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Silvesterball

Das mit Düs­sel­dorf war eine schöne Über­ra­schung. Der Groß­va­ter hatte uns den Wagen gelie­hen, damit der Enkel mal wie­der ins Rhein­land konnte. Der Groß­teil der Fami­lie lebt dort, er ver­misst die Stadt, die Men­schen, das andere Leben noch immer. Auch mir geht das so, ver­mehrt auch geschul­det der schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tion.

Der Mor­gen des letz­ten Tages war ver­reg­net, wir besuch­ten mei­nen Bru­der in Wers­ten. Seine Söhne sind sport­lich und ver­liebt in Knal­le­reien, ein Spa­zier­gang im Regen beglei­tet vom Kra­chen des umfang­rei­chen Arse­nals, Knal­ler in Pfüt­zen und Büschen, Papier­kör­ben, eine kleine Armee auf ihrem Weg über den Deich des rena­tu­ra­li­sier­ten Bachs, hin zur Uni­ver­si­tät. Der Große hatte einen Ball dabei, erin­nerte mich sofort an frü­her, als das meine Jog­gingstre­cke war, immer wie­der auch mit dem Ball am Fuß, das Füh­ren auto­ma­ti­sie­ren, ungleich anstren­gen­der als das ein­fach Ren­nen, die dau­er­hafte Kon­trolle frisst Kraft, und sie frisst Luft.

Das Ziel waren die Park­decks etwas abseits der Gebäude. Zwei Eta­gen, die obere getra­gen von Stel­zen, dar­un­ter alles um einige Grade dunk­ler, Graf­fitti an den Wän­den, ich kannte die­sen Ort, aber hatte das längst ver­ges­sen. Wir waren schon damals als Kin­der mit den Fahr­rä­dern hier unten gewe­sen, spä­ter mit Mofas, und um die Beton­säu­len gewe­delt, nun also wie­der und mit der nächs­ten Gene­ra­tion.

»Kannst du den Ball von hier dort hin­ten an die Wand schie­ßen, ohne den Boden oder die Decke zu berüh­ren?« Jens lächelte mich an, sie hat­ten das immer wie­der ver­sucht, es schien ein Ritual, der Ball wurde auf die Spitze eines der Rich­tungs­pfeile auf dem Boden gelegt, aus­rei­chend weit ent­fernt von der Wand, dass der Schuss zu einer Auf­gabe wurde.

Ich hatte lange nicht mehr vor einen Ball getre­ten, nun also am letz­ten Tag des Jah­res wie­der. Ich musste mich erst ein­mal eichen: Boden, Boden, Decke, Decken­lampe, Boden, nun sollte das gehen und tat­säch­lich ging es. »Gut«, meinte Jens. Er hatte mir das nicht zuge­traut, so schien es, und es freute mich, dass ich ihn über­ra­schen konnte, und mich. Neue Lust und neue Auf­ga­ben, den Ball links neben die Flucht von zwei Säu­len gelegt und dann der Ver­such, ihn rechts um die nächste Säule her­um­zir­keln, in den Raum zwi­schen die­ser und der fol­gen­den, erneut an die Wand; die­ser Tref­fer schon beim zwei­ten Ver­such, jetzt wäre Rasen schön, und ein Tor.

Auf dem Rück­weg haben wir einen wei­te­ren Ball geret­tet, er trieb unten im Bach und war irgend­je­man­dem auf dem Weg bis hier­hin ver­lo­ren gegan­gen, nun schmis­sen die Kin­der mit Kra­chern und Treib­holz nach ihm, um ihn an den erreich­ba­ren Rand zu drän­gen, eine Tape­zier­stan­gen­ver­län­ge­rung war dann die Lösung, sie hatte am Ufer gele­gen, es muss eine selt­same Geschichte sein, die sie an die­sen Ort gebracht hatte.

Auch das mit Würz­burg war eine schöne Über­ra­schung, denn die Dame, die so skep­tisch war, ob ich als »Hart­zvier­ler« auch in der Lage sein würde, den Flur vor die­ser ural­ten Woh­nung sau­ber zu hal­ten, hatte sich einen Ruck gege­ben, ein­tau­send hand­schrift­li­che Ergän­zun­gen zu ihrem Miet­ver­trag, aber tat­säch­lich auch diese letzte und wich­tigste, ihre Unter­schrift. Es sieht so aus, als würde ich mir kein Zelt kau­fen müs­sen. Und auch wenn da ganz viele Wenns sind und Abers, für den Moment fühlt es sich an, als könnte es auf­wärts gehen, nach die­sem ers­ten und wich­ti­gen Schritt.

