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Das Wunder von Dresden
Dresden vs. Leverkusen (4:3 n.V.)

Diese Schlag­zeile macht mir Spaß, es ist ver­mut­lich die Hun­dertste unter jenen, die von der denk­wür­di­gen Begeg­nung im Pokal berich­ten, von der Wende nach einem schon ver­lo­re­nen Spiel, von Bal­lack und einer ein­ge­wech­sel­ten Nie­der­lage, Dutts ers­ter Pflicht und Schuld, ein Spiel vol­ler Geschich­ten, ich habe es nicht gese­hen. Aber ich habe davon gele­sen und tat­säch­lich habe auch ich an ein Wun­der geglaubt, an ein klei­nes Wun­der im gro­ßen: Es ist ja nicht tri­vial, dass jemand nein sagt, zum ZDF und mit ihm zum Fernseh- und Fuß­ball­volk, und ja zu sich selbst. Robert Koch hat das getan, er ist ein selt­sa­mer Mann.

Zumin­dest außer­ge­wöhn­lich muss er sein, denn mit zwei Toren zum Aus­gleich war er maß­geb­lich am gest­ri­gen Erfolg betei­ligt und prä­des­ti­niert für den zwangs­läu­fi­gen Auf­tritt im aktu­el­len Sport­stu­dio, die suchen sich ja immer einen von jenen aus, die Beson­de­res geleis­tet haben, hat er, im Spiel und danach, aber das wirk­lich Beson­dere ist, dass er nicht hin­ge­gan­gen ist und aus wel­chem Grund er das tat, oder eben nicht tat, es gab Wich­ti­ge­res: »Ich habe noch zwei Kar­ten für das Open Air von Mat­thias Reim in Kamenz ergat­tert, da will ich hin.«

Das Zitat fin­det sich in bei­nahe allen Berich­ten zum Spiel, und das wun­dert mich nicht, denn die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der Robert Koch ver­meint­lich banale Gründe hat, hat es in die­ser kla­ren Form wohl sel­ten gege­ben. Mat­thias Reim also, ver­dammt ich lieb dich, ich lieb den nicht, echt jetzt, der?

Fas­zi­nie­rend, zumin­dest für mich, auf eine demas­kie­rende Weise: Ich wollte den Text eigent­lich anders begin­nen und habe in mei­ner Musik­bi­blio­thek nach ver­gleich­bar pein­li­chen Inter­pre­ten gesucht, aber ich habe es auf­ge­ge­ben. Nicht, weil es nicht viele gäbe, die ich nen­nen könnte, son­dern weil es für jeman­den und einen Text im Netz nahezu unmög­lich ist, einen Künst­ler zu nen­nen, dem bei aller vor­der­grün­di­ger Scham nicht zumin­dest im Lesen ein Trash-Label ver­lie­hen würde, attrak­tiv im Unat­trak­ti­ven, Pfos­ten, Pfos­ten, Tref­fer sozu­sa­gen, eine wirk­li­che Soli­da­ri­sie­rung im Pein­li­chen ist also kaum mög­lich.

Ich glaube, Robert Koch denkt keine Sekunde über solch ein Zeugs nach, und er hat Recht damit. Aber ich glaube eben auch, dass es keine selbst­ver­ständ­li­che Hal­tung ist, zu dem zu ste­hen, was man wirk­lich mag, und nicht zu zögern, es ver­meint­lich Wich­ti­ge­rem vor­zu­zie­hen, gänz­lich unab­hän­gig von der Außen­wir­kung. Pein­lich­keit, was sollte das über­haupt sein, und für wen und warum? Robert Koch hatte gewiss für keine Sekunde das Gefühl, mit solch einer Aktion zu irgend­et­was zu ste­hen, nicht mal zu sich selbst, der macht ein­fach das, was er gut und rich­tig fin­det, und die Klar­heit und Offen­heit, mit der er das tut, ist beein­dru­ckend.

Robert Koch schießt also zwei Tore und Bayer Lever­ku­sen aus dem Pokal, und dann freut er sich auf ein Kon­zert von Mat­thias Reim. Es kann so ein­fach sein. Groß­ar­tig.

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