem Kulturbetrieb (Niveau: Freies Theater). Oder: dem rechten und dem linken Fußball wie ihn Cesar Luis Menotti definierte:
»Beim Fußball der Linken spielen wir nicht einzig und allein, um zu gewinnen, sondern um besser zu werden, um Freude zu empfinden, um ein Fest zu erleben, um als Menschen zu wachsen.«
Nennt mich einen Träumer...
19/10/2011 @ 19:00
Jeder der elitär denkt wird jede Bewegung ablehnen die irgendeine Form von Gleichbehandlung herbeiwünscht. Die Leute wollen sich oft über andere stellen und sei es um den Preis, dass die anderen wirklich darunter leiden. Man muss die Dinge bis zum Ende denken und dann entscheiden ob es einem das wert ist.