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Persönlichkeitstest
Leverkusen vs. Dortmund (0:0)

Mario Götze ist eigent­lich ein net­ter Mensch. Das ist schön, aber es spielt keine Rolle. Es spielt auch keine Rolle, ob sein Arm den Gegen­spie­ler erreichte, oder sein Tritt, oder seine Spu­cke, denn schon der Ver­such einer Tät­lich­keit ist straf­bar. Und dass es in einem Moment, wo der Schieds­rich­ter einen sol­chen Ver­such zu erken­nen meint, eben auch keine Rolle spielt, dass Mario Götze eigent­lich »so ziem­lich der Letzte ist, der eine Tät­lich­keit bege­hen würde,« das ist gut so, und rich­tig.

Es ist jene Szene in der 77. Minute, als Mario Götze trotz all sei­ner Net­tig­keit vom Platz gestellt wird, die Jür­gen Klopp beson­ders erbost: »Ich finde, man darf die Per­sön­lich­keit eines Spie­ler durch­aus ein biss­chen mit­be­wer­ten«, und bei aller ver­ständ­li­chen Nach­spiel­auf­re­gung ist es das viel­leicht Unre­flek­tier­teste, was Klopp jemals gefor­dert hat. Zwar ist offen­sicht­lich, dass das Image eines Spie­lers schon immer auch bei Ent­schei­dun­gen eine Rolle spielte – manch ein Foul gegen Marko Marin wird sicher auch des­halb nicht gepfif­fen, weil er gerne fällt, manch ein Foul gegen Maik Franz viel­leicht des­halb nicht, weil er selbst ein har­ter Hund ist –, davon kann sich nie­mand voll­kom­men frei machen, auch Schieds­rich­ter sind Men­schen mit Mei­nung und die ver­mu­tete Per­sönlick­eit von Spie­lern wird zwangs­läu­fig ihre Urteils­kraft beein­flus­sen. Aber sie soll­ten alles tun, das best­mög­lich zu unter­drü­cken, denn wenn das Vor­ur­teil als mensch­li­che Eigen­schaft schon nicht ver­meid­bar ist, so darf es doch nie­mals zum Entscheidungs-Prinzip erho­ben wer­den: Für Schieds­rich­ter muss das Motto sein, dass die Tat beur­teilt wird, und nicht der Täter. Alles Andere wäre das Ende jeden Spiels und jeder Gesell­schaft.

»Hören Sie mir doch zu, ver­dammte Scheiße!«, und der Repor­ter hört zu, er bleibt ruhig wäh­rend Klopp sich echauf­fiert, Dutt steht dane­ben und lächelt wie ein klei­ner Bru­der, er scheint froh, dass dies­mal nicht er zur Debatte steht. In der Nach­spiel­zeit vor dem Mikro­phon hat Klopp aus einem unent­schie­de­nen Spiel eine kom­mu­ni­ka­tive Nie­der­lage gemacht. Dass er eigent­lich ein Kommunikations-Profi ist, spielt für die­sen Moment keine Rolle.

11 Kommentare

  1. Mmmh, ich fürchte, Trai­ner Jür­gen hat die­sen Klop­per mit vol­ler Absicht in sei­ner Eigen­schaft als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­profi gebracht. Denn damit berei­tet er genau den von dir ange­führ­ten Marin-Franz-Effekt für den lie­ben Mario vor: Dem­nächst wer­den etli­che der nicht wirk­lich unab­hän­gi­gen und sou­ve­rä­nen Schi­ris zwei­mal über­le­gen, ob sie Götze vom Platz stel­len - egal ob er tritt wie’n Esel oder spuckt wie’n Lama. Die Medien wer­den sich ver­mut­lich dem Klopp’schen Blöd­sinn anschlie­ßen und Wel­pen­schutz für unsere gan­zen Messi-Klone for­dern. Würd mich nicht wun­dern...

  2. Ich habe das zuerst auch gedacht, aber nicht in Hin­sicht auf die nächs­ten Begeg­nun­gen, son­dern eher wegen der anste­hen­den Ver­hand­lung, »wenn schon Strafe, dann nur sym­bo­lisch.« Ich glaube, das wird nicht funk­tio­nie­ren, denn die Fern­seh­bil­der schei­nen mir ein­deu­tig. Wenn der (tat­säch­lich von mir unbe­strit­ten) feine Cha­rak­ter von Götze in die­ser Szene sicht­bar wurde, dann wohl am ehes­ten durch die Unbe­hol­fen­heit sei­ner Aktion.

