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Seitenwechsel

Vor einigen Stunden unterhielt ich mich mit einer Freundin über den Anspruch einer authentischen Haltung in der Kommunikation, es ging um Privates und griff dann über auf die kommunikativen Aspekte der Kunst, das Schauspiel oder die Musik, das gesprochene Wort oder das Schreiben als jenen Aspekt, der mir am nächsten ist. Es ist mir mittlerweile entglitten, das Schreiben, und nicht mehr normaler Teil meines Alltags, aber gerade im Schreiben nahm ich jenen Unterschied immer besonders deutlich wahr, zwischen einer rein technischen Herangehensweise und dem Ringen um ein wahrhaftiges Fühlen und Denken und dem Anspruch, diesen Zustand auch in eine Form des Lesens zu retten, das bei jenem unbekannten Gegenüber zu einem vergleichbaren Zustand führt, Schreiben als so etwas wie ein Vehikel für Seinszustände.

Das Bewusstsein der Rahmenbedingung beeinflusst die eigene Haltung, es verändert das Sein, und einer der schwierigen Aspekte des Schreibens besteht in dem Ringen um Emanzipation von diesem Bewusstsein. Das gelingt nicht immer, auch gibt es keinen ruhigen Ort am Ende eines wie auch immer gegangenen Weges, an dem man sich sicher sein kann – all das ist ein fortwährender Prozess, und der Befreiung des einen Moments folgt einer erneuerter Zustand, dem man erneut auch misstrauisch begegnen muss, wie sich selbst.

Daran musste ich denken, und an die dahinter lauernden Verwirrungen, als ich vorhin Ollivier Pourriol und Raphaël Enthoven zuhörte, wie sie über Fußball sprachen, und über die wechselseitige Beeinflussungen von Spiel und Spielern, Zuschauern, Medien, und für mich besonders neu und beeindruckend auch darüber, wie die Darstellung von Fußball seine Entwicklung beeinflusst.

Sehenswert und inspirierend: Philosophie: Fußball auf arte.

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Malzbierabend
Samstag, 17. November 2012, Zum Scheuen Reh

Das Scheue Reh hat Vitamalz, das ist gut. Am kommenden Freitag werde ich nämlich meinen Sohnemann von der Schule abholen, und wir werden uns auf den Weg machen in Richtung Düsseldorf, und am Abend darauf nach Köln fahren. Dort findet ein Diskussionsabend der Aktion Libero statt, Ronny Blaschke wird da sein, Jan F. Orth, Andreas Stiene, Dirk Leibfried, und sie alle werden mit Alex Feuerherdt reden, über Fußball, Homosexualität und die Rolle der Medien. Ich werde zuhören, gemeinsam mit meinem Sohn.

Er ist ja auch von Anfang an dabei, mein Sohn, und hatte damals das Bild gezeichnet zu meinem Artikel. Noch heute macht es mich Lächeln, wenn ich mich daran erinnere, mit welcher Leichtigkeit er die Schwierigkeiten einer ihm vollkommen fremden Lebenssituation begriffen hatte, deren Verständnis manch einem auf immer verschlossen bleibt. Er liebt Malzbier, mein Sohn. Und ich liebe ihn.

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Looser
FC Bayern vs. Chelsea FC (4:5)

Auch ich habe nichts Neues gedacht. Hätte man an jenem Tag die Hirne Deutschlands mit Lautsprechern versehen, die Straßen wären auch nach dem Spiel noch erfüllt vom Gleichklang der Eindrücke, warum nur hat Gomez gerade heute einen seiner Stumpfußtage gehabt; wie kann man Robben seine Egozentrik so uneingeschränkt durchgehen lassen; oh Himmel, wie kann Heynckes den Müller auswechseln; ausgerechnet Pfosten, Vollpfosten, ausgerechnet im Elfmeterschießen fehlen die Nerven; und ja, natürlich, dieses Eckenverhältnis!, diese Chancen!, wenn man drölf Chancen auslässt und das eine Ding fängt, dann hat man es eben nicht anders verdient; und so weiter und so fortgeschrieben in den Blogs und Gazetten, wir wissen es alle und besser, es gibt viele Gründe für diese Niederlage. Und keinen.

