
Der Schokoladenpokal ist ein Geschenk meines Sohnes, aber wie ich das mit dem Gravieren anstellen soll, das weiß ich nicht, sagt er, das kannst du ja selbst machen: »Harald Müller ist der beste Fußballer der Welt.« Diesen Pokal hat er schon vor Monaten von seinem Taschengeld besorgt, irgendwann durfte auch ich schon einen Blick darauf werfen, er hatte ihn im Kühlschrank der Mutter gelagert, damit er nicht ranzig wird. Heute hat er ihn mir geschenkt. Für einen Moment stelle ich mir vor, dass ich den Pokal tatsächlich graviere. Vielleicht mit einer heißen Nadel, damit nichts kaputt geht. Ich glaube, ich esse ihn lieber auf.
Mein Sohn mag Fußball nicht besonders, aber er weiß, dass das bei mir anders ist. Manchmal wirft er die Begriffe ein bisschen durcheinander, Punkte oder Tore, Latte oder Pfosten, das war ein Foul! Oder, Papa? Ja, war ein Foul, kann man pfeifen, oder auch nicht. Vor ein paar Jahren war das noch anders. Manchmal sind wir auf den Sanderrasen gegangen und haben ein bisschen rumgekickt, das hat Spaß gemacht, für den einen Nachmittag, oder den anderen. Auch wenn ich der beste Fußballer der Welt sein mag, ein guter Missionar bin ich nicht.
Er ist nun auf eine neue Schule gekommen, viel größer, die Schule und er. Ein paar Tage erst und all das ist noch sehr neu, manchmal glaube ich, dass es viel neuer für mich ist, als für ihn. Seine Selbstverständlichkeiten bewundere ich, und den Mut. Die ersten Male werde ich ihn noch abholen wenn Papawochenende ist, gestern wartete ich also und saß auf den Stufen, rauchte, und dachte nach. Natürlich war ich wieder viel zu früh, es war noch Zeit, an die langen Tage muss ich mich erst gewöhnen. Auf dem Sportplatz hinter dem Gebäude spielten ein paar Jungs Fußball, in der neuen Schule scheinen die Großen mit einem Mal wieder ganz klein. Drei gegen zwei, ich ging rüber und schaute über die Mauer, dann duckte ich mich: Ein bisschen weit weg für meine Augen, aber das war tatsächlich der Sohn, ganz eindeutig. Ich musste schmunzeln, sieh an, in Gedanken gab ich Anweisungen und notierte Wichtiges, versuchte Formen zu finden, die für Anfänger verständlich sein würden, wenn du verteidigst, dann bleib immer zwischen Ball und Tor, dann musste ich lachen. Väter sind immer die weltbesten Trainer, umgekehrt weiß ich das nicht so genau. Ich setzte mich wieder auf meine Stufen, ich war unentdeckt geblieben und wollte es dabei belassen, das Spiel nun ein Hörspiel.
Später dann kam er durch die Halle und aus dem Tor, ganz verschwitzt, und er redete sofort von diesem und jenem, er winkte er ab, als ich ihn fragte, warum denn sein Auge so rot sei. Ich habe einen Ball vor die Birne bekommen, volle Suppe aufs Auge. Ey, da gibt es überhaupt nichts zu grinsen! Das tut weh!
Weiß ich ja, weltbester Sohnemann.
24/09/2011 @ 19:35
Das ist ein wundervoller Text.
Da spricht so viel Liebe durch jede dieser Zeilen.
Es bewegt mich, das zu lesen. Du hast einfach eine Sprache, die so voller Leben und Zuneigung steckt. Es fasziniert mich mit jedem Text aufs Neue. Und auch dieser hier ist sehr schön. Von der Sprache, vom Inhalt. Berührend.
24/09/2011 @ 21:56
Wunderschön!
25/09/2011 @ 00:21
Das ist ein sehr schönes Kompliment, anna_rosemary,
vielen Dank auch an Dich, Rainersacht.
26/09/2011 @ 12:20
auch wenn das Wort schon verwendet wurde, das ist einfach nur »berührend«. Du hast bereits den »weltbesten Sohn«, aber auch er hat einen Vater, der zumindest mit Worten so feinfühlig umgehen kann, dass mir beim Lesen die Augen feucht wurden. Ich wünsche Euch beiden ein großartiges Leben, eine immer liebevolle Vater-Sohn Beziehung und als treuen Begleiter dieses Wunderwerk »Fußball«.....
26/09/2011 @ 16:11
@ ultramuc2007: Herzlichen Dank, die besten Wünsche auch Dir!
30/09/2011 @ 15:08
Und, wer hat gewonnen? Wieviel Tore hat er geschossen?
Viel wichtiger: Welches System haben sie gespielt?
Gibt es die Laufwege schon als Grafik aufbereitet?
Toller Text.
Fußball ist manchmal dann eben doch mehr.
30/09/2011 @ 16:07
@nedfuller: Ha ha … genau. Und: Danke! (War übrigens kein Trainer weit und breit zu sehen ;)
30/09/2011 @ 16:17
Ein wunderbarer Text. Erinnert bestechend daran, was Fußball eigentlich ist: Ein großartiges Spiel!
02/10/2011 @ 20:18
Danke, Arne.