    Klopp hat ges­tern erneut über­dreht und ich denke, dass er Profi genug ist, sein Ver­hal­ten spä­ter zu rela­ti­vie­ren. Wenn ich mich selbst als einen Grad­mes­ser betrachte – ich mag den wirk­lich sehr als Trai­ner und Typen –, dann muss er lang­sam ein biss­chen vor­sich­tig sein. Manch­mal wirkt mir das spür­bar gesunde Selbst­be­wusst­sein eher arro­gant, ein biss­chen schwingt Über­heb­lich­keit mit, »was macht Ihr Pflau­men denn da mit uns, wie könnt Ihr das wagen«. Scheint mir kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gisch zumin­dest gewagt.

  3. Gewagt waren die Klopp’schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien schon zu Zei­ten als er mit Mainz 05 drei­mal in Folge nicht auf­ge­stie­gen ist. Was er aber immer klasse hin­kriegt, ist so zu wir­ken, als wäre er ein kaum selbst­be­herr­schen­der Emo­ti­ons­kör­per. Ehe­ma­lige Spie­ler beschrei­ben ihn dage­gen ja eher als sehr kon­trol­lier­ten Men­schen, der aber eher auf der Liebes-Seite als auf der Hass-Seite wohnt...

  4. ...denn die Fern­seh­bil­der schei­nen mir ein­deu­tig.

    Das würde ich so nicht unter­schrei­ben.
    Klopps Theo­rie, Göt­zes Tritt sei durch Balitschs Knie oder Fuß (ich weiß es nicht mehr genau) initi­iert wor­den, halte ich nicht für abwe­gig. Will sagen: ich hatte sie schon for­mu­liert, bevor Klopp sie zum Bes­ten gab. Dass dem (auch bei mir) Wunsch­den­ken zugrunde lag, schließe ich gleich­wohl nicht aus.

    Ansons­ten: ja. Die Argu­men­ta­tion mit Göt­zes Cha­rak­ter und all den Sze­nen, in denen er seit sei­nem 13. Lebens­jahr nicht nacht­rat, ist lächer­lich.

  5. Dann mal ein Bei­trag aus Schieds­rich­ter­sicht: Selbst­ver­ständ­lich darf ein Refe­ree »die Per­sön­lich­keit eines Spie­lers« grund­sätz­lich eben nicht »ein biss­chen mit­be­wer­ten«, son­dern ledig­lich beur­tei­len, was er wahr­ge­nom­men hat. Dass die Pra­xis gele­gent­lich ein biss­chen anders aus­sieht – im Bei­trag wer­den ja Marin und Franz als Bei­spiele genannt -, sei damit nicht bestrit­ten. Wobei ich in die­sem Zusam­men­hang weni­ger von Per­sön­lich­keit, son­dern eher von Erfah­rungs­wer­ten spre­chen würde: Wer sich immer mal wie­der fal­len lässt oder den Ellen­bo­gen aus­fährt, nährt nun mal den Ver­dacht, dass das zu sei­ner Spiel­weise gehört. Den­noch wird ein guter Unpar­tei­ischer auch die Aktio­nen sol­cher Spie­ler in ers­ter Linie auf der Grund­lage sei­ner Wahr­neh­mung bewer­ten und nicht auf der Basis des Rufs sol­cher Akteure.

    Zum Platz­ver­weis selbst (den Mar­kus Merk im »Sky«-Gespräch übri­gens unein­ge­schränkt ver­tei­digte): Ja, in den Regeln steht, dass auch ein ver­such­tes Nach­tre­ten (und Spu­cken!) straf­bar ist und wie ein voll­en­de­tes Nach­tre­ten (bzw. Spu­cken) geahn­det wird; inso­fern hat Stark regel­kon­form gehan­delt. Aller­dings haben Schieds­rich­ter in sol­chen Situa­tio­nen den­noch einen gewis­sen Spiel­raum: Ein glas­kla­rer Tritt, dem ein Geg­ner nur mit Mühe und Glück aus­wei­chen kann, ist dann doch noch etwas ande­res als ein Nach­ha­keln aus der Bewe­gung her­aus, das nicht ein­mal das (ver­meint­li­che) Opfer spürt. Für die Refe­rees gilt in die­sem Zusam­men­hang die unge­schrie­bene Anwei­sung, die Reak­tion des Gegen­spie­lers (und ggf. sei­ner Mit­spie­ler) genau zu beob­ach­ten: Wenn nie­mand den Platz­ver­weis »haben will« (so heißt das im Schiri-Slang), kann die Karte durch­aus ste­cken blei­ben. Und des­halb hätte ich es begrüßt, wenn Stark die Situa­tion mit zwei­mal Gelb auf­ge­löst hätte statt mit Gelb für Balitsch und Rot für Götze.