Hier ist es stil­ler gewor­den und das wird auch noch ein biss­chen so blei­ben, denn die­ser Umbruch bin­det mich in der Rea­li­tät, für das Netz bleibt nur wenig Zeit und kaum Kraft. Sollte all das gelin­gen, wird das gewiss wie­der bes­ser wer­den, auf jeden Fall aber mehr.

Ich wün­sche ein gutes 2012!

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Uns, Uwe

Ich war schnel­ler am Ball, dann trat mir Uwe in die Beine. Das war nicht son­der­lich schlimm, aber selt­sam. »Was soll denn das?«, wir kann­ten uns aus einer Aus­wahl­mann­schaft und ich wusste, dass die­ser Tritt nicht im Eifer des Gefechts und schuld­los, son­dern sehr bewusst gesetzt war, und ich ver­stand es nicht. Nach dem Spiel spra­chen wir kurz, heute stan­den wir gegen­ein­an­der, da ist das eben so, wirk­lich kla­rer wurde mir nichts. Das ist bis heute so geblie­ben.

Eigent­lich müsste ich nun all die nach­voll­zieh­ba­ren Geschich­ten lis­ten, jene Bei­spiele der Schat­ten­sei­ten und Grau­zo­nen, die mich regel­mä­ßig rat­los zurück­las­sen, es geht um Spen­den und Ami­gos, Beste­chung und Betrug, Aggres­sion und Waf­fen­ge­walt, um Men­schen in Wirt­schaft, Poli­tik, Kir­che, Medien, aus allen Berei­chen der Gesell­schaft und eben auch des Sports, jene Men­schen, denen die Ahnung von dem, was rich­tig sein könnte, irgendwo auf dem Weg abhan­den gekom­men zu sein scheint. Ich müsste all diese Namen wie­der aus­kra­men aus jenen Berei­chen mei­nes Gedächt­nis­ses, die sich mei­ner Erin­ne­rung sper­ren, weil es mir eben nicht egal ist, und ich immer wie­der aufs Neue ent­täuscht bin, manch­mal wütend, immer aber des­il­lu­sio­niert und trau­rig. Ich ver­dränge diese Geschich­ten rela­tiv schnell, denn eine fort­lau­fende Beschäf­ti­gung damit ist viel zu anstren­gend, man kann noch so weit den­ken, eine schlüs­sige Erklä­rung bleibt uner­reich­bar, das frus­triert auf eine grund­le­gende Weise.

Das hat sich ein biss­chen geän­dert, seit ich Sejad Sali­ho­vić sah, wie er in ein und dem sel­ben Spiel ein ganz wun­der­vol­les Tor schoss, und sich nur Minu­ten spä­ter auf voll­kom­men absurde Weise nach einem Schub­ser zu Boden sin­ken ließ, die Hände im Schmerz vors Gesicht geris­sen. Sali­ho­vić ist nicht im Ansatz der Erste, in dem sich Genie und Wahn­sinn ver­ei­nen, und ob sol­ches Tun nun von der Hand Got­tes geführt wird oder einer ande­ren Instanz, ist voll­kom­men uner­heb­lich, und den­noch wol­len mir beide Sze­nen, Auf­stieg und Fall, nicht aus dem Kopf gehen, weil es nicht leicht ist, sie zusam­men zu den­ken, es ist die Dis­kre­panz, die mich ver­wirrt, und lang­sam begreife ich, woran das liegt: Diese bei­den Bil­der pas­sen nur dann nicht zusam­men, wenn man sie als nicht zusam­men­ge­hö­rig begreift.

Was Uwe also vor lan­ger Zeit nicht geschafft hat, das gelang Sali­ho­vić, zumin­dest glaube ich das, weil ich im Nach­den­ken über sein Spiel auf die ein­zig logi­sche Erklä­rung kam: Der Feh­ler liegt nicht bei ihm und allen ande­ren, er liegt nicht im Sys­tem oder den Men­schen, der Feh­ler liegt in mir, es ist meine roman­ti­sche Idea­li­sie­rung des guten Men­schen, des rich­ti­gen Spiels und Prin­zips. Ich habe schlicht ange­nom­men, dass es so etwas wie eine ver­nünf­tige Nor­ma­li­tät geben könnte, von der das Fal­sche und Fehl­ver­hal­ten vor allem Abwei­chun­gen sind, als wäre es so ein­fach … viel­leicht schon ein­fach, aber nicht so.

