Diese Schlagzeile macht mir Spaß, es ist vermutlich die Hundertste unter jenen, die von der denkwürdigen Begegnung im Pokal berichten, von der Wende nach einem schon verlorenen Spiel, von Ballack und einer eingewechselten Niederlage, Dutts erster Pflicht und Schuld, ein Spiel voller Geschichten, ich habe es nicht gesehen. Aber ich habe davon gelesen und tatsächlich habe auch ich an ein Wunder geglaubt, an ein kleines Wunder im großen: Es ist ja nicht trivial, dass jemand nein sagt, zum ZDF und mit ihm zum Fernseh- und Fußballvolk, und ja zu sich selbst. Robert Koch hat das getan, er ist ein seltsamer Mann.
Zumindest außergewöhnlich muss er sein, denn mit zwei Toren zum Ausgleich war er maßgeblich am gestrigen Erfolg beteiligt und prädestiniert für den zwangsläufigen Auftritt im aktuellen Sportstudio, die suchen sich ja immer einen von jenen aus, die Besonderes geleistet haben, hat er, im Spiel und danach, aber das wirklich Besondere ist, dass er nicht hingegangen ist und aus welchem Grund er das tat, oder eben nicht tat, es gab Wichtigeres: »Ich habe noch zwei Karten für das Open Air von Matthias Reim in Kamenz ergattert, da will ich hin.«
Das Zitat findet sich in beinahe allen Berichten zum Spiel, und das wundert mich nicht, denn die Selbstverständlichkeit, mit der Robert Koch vermeintlich banale Gründe hat, hat es in dieser klaren Form wohl selten gegeben. Matthias Reim also, verdammt ich lieb dich, ich lieb den nicht, echt jetzt, der?
Faszinierend, zumindest für mich, auf eine demaskierende Weise: Ich wollte den Text eigentlich anders beginnen und habe in meiner Musikbibliothek nach vergleichbar peinlichen Interpreten gesucht, aber ich habe es aufgegeben. Nicht, weil es nicht viele gäbe, die ich nennen könnte, sondern weil es für jemanden und einen Text im Netz nahezu unmöglich ist, einen Künstler zu nennen, dem bei aller vordergründiger Scham nicht zumindest im Lesen ein Trash-Label verliehen würde, attraktiv im Unattraktiven, Pfosten, Pfosten, Treffer sozusagen, eine wirkliche Solidarisierung im Peinlichen ist also kaum möglich.
Ich glaube, Robert Koch denkt keine Sekunde über solch ein Zeugs nach, und er hat Recht damit. Aber ich glaube eben auch, dass es keine selbstverständliche Haltung ist, zu dem zu stehen, was man wirklich mag, und nicht zu zögern, es vermeintlich Wichtigerem vorzuziehen, gänzlich unabhängig von der Außenwirkung. Peinlichkeit, was sollte das überhaupt sein, und für wen und warum? Robert Koch hatte gewiss für keine Sekunde das Gefühl, mit solch einer Aktion zu irgendetwas zu stehen, nicht mal zu sich selbst, der macht einfach das, was er gut und richtig findet, und die Klarheit und Offenheit, mit der er das tut, ist beeindruckend.
Robert Koch schießt also zwei Tore und Bayer Leverkusen aus dem Pokal, und dann freut er sich auf ein Konzert von Matthias Reim. Es kann so einfach sein. Großartig.