  6. @ heinz­kamke: Ein Wort zum Wunsch­den­ken: Die Reak­tion, wenn es denn eine tat­säch­lich tät­li­che war, ist ja vor allem eine mensch­li­che. Inso­fern weiß ich gar nicht, ob ich Götze wün­schen sollte, dass er immer und über­all die Ruhe bewahrt, egal, was ihm selbst wider­fährt. Solch ein »Mensch, lass das« aus einer Auf­re­gung her­aus, das ist mir jeden­falls nach­voll­zieh­ba­rer als diese all­täg­lich hin­ter­häl­ti­gen und bewuss­ten Unsport­lich­kei­ten, an die man sich lei­der gewöhnt hat. Und auch wenn selt­sam klingt – mir wäre das alle­mal lie­ber, als diese zuneh­mend müt­ter­lich mah­nen­den State­ments, wir müs­sen unse­ren Götze schüt­zen, mit denen Druck auf Schieds­ge­richte und Öffentllich­keit aus­ge­übt wer­den soll. Da wird der Nach­name zum Pro­gramm.

    @ Lizas Welt: Danke für die Erklä­rung aus der Sicht des Fach­manns! Wenn ich auch stutze bei der Vor­stel­lung, dass die Reak­tion des »Opfers« grund­sätz­lich für die Beur­tei­lung rele­vant sein soll. Zum Einen kann ja immer auch mal sein, dass der Betrof­fene keine Mög­lich­keit hat, die Aktion wahr­zu­neh­men, wenn sie z.B. außer­halb sei­nes Sicht­fel­des geschieht. Zum Ande­ren würde eine sol­che Vor­gabe das grund­sätz­li­che Lamen­tie­ren über Schieds­rich­ter­ent­schei­dun­gen ver­ständ­lich machen, denn wenn ein Spie­ler weiß, dass meine Reak­tion in die Beur­tei­lung ein­fließt – und zwar nicht nur, weil der Schiri ein Mensch ist, son­dern auch weil er dazu ange­hal­ten wird –, dann ist die Ver­su­chung grö­ßer, mich grund­sätz­lich zu beschwe­ren, die Hand zu heben, über­trie­be­nen Schmerz dar­zu­stel­len.

  7. Es ist, wie gesagt, eine unge­schrie­bene Anwei­sung, ein infor­mel­ler Tipp sozu­sa­gen. Dass das nie­mals offi­zi­ell nie­der­ge­legt wer­den würde, liegt auf der Hand (die Gründe hast du dar­ge­legt). Ich ver­su­che noch mal, das Ganze an einem ande­ren, harm­lo­se­ren Bei­spiel etwas deut­li­cher zu machen: Ein­mal ange­nom­men, der Ball geht ins Tor­aus und der Schieds­rich­ter hat nicht genau erken­nen kön­nen, ob zuletzt ein Ver­tei­di­ger am Ball war oder ein Angrei­fer. Er ist sich also unsi­cher, ob er nun auf Eck­stoß oder auf Abstoß ent­schei­den muss. Auch hier lau­tet der (inof­fi­zi­elle) Rat­schlag, kurz die Reak­tion der Spie­ler zu beob­ach­ten: Wenn Angrei­fer wie Ver­tei­di­ger durch ihre Kör­per­spra­che und ihren Posi­ti­ons­be­zug offen­sicht­lich (!) zu erken­nen geben, dass sie einen Eck­stoß erwar­ten, wäre es gera­dezu kon­tra­pro­duk­tiv, auf Abstoß zu ent­schei­den (und umge­kehrt). Ist die Reak­ton der Spie­ler hin­ge­gen nicht ein­deu­tig oder rekla­mie­ren Spie­ler bei­der Mann­schaf­ten die Spiel­fort­set­zung für sich, muss der Refe­ree natür­lich von sich aus rasch eine Ent­schei­dung tref­fen - wobei er sich im Zwei­fels­fall (!) für die Spiel­fort­set­zung ent­schei­den soll, die weni­ger gra­vie­rende Kon­se­quen­zen nach sich zu zie­hen droht. Im genann­ten Bei­spiel wäre das der Abstoß, weil aus dem nor­ma­ler­weise kein Tor resul­tiert.