Son­dern so: All das ist nor­mal. Der Mensch ist nicht hei­lig, son­dern gelebte Rea­li­tät. Wir alle bewe­gen uns in einem wei­ten Rah­men an Mög­lich­kei­ten, und wir haben die freie Wahl von Hal­tung und Han­deln. Dass die­ser Rah­men immer wie­der und von allen mehr oder wenig aus­ge­nutzt wird, in unter­schied­li­chen Band­brei­ten und Inten­si­tä­ten ist vor allem: mensch­lich. Und meine innere Sehn­sucht nach dem Guten und Rich­ti­gen, nach der Ver­nunft und der Liebe, diese Sehn­sucht ist als eine Sehn­sucht ok, als das gedachte Kon­zept einer eigent­lich rich­ti­gen Rea­li­tät ist sie jedoch nicht nur unge­eig­net, son­dern unmensch­li­che Erwar­tungs­hal­tung und gelebte Gna­den­lo­sig­keit. Zum Jesus tau­gen wir alle nicht, und nicht zur Maria.

Sejad Sali­ho­vić ist also mein Spie­ler des Jah­res, Tor des Jah­res auf alle denk­ba­ren Wei­sen, und bemer­kens­wert ist ein­zig die zeit­li­che Nähe in der er das Spek­trum sei­nes Seins aus­ge­nutzt hat, die ihm eigene Band­breite. Es ist nicht der eine Sali­ho­vić der Rich­tige, oder der andere, son­dern all das ist er, und nur wenn ich das und ihn als zusam­meng­hö­rig begreife und nicht weg­denke, was mir nicht passt, wird es ver­ständ­li­cher: Er ist eben so, wir sind so, und ich.

Ich werde ver­su­chen, das als Rea­li­tät anzu­neh­men, auf ganz unzy­ni­sche Weise. Viel­leicht tut so ein Fuß­tritt wie der von Jones dann nicht mehr ganz so weh, viel­leicht ist das Gerede der Prä­si­den­ten nicht mehr ganz so uner­träg­lich, kann sein, ich werde es sehen.

Fro­hes Fest!

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Freundschaftsdienst

Das letzte Mal, dass ich Michael Preetz per­sön­lich gese­hen habe, ist schon etwas län­ger her. Damals spielte ich bei Turu, nach dem Trai­ning musste man sich Stein­chen roter Asche aus Schürf­wun­den krat­zen, die Bälle waren alt und schwer, die Klei­dung dys­funk­tio­nal, die Zei­ten den­noch nicht bes­ser. Sein Vater hatte uns trai­niert, ein enga­gier­ter Mann mit viel Sach­ver­stand und gro­ßem Selbst­be­wusst­sein, das er gerne mit uns teilte. Vater Preetz besaß die Fähig­keit, auf gesunde Weise zu moti­vie­ren, und es wun­dert mich nicht, dass sein Sohn spä­ter eine beacht­li­che Kar­riere als Spie­ler machte. Michael war deut­lich jün­ger als wir und spielte für einen ande­ren Ver­ein, aber einige Male trai­nierte er den­noch bei uns mit. Er konnte locker mit­hal­ten, ein biss­chen ärgerte uns das, aber ver­wun­dert waren wir nicht. Ich habe Vater und Sohn als freund­li­che, ehr­li­che und sehr natür­li­che Men­schen ken­nen­ge­lernt. Darin kann man sich täu­schen, schon klar, und den­noch will es mir schlicht nicht gelin­gen, Michael Preetz als einen Lüg­ner zu sehen.

