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Foto: Copy­right © 2011 by San­dra Drl­jaca | Zusam­men­stel­lung aus­ge­wähl­ter Fotos auf Flickr.

»Wir wol­len keine … Piepmatz-Schweine«, ver­hörte sich der Sohn, die Laut­stärke machte ihm Spaß und das Wilde, ich trank ein Bier. Spä­ter wun­derte er sich dar­über, dass alle immer nur brül­lend auf dem Geg­ner rum­hack­ten, es kam ihm selt­sam vor und viel logi­scher sei doch, die eigene Mann­schaft anzu­feu­ern, warum ist das so, Papa? Aber auch Papa weiß es nicht so genau, hat sicher etwas mit Bezie­hun­gen zu tun, und es ist kom­pli­ziert.

Das letzte Spiel, das ich live gese­hen habe, fand in einem klei­nen Sta­dion statt, die Blauen gegen die Roten im Lokal­derby, ein auf­re­gen­der Tag für Würz­burg. Zumin­dest für die Nach­barn. Die kleb­ten sich Zet­tel gegen­sei­tig an die Türe, höh­ni­sche Bot­schaf­ten, dann gin­gen wir gemein­sam los und schau­ten das Spiel. Ich glaube, die Blauen haben gewon­nen, aber ich erin­nere es nicht mehr genau, kein schlech­tes Spiel, manch­mal habe ich geklatscht. Fürs Sin­gen fehlt mir das Herz.

Manch­mal stelle ich mir vor, wie das wäre, mit Herz und Gesang und für den einen Club, und viel­leicht ist es das, was mich so sehr fas­zi­niert an den Bil­dern von San­dra, Fans und Fah­nen und all das zum ers­ten Mal auch für mich ein wenig näher, ich kann die Gefühle sehen. San­dra ist mit­ten drin. Sie macht Fotos von dem, was sie sieht und von dem, was sie mag, ihr Herz schlägt für die For­tuna. Das ist auf­re­gend, schon in der Betrach­tung bin ich ein­ge­schüch­tert, es ist eine voll­kom­men andere Welt. San­dra macht Tae-Kwon-Do, Schwarz­gurt und drit­ter Dan, aber das ist nicht der Grund, warum sie keine Berüh­rungs­ängste hat, sie ist schlicht akkli­ma­ti­siert in die­ser Welt, seit lan­gen Jah­ren, die Support-Area ist ihr nicht fremd, eher Zuhause.

Schon ihr Vater war Fan, sagt sie, und sofort muss ich an Rai­ner den­ken, auch der erzählte von sei­nem Vater, Väter tra­gen die Liebe wei­ter. Und ich muss an mei­nen Sohn den­ken, und die Piepmatz-Schweine, und dass er es nicht so gut haben wird: Ich kann ihm nichts mit­ge­ben, zumin­dest kei­nen Ver­ein. Er wird seine eigene Liebe ent­de­cken müs­sen.

Das Foto oben ist von San­dra, mehr sind bei Flickr zu sehen.

8 Kommentare

  1. Da denke ich genau wie Dein Sohn: mir wird bei Schmäh­ge­sän­gen der Marke »XY ist homosexuell/Sohn einer her­zens­gu­ten Frau/etc.« im Block immer ganz unwohl. Ich will meine Begeis­te­rung und Lei­den­schaft für den eige­nen Ver­ein und nicht meine Abnei­gung gegen jeden belie­bi­gen Geg­ner. Das ist doch kin­disch.

  2. Ich ver­stehe, was Du meinst, aber bin mir da gar nicht so sicher. Natür­lich hat mein Sohn immer Recht, denn seine Wahr­hei­ten kom­men vom Grunde sei­nes Her­zens. Ande­rer­seits, und so fremd mir das auch sein mag: Viel­leicht ist ja die klare Kon­stel­la­tion, wir hier – ihr dort, und das unbe­herrscht Aus­ge­lebte ja auch in genau die­sem Rah­men rich­tig und viel rich­ti­ger als der latente Hass des All­täg­li­chen. Eine tat­säch­li­che Kana­li­sie­rung von Gefüh­len, die sich gegen alles mög­li­che rich­ten, und eben dort frei sein dür­fen. Und am nächs­ten Tag geht es dann wie­der zur Arbeit, und zurück in die Nor­ma­li­tät des Beherrsch­ten. Keine Ahnung.

  3. Schön geschrie­ben! Ich habe auch ohne väter­li­che Prä­gung mei­nen Klub gefun­den - oder der Klub mich. Wird schon.

  4. @Huge: Wie ich immer zu Ein­wän­den wie dei­nen sage: »Liebe und Hass« sind die zwei Sei­ten einer Medaille. Wer Fan eines Ver­eins ist, hält FANa­ta­isch zu sei­nem Ver­ein und ist IMMER gegen jeden ande­ren Ver­ein. Sonst wird das nix mit der Lei­den­schaft.

  5. Ach, und eins noch: Wer nie in einer Kurve stand, wird auch nicht ver­ste­hen, wie viel­fäl­tig Liebe und Hass von den Indi­vi­duen da iro­nisch gebro­chen und/oder mit einem Schuss Selbst­iro­nie zele­briert wer­den (jeden­falls bei uns...).

  6. Ich selbst war jah­re­lang Fan eines Ver­eins. In der letz­ter Zeit ist jedoch die Liebe abge­klun­gen. Ich inter­es­siere mich immer noch sehr für Fuss­ball, bin aber kei­nem Ver­ein mehr son­der­lich ver­bun­den. Ich frage mich oft selbst, wie ist das mög­lich? Kol­le­gen und Bekannte rea­gie­ren amü­siert, zeit­weise gar mit Unver­ständ­nis. Ist nicht immer toll, aber was will man machen? Mein Sohn ist lei­den­schaft­li­cher Fan geblie­ben. Würde mich trotz­dem inter­es­sie­ren, wie das bei dir genau ist.

  7. @wolf: Ich glaube, das ist eben manch­mal so mit der Liebe, dass sie ver­schwin­det, und mein weiß nicht genau wohin, und wieso das so ist. Eine gute Erklä­rung könnte es ja nur geben, wenn es eine bedingte Liebe war, und damit: keine.

    Wie das mir genau ist? Unge­fähr so. Oder so.