    Eine (ver­meint­li­che) ver­suchte Tät­lich­keit ist natür­lich von ande­rem Kali­ber, doch auch hier kann es nicht scha­den, die Reak­tion der Spie­ler zu beob­ach­ten. Wenn einer im Zwei­kampf nach­ha­kelt, aber weder das »Opfer« noch des­sen Mit­spie­ler davon etwas mit­be­kom­men und sich nie­mand echauf­fiert, bringt man mit einem Platz­ver­weise eigent­lich nur ver­meid­bare Unruhe ins Spiel. Sobald es Rekla­ma­tio­nen gibt, muss der Schieds­rich­ter aller­dings abwä­gen (und dabei auch den bis­he­ri­gen Spiel­ver­lauf als Kri­te­rium her­an­zie­hen): War das eine ver­suchte Tät­lich­keit? Oder war es ledig­lich ein etwas unge­schick­ter »Befrei­ungs­ver­such«? Wie ist das Spiel bis dahin ver­lau­fen? War es kom­plett ruhig, oder lag eine Tät­lich­keit schon seit eini­ger Zeit förm­lich in der Luft? Rekla­mie­ren die Spie­ler schon die ganze Zeit bei jeder Klei­nig­keit, oder haben sie die Ent­schei­dun­gen bis­lang rela­tiv klag­los akzep­tiert? Wie wird die Farbe der Karte den wei­te­ren Spiel­ver­lauf beein­flus­sen? Wird die Par­tie durch die Sank­tion wie­der ruhi­ger wer­den, oder macht man sie dadurch noch hek­ti­scher? Und so wei­ter, und so fort.

    Was ich damit sagen will, ist Fol­gen­des: Auch Schieds­rich­ter haben eine Tak­tik und gewisse Ermes­sens­spiel­räume. Außer­dem müs­sen sie genau beob­ach­ten und anti­zi­pie­ren: Wo gibt es Pär­chen­bil­dun­gen? Wel­che Spie­ler bekom­men in Zwei­kämp­fen dau­ernd auf die Socken? Wo fin­den sich mög­li­che Brand­herde? Wo ent­wi­ckeln sich gewisse Feind­se­lig­kei­ten? Eine Tät­lich­keit kommt nur ganz sel­ten aus dem Nichts; meis­tens zeich­net sie sich regel­recht ab (wie z.B. beim Spiel Kai­sers­lau­tern gegen Bay­ern - da roch es regel­recht nach einem Frust­foul à la Ili­ce­vic), und dann muss man als Refe­ree prä­ven­tiv tätig wer­den, etwa indem man den Pär­chen deut­lich macht, dass man sie im Blick hat, oder indem man bei der Zwei­kampf­be­ur­tei­lung etwas klein­li­cher vor­geht, also mehr abpfeift. Sol­che tak­ti­schen Tipps ste­hen nicht in den Fuß­ball­re­geln, aber sie sind ein ele­men­ta­rer Bestand­teil von Fort­bil­dun­gen.

  8. @ Lizas Welt: Das ist hoch­in­ter­es­sant, vie­len Dank! Mir scheint, die Viel­falt an par­al­le­len Bewer­tun­gen und inne­ren Ent­schei­dun­gen prä­des­ti­niert Frauen für diese Auf­gabe. Zumin­dest, wenn man dem Gerücht von der aus­ge­präg­te­ren Fähig­keit zur par­al­le­len Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung und Hand­lungs­fä­hig­keit glau­ben kann.

  9. Die Zeit­lupe mit dem »Spu­cken« ver­zehrt doch die gesamte Situa­tion. Betrach­tet man die Situa­tion aus der Tota­len müsste Götze schon Anlauf neh­men um mit sei­ner Spu­cke Bal­litsch in irgend­ei­ner Form zu tref­fen. Es kann also doch nicht wirk­lich euer Ernst sein, diese Aktion als Mit­grund für eine rote Karte anzu­füh­ren.

  10. @LisasWelt: Wirk­lich sehr inter­es­sante Aus­füh­run­gen... Aber: Erzähl mal den Eng­län­dern, das aus einem Abstoß kein Tor ent­steht... :D

  11. @ Lizas Welt:
    Nur ist es eben eine Eigen­schaft einer ver­such­ten Tät­lich­keit, dass der Gegen­spie­ler nicht getrof­fen wird und des­halb nicht zwangs­läu­fig etwas von ihr mit­be­kom­men muss. Aber auch eine ver­suchte Tät­lich­keit ist eben mit einer Roten Karte zu ahn­den, egal, ob Balitsch hier von Götze getrof­fen wurde oder nicht.
    Des Wei­te­ren war das Spiel ja schon sehr unru­hig, wes­halb der Platz­ver­weis Göt­zes erst recht nicht ver­meid­bar war. Er hätte wegen sei­ner Aktion gegen Leno auch schon vom Platz flie­gen kön­nen, da es unna­tür­lich aus­sah, wie er beim Aus­rut­schen sein Bein in die Rich­tung des Lever­ku­se­ner Tor­hü­ters aus­streckte.