Das letzte Mal, dass ich Mar­kus Bab­bel sah, war bei einem Pokal­spiel gegen Fürth, nur wenige Dinge sind mir aus die­sem Spiel in Erin­ne­rung geblie­ben. Die Ent­täu­schung über Hleb bei­spiels­weise, der in nur sehr weni­gen Sze­nen an den Men­schen erin­nerte, den ich aus den Fern­seh­über­tra­gun­gen gro­ßer Spiele kannte; Hitzl­sper­ger, der auf beklem­mende Weise schlecht spielte, wie erfro­ren, und in des­sen Hal­tung, Bewe­gung und Sein zu jeder Sekunde vor allem Resi­gna­tion spür­bar war, viel­leicht nicht ein­mal auf die­ses Spiel bezo­gen, son­dern eine viel grund­le­gen­dere, per­sön­li­che. Und ich erin­nere mich an eben die­sen Bab­bel in sei­nem schwar­zen, halb­lan­gen Man­tel, auch er wirkte selt­sam teil­nahms­los, und auch ohne dass ich ein Zuschauer gewe­sen wäre, der all das mit einer beson­de­ren Moti­va­tion betrach­tet hätte, so machte der Mann mich zuneh­mend wütend, ich kann das kaum erklä­ren, aber ich nahm vor allem war, dass er belei­digt schien, und eben das tat, was Kin­der tun, wenn sie so füh­len: Er zog sich zurück. Und er ließ die Ande­ren allein, im Stich, so kam es mir vor. Ob es tat­säch­lich so war, kann ich nicht sagen. Nur für mich fühlte es sich so an, mit einem Bier in der Hand, lecker, und ansons­ten ohne jedes siche­res Wis­sen.

An Jogi Löw musste ich den­ken, und an Bal­lack, als ich von den selt­sa­men Vor­gän­gen in Ber­lin hörte, dies­mal Preetz und Bab­bel und also wie­der zwei, von denen einer lügt. Wenn schon nicht offen und ein­deu­tig und gegen­über der Öffent­lich­keit, dann zumin­dest aber sich selbst gegen­über, indem er ver­drängt oder rela­ti­viert, was er im Sinne der Wahr­heit viel bes­ser erin­nern sollte. Ich weiß nicht – sowieso wis­sen in sol­chen Situa­tio­nen nur die Betei­lig­ten wirk­lich, was ist und was war – und ich habe den­noch ein scha­les Gefühl, denn ich glaube, dass in die­ser Ver­wir­rung unter­schied­li­cher Bot­schaf­ten ein drit­ter Mann das größte Pro­blem hat: Für Horst Heldt kommt die Ber­li­ner Tren­nung zur Unzeit, gerade jetzt, wo Huub Ste­vens die Mann­schaft zu neuen Erfol­gen führt, da ist es kaum denk­bar, dass sein Freund Bab­bel Nach­fol­ger wer­den könnte, es gibt schlicht kei­nen Anlass für einen Tausch. Gründe, das schon, aber ohne den pas­sen­den Anlass wird ein Wech­sel kaum zu ver­ar­gu­men­tie­ren sein.

Ste­vens konnte zuletzt aus pri­va­ten Grün­den nicht jedes Spiel vor Ort beglei­ten. Wenn das nun der Grund dafür wer­den sollte, dass er zurück­tritt, in bei­der­sei­ti­gem Ein­ver­neh­men, mit Abfin­dung und dem Ver­ständ­nis aller, und den Weg frei macht für Freund Bab­bel, dann würde mich das nicht über­ra­schen. Aber es würde mir nicht gefal­len. Um ehr­lich zu sein: Bei dem Gedan­ken an eine sol­che Kon­stel­la­tion habe ich sogar ein mul­mi­ges Gefühl. Man könnte es Ekel nen­nen.

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Chinatown Ballers

Fotos: Copy­right © 2011 by Dirk Anschütz (Home­page | Web­log)

Nach dem ers­ten Bild fol­gen wei­tere, auch eines von Matt Pen­rose, es ist der Mann mit der grauen Woll­kappe, sein Blick fokus­siert etwas außer­halb jenes Rah­mens, der sich dem Betrach­ter erschließt. Was auch immer es sein mag, man spürt sofort seine Fähig­keit, ein Ziel zu errei­chen; gleich­zei­tig nimmt man die Ambi­va­lenz wahr, die aus­rei­chend Fra­gen hin­ter den Deu­tun­gen offen lässt. So viel scheint klar: Der Mann liebt grau, und er liebt Fuß­ball. Matt Penorse ist Orga­ni­sa­tor von Group­stage, einer freien Fußball-Liga in New York, meist spie­len sie in Chi­na­town. Es gibt unter­schied­li­che Kate­go­rien, allen gemein­sam ist der Spaß. Und der Ernst.

Die­ser Zwei­klang ist Bild gewor­den in den Fotos von Dirk Anschütz. »Ich spiele seit über 13 Jah­ren Fuß­ball in New York«, sagt Dirk, und er erzählt von den Män­nern auf die­sen Fotos, es sind jene, die er als Mann­schafts­ka­me­ra­den kennt oder als Geg­ner, auf jeden Fall aber als Freunde und aus­rei­chend gut, dass er um die Posen weiß, in denen sich das für sie typi­sche zeigt. Bra­si­lien, Eng­land, Irland, Deutsch­land, USA, woher auch immer – in der »NY Soc­cer Com­mu­nity« tref­fen sich Men­schen im Spiel. »Ich kenne ihre Stär­ken und Schwä­chen auf dem Feld«, sagt Dirk, und sofort bin ich begeis­tert. Auch nei­disch, ein biss­chen, denn im Grunde ist es ja genau das, was ich mir wünschte, hier und für mich, und sowieso. Ich hatte immer geplant, wenn ich ein­mal ange­kom­men bin, mich einer der Grup­pen anzu­schlie­ßen, die hier um die Ecke auf dem gro­ßen Rasen spie­len, an unbe­stimm­ten Tagen, aber es kam nie dazu, ange­kom­men bin ich auch heute nicht. Viel­leicht hängt das zusam­men, weiß nicht, viel­leicht habe ich die Rol­len von Ursa­che und Wir­kung ver­tauscht.

Für mich jeden­falls klingt es nach einer idea­li­sier­ten Form des Fuß­ball­spiels, sie­ben gegen sie­ben auf Plät­zen, mit dem not­wen­di­gen Spaß, und dem Ernst den es braucht, für eine gute Begeg­nung. Viel­leicht steht das Kicken am Ende einer Folge von Din­gen, die rich­tig gemacht wur­den, schlüs­sig für einen Foto­gra­fen aus Deutsch­land, der irgend­wann weg­ging aus sicher bes­ten Grün­den, und der heute Fuß­ball spielt, in sei­ner Frei­zeit in New York, Chi­na­town, mit Men­schen aus allen Ecken der Welt, und mit Spaß, und mit Ernst.

Ich habe ein­tau­send Fra­gen.

Dirk Anschütz hat eine Home­page und ein Web­log, Groups­tage fin­det man hier.

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Daumenkino

Frü­her bin ich gerne nach mei­nem Vater auf die Toi­lette gegan­gen. Das klingt jetzt ein biss­chen selt­sam, ist es ver­mut­lich auch, aber ich musste an die­sen Geruch den­ken, vor­hin, denn mein Vater nahm immer seine Tages­zei­tung mit und es war vor allem die Druck­farbe, deren Duft sich noch lange hielt, und so waren die ers­ten wirk­lich gro­ßen aktu­el­len Fotos, die ich sah, immer auch mit einem Duft ver­bun­den, eben jenem der Tages­zei­tung mei­nes Vaters oder sei­ner Bücher, in denen manch­mal ver­ein­zelte, quiet­schen­den Hoch­glanz­sei­ten mit Abbil­dun­gen waren, die stren­ger rochen als jene der Tages­ak­tua­li­tät, immer jeden­falls waren Bil­der für mich mit Gerü­chen ver­bun­den.

Vor­hin, als ich mir all diese Bil­der von Lukas Podol­ski anschaute, musste ich also an mei­nen Vater den­ken und an seine Tages­zei­tun­gen, und es fiel mir zum ers­ten Mal auf, dass ich diese kör­per­li­che Ver­bin­dung zu den Abbil­dern ver­lo­ren habe auf ihrem Weg vom Ras­ter zum JPG, und dass sie mich nun auf eine ruhige und sehr ste­rile Weise anschauen, die Bil­der Podols­kis, und dass ich über­ra­schen­der­weise trotz der Unmög­lich­keit jeden Geruchs das Gefühl habe, es läge Tes­to­ste­ron in der Luft. Ich weiß nicht, ob man Tes­to­ste­ron über­haupt rie­chen kann, aber das macht nichts, denn es kommt auf jeden Fall an, ich kenne kaum einen zwei­ten Fuß­bal­ler, des­sen Fotos mich auf ver­gleich­bare Weise ein­schüch­tern. Das ist alles so vol­ler Kraft und Mus­keln und Ursprüng­lich­keit, dass es bei­nahe kör­per­lich spür­bar wird, wie anstren­gend es sein muss, gegen den Mann Fuß­ball zu spie­len. Oder sich mit ihm zu klop­pen. Absur­der­weise habe ich immer wie­der und gleich­zei­tig auch das Gefühl, dass da etwas Nai­ves und Schutz­be­dürf­ti­ges mit­schwingt, manch­mal, wenn er spricht, auf eini­gen Bil­der, dann ist da etwas Jun­gen­haf­tes, und es spricht das Väter­li­che in mir an.

Ich will mein Leben nicht dem sei­nen gegen­über­stel­len, aber auch ohne dass ich das tue ist klar, dass Podol­ski mich und meine väter­li­chen Impulse nicht braucht, der Mann ist stark, erfolg­reich und Mil­lio­när, und sicher all das zu Recht. Ich hatte die Fotos gesucht, weil ich eine Bild­mon­tage machen wollte: das Sta­dion der Köl­ner und in ihm Podol­ski, über­le­bens­groß her­aus­ra­gend, die Visua­li­sie­rung eines bana­len Gedan­kens, es liegt ja alles so nahe. Auch die Schal­ker Ver­su­che, den Mann teuer zu machen, ein biss­chen Unruhe in die köl­ner Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten hin­ein­zu­brin­gen, wird schon Sekun­den spä­ter durch Dut­zende Texte beglei­tet, für einen Moment dachte ich dar­über nach, dass es viel­leicht inter­es­sant sein könnte, in eine Lücke hin­ein­zu­schrei­ben und dar­über, dass Podoslki viel­leicht sauer auf diese Ver­su­che sein könnte, mit Recht, weil sie im Grunde vor allem seine Ruhe stö­ren, und ihm viel­leicht die not­wen­dige Frei­heit neh­men, eine für ihn rich­tige Ent­schei­dung zu tref­fen. Aber das ist viel­leicht auch Unsinn und sowieso längst über­holt, jetzt der Klopp mit sei­nem selt­sa­men Gerede über den Spie­ler der Ande­ren, die Ant­wort des Spie­lers, die Ent­schul­di­gung Watz­kes, Becken­bauer klingt ein, Net­zer, ich komme in der Rezep­tion kaum mehr nach, Nach­hol­spiel, Unent­schie­den.

In die­sen Tagen bin ich zu lang­sam für den moder­nen Fuß­ball.

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[the] green soccer journal

Ich bin ver­lo­ren. Ich habe erst ein biss­chen dort drü­ben her­um­ge­klickt, noch kei­nen Meter gele­sen, auch die Filme nur begon­nen, aber im Grunde brau­che ich all das auch nicht um mich auf den aller­ers­ten Blick zu ver­lie­ben: »[the] green soc­cer jour­nal« ist ein Fuß­ball­ma­ga­zin, das von einem eng­li­schen Design­stu­dio gemacht wird, mit rich­ti­gen Foto­gra­fien, hin­rei­chend selt­sa­men Tex­ten, und einer Gestal­tung, die ich schon auf der aller­ers­ten Seite hin­rei­ßend finde, das alles hat mich sofort gefan­gen genom­men. Zwar kann ich über die Texte im Grunde noch gar nichts sagen, aber es muss ein­fach so sein, dass sie groß­ar­tig sind, und dass The­men und Worte am Rande des Gewohn­ten lie­gen, das geht ja gar nicht anders, all das sieht ein­fach so rich­tig aus, dass ich mir das anders nicht vor­stel­len kann.

In ande­ren Zei­ten eines ande­ren Lebens wäre die­ses Maga­zin auf mei­nen ers­ten flüch­ti­gen Blick hin sehr nahe gewe­sen an dem, was ich selbst gerne gemacht hätte. Zwar ist mir bewusst, dass Deutsch­land viel­leicht nicht der rich­tige Ort dafür ist, und viel­leicht Fuß­ball nicht das rich­tige Thema, aber ich habe mir nie etwas dar­aus gemacht, was das nahe­lie­gend Rich­tige wäre. Was sicher eine gute Erklä­rung ist für vie­les, was in mei­nem Leben geschieht. Ein sol­ches Heft jeden­falls geschieht nicht, nicht hier und nicht von mir, und sicher ist das auch gut so. Aber ich habe es wenigs­tens gese­hen, vor­hin, und ich habe eine Gän­se­haut bekom­men, weil es mir bei­nahe scheint wie die Erin­ne­rung aus einem ande­ren Sein.

Anders gesagt: Das »green soc­cer jour­nal« gefällt mir sehr.

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