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Kein Text über Oenning
Werder Bremen vs. Hamburger SV (2:0)

Oen­ning schaut mich an, einen solch trau­ri­gen Blick habe ich nie­mals zuvor bei einem Trai­ner gese­hen. Ich weiß nicht, ob ich weg­se­hen soll, oder ob ich mich der Fas­zi­na­tion beuge. Da zeigt sich jemand für einen Moment offen, dem bewusst sein muss, in welch expo­nier­ter Lage er sich befin­det, die­ser Blick trägt die Schwere der Situa­tion, und leich­ter wird es an die­sem Tag nicht mehr, der HSV wird erneut ver­lie­ren, gegen Wer­der Bre­men. Ein Punkt aus fünf Spie­len, das ist eine Haus­num­mer, und sie ist nied­rig.

Schon die Pres­se­kon­fe­renz vor dem Spiel war mir selt­sam vor­ge­kom­men. Zwar hatte ich Oen­ning zuvor sel­ten gese­hen und noch kein Gefühl für die Art sei­nes Wesens, meine Ein­drü­cke noch ganz ohne Eichung, aber auch so erstaunte mich der Wider­spruch zwi­schen der ruhi­gen Stimme, den geord­ne­ten Inhal­ten, und der erkenn­ba­ren Abwe­sen­heit, der Mann schaute ins nichts und nur sel­ten zurück. Ich nahm mir vor, das zu beob­ach­ten, und ihn, viel­leicht gäbe es etwas zu erzäh­len.

Jetzt also das Spiel und der Blick und eine kör­per­lich spür­bare Ver­zweif­lung, sie kriecht durch den Fern­se­her und mir vor die Füße, in Gedan­ken gehe ich schon ein­mal durch, was ich über Ham­burg weiß: Umbruch, Sport­di­rek­tor, Ver­käufe und Käufe, irgend­wie Net­zer ein­bauen, das Trai­ner­dut­zend zuvor, ich werde Links suchen müs­sen zu all dem und dahin­ter. Ich denke dar­über nach, wie das für einen Spie­ler sein muss, einem sol­chen Trai­ner zu begeg­nen, fach­lich eine Spit­zen­kraft aber pure Ratio­na­li­tät, kann man das Gefühl denn erken­nen in aller Ver­nunft, ist denn Fuß­ball über­haupt logisch genug, damit so etwas geht? Ich spüre die Inhalte nicht, nicht das Müs­sen, nicht das Kön­nen, nicht das Wol­len, und vor allem nicht die­ses »Selbst­be­wusst­sein, dass aus der momen­ta­nen Situa­tion ent­steht«. Ich denke dar­über nach, ob denn die Spie­ler es spü­ren kön­nen statt mei­ner, auf dem Rasen und neben dem trau­ri­gen Blick von der Sei­ten­li­nie, und ich denke dar­über nach, wie schwer das für einen Prä­si­den­ten wohl sein mag, zu erken­nen, ob ein Trai­ner neben all der arti­ku­lier­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit auch selbst daran glaubt, dass all das zu schaf­fen ist. Ham­burg hat nicht schlecht gespielt, es ist eine Auf­wärts­ten­denz zu erken­nen, nicht schlecht, aber ängst­lich, viel­leicht kon­se­quent nach all die­sen Toren der letz­ten Zeit, da wäre eine Null ja schon was, auf jeden Fall bes­ser als die Eis­zeit dar­un­ter … So denke ich also herum und dar­über nach, wie ich einen Text auf­bauen könnte über solch einen ein­zi­gen Blick, und ich denke dar­über nach, dass das ja selbst für meine Ver­hält­nisse arg sub­stanz­los ist. Pizarro, Pizarro, Wiese und Schluß­pfiff und dann jene Szene nach Ende des Spiels, als Tho­mas Schaaf sich zu sei­nem Kol­le­gen gesellt. Ich schaue den bei­den zu, und wäh­rend ich zuschaue, ver­schwin­det mein Text in Bedeu­tungs­lo­sig­keit.

Die bei­den reden mit­ein­an­der, kein Wort ist zu hören aber das braucht es auch nicht: Man kann die Zunei­gung sehen, mit der sich Schaaf um den Trai­ner des Geg­ners küm­mert. Oen­ning hat den Kopf gesenkt, es geht ihm nicht gut, er fin­det unge­fragt Trost bei einem Men­schen, der bis vor weni­gen Minu­ten noch sein direk­ter Kon­tra­hent war. Ein Mensch redet mit einem ande­ren, das scheint nichts Beson­de­res und doch macht es mich sprach­los, das Spiel, das Derby, der Fuß­ball, all das ver­schwin­det in einem uner­war­te­ten Moment der Mensch­lich­keit. Es ist voll­kom­men rich­tig, was da pas­siert, das spüre ich sofort, und bin sofort auch erschro­cken über mich selbst und die Gna­den­lo­sig­keit, mit der ich über einen Text über einen Men­schen nach­denke, den ich nicht kenne, und auf Grund eines ein­zi­gen Bli­ckes.

Der Schaaf, der ist bestimmt ein guter Trai­ner. Ich jeden­falls könnte eine Menge von ihm ler­nen.