Denn all das ist Unsinn. Mit gutem Recht hätte man einen hohen Sieg dieser Bayernmannschaft mit dem gleichen Blick erklären können, was fehlte, ist nicht in den Fakten zu finden – nicht in der Taktik, nicht im Coaching, nicht in persönlichem Unvermögen, was sollte das schon bringen, den um zwei Millimeter falsch stehenden Fuß als den letzten Grund dingfest machen zu können? In kaum einem zweiten Spiel sprach die erlebte Realität so sehr gegen das Resultat, ließen Ergebnis und Analyse so ratlos zurück. Jeder hat das Offensichtliche sehen können und gleichzeitig keinen der guten Gründe auch als einen solchen gefühlt, das Gefühl von Erkenntnis blieb aus und mit ihm auch der letzte Rest von Befriedigung.

Vielleicht ist es das, was die Sache so seltsam schmerzhaft macht: Das sichere Wissen um die Unsinnigkeit einer Spurensuche und das quälende Gefühl der Schicksalhaftigkeit. Es war … Pech, oder anders und mit Trainer Baade gesagt … Fußball. Man könnte auch sagen: Leben. Denn das kennt man ja, diese Momente der Unabwendbarkeit, die hilflose Suche nach Gründen, das Hadern und den Schmerz. Die stille Sehnsucht, dass es irgendeine Erklärung geben muss für das, was geschah, denn jede Erklärung, sei sie auch noch so Beleg für eine vertane Gelegenheit, gäbe ja immerhin das Gefühl, dass nichts von alldem zwingend gewesen ist. Das würde helfen, denn nur mit einer guten Erklärung hätte es anders kommen können.

An solch einer Idee halten wir fest, denn alles andere würde bedeuten, dass wir am Ende allen Wissens und Denkens tatsächlich: ausgeliefert sind. Natürlich sind wir das auch, aber sich das alltäglich vor Augen halten, wäre kaum zu ertragen. Und so werden wir weiter nach Gründen suchen für diese und jenes, und das Leben wird uns weiterhin Grenzen aufzeigen. Jede Sehnsucht nach totaler Kontrolle wird unerfüllt bleiben – wir können alles versuchen, vieles schaffen, mehr nicht. Was nicht sein soll, das wird nicht geschehen; das Schicksal lehrt uns Demut. Das tut ein bisschen weh, aber es ist ohne Alternative.

Locker bleiben.

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Oben ohne

Fortuna Düsseldorf 1895, Heimtrikot – nicht 2012 oder 13, nicht irgendwann.

Diese vielen neuen Nationaltrikots, wie sie auf Tumblr und anderswo zu sehen sind, die sind ja auch deshalb so schön, weil sie nicht Hintergrund für Sponsorenbotschaften sein müssen. Man kann sich vorstellen, welche Qual es hingegen für Designer sein muss, diese ungewollten Hauptdarsteller auf den Trikots für den Alltag der Ligen einkalkulieren zu müssen.

Der erste, der sich ein Herz nähme und Verzicht übte, es vielleicht bei einem kleinen Hinweis beließe und dennoch das große Geld gäbe, dieser Sponsor hätte meine volle Sympathie.

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»Am Ende setzt sich Qualität immer durch«
Interview: Max-Jacob Ost

Foto: Copyright © 2012 Max-Jacob Ost

Max-Jacob Ost hat Germanistik, BWL und Politik studiert, arbeitete als freier Journalist für 11Freunde und wechselte später zu SPOX um dort eine User-Redaktion aufzubauen, Mitte 2010 wurde er Leiter der Community und verantwortlich für Social Media. Eine seiner Motivationen ist, die Distanz zwischen konventionellen Medien und dem freien Netz zu verringern, Interaktion zu fördern, die Grenzen zwischen Aktion und Rezeption zu verwischen, seine Vorstellung von einem kooperativen Umgang wird in all dem deutlich. Die »Blogschau« war lange Ausdruck dieser Einstellung, zuerst bei 11Freunde und später bei SPOX hat er hier wöchentlich die aus seiner Sicht auffälligsten Texte aus der Szene der Sportblogs vorgestellt, Neuentdeckungen präsentiert, eine Plattform geschaffen für »das Gute und Interessante da draußen«. Jetzt ist Schluss, die Blogschau wird eingestellt. Und das hat Gründe.

freitagsspiel: Die Blogschau gab es schon bei 11Freunde, deiner ersten Station im Sportjournalismus. Wie ist dieses Format entstanden?

Max-Jacob Ost: Ich habe irgendwann im Jahr 2007 die Sportblogosphäre für mich entdeckt und war sehr positiv überrascht von ihrer Vielfalt und Qualität. Gleichzeitig bekam ich mit, dass auch andere Journalisten in den Blogs lasen, sich teilweise auch von den dort gesetzten Themen inspirieren ließen. Doch trotzdem wurde den Bloggern nirgendwo außerhalb ihres Kosmos eine Plattform geboten. Das hat mich ein bisschen geärgert und gleichzeitig angespornt, selbst ein Format auszuprobieren. Die Form der Blogschau musste sich dann im Laufe der Zeit noch finden. Das Ziel war aber immer dasselbe: Jenen Lesern die Blogosphäre näher zu bringen, die sie noch nicht kannten oder zu schätzen wussten.

Das scheint gelungen zu sein, zumindest wenn ich die Auswirkungen auf mein Blog betrachte – mit jeder Erwähnung steigen auch die Zugriffszahlen sprunghaft an . Wöchentlich stellst du eine Auswahl jener Texte zusammen, die dir bemerkenswert erscheinen, die »trending Topics« ahnend, aber immer wieder auch mit interessanten, bisher unbekannten Blogs; wählst repräsentative Textpassagen aus; ergänzt die Vorstellungsrunde um zusätzliche interessante Links: Das klingt nach einer Menge Arbeit. Wie läuft denn ein solcher Prozess ganz praktisch ab? Wieviele Weblogs musst du lesen, um das leisten zu können? Und – findest du überhaupt noch die Zeit, Sportblogs mit Genuss zu lesen?

Da steckt tatsächlich eine Menge Arbeit dahinter. Stand heute habe ich rund 500-600 Sportblogs in meinem Feed-Reader, wobei ich anders als noch vor einem Jahr nun nicht mehr gezielt nach neuen Blogs suche. Durch mein Studium (u.a. Germanistik) bin ich recht gut im Querlesen, trotzdem hat eine Blogschau Minimum vier bis fünf Stunden gedauert. Die ersten zwei Jahre habe ich mir immer noch einen ganzen Tag Zeit für die Blogschau „gegönnt“, später war das leider einfach nicht mehr machbar. Tatsächlich hat der Genuss am Lesen durch diese wöchentliche Tortur sehr gelitten. Eine Zeit lang habe ich nicht einmal meinen persönlichen Favoriten-Ordner mit rund 100 Blogs unter der Woche geöffnet. Der Zwang, gute Blogbeiträge sofort zu speichern und Passagen zu extrahieren hat mir ein bisschen den Spaß verdorben. Im Grunde dasselbe Problem, das viele Germanistik-Studenten auch haben: Wenn Lesen zu Arbeit wird, fehlt manchmal der Antrieb. Aber letztlich ist das Jammern auf hohem Niveau.

Ein Format, das du selbst entwickelt und über Jahre gepflegt hast, der wachsende Aufwand, die Belastung für das Alltägliche, jetzt ziehst du die Reißleine: Es klingt ein bisschen nach einer Liebesgeschichte mit unglücklichem Ausgang. Wie kam es zu dem Entschluss, die Blogschau einzustellen – ist deine Entscheidung redaktionsinternem Druck geschuldet oder allein der (verständlichen) Erschöpfung? Beinahe 600 Sportblogs, da würde mich das Querlesen schon nach ein paar Tagen überfordern …

Nein, aus der Redaktion gab es keinerlei Druck. Die Entscheidung lag allein bei mir. Was zum Einstellen der Blogschau geführt hat, kann vermutlich auf eine kurze Formel reduziert werden: Der Aufwand stand irgendwann in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag. Und hier spreche ich nicht von Klicks, sondern vor allem von Aufmerksamkeit für die Blogosphäre. Ich hatte den Eindruck, dass trotz der prominenten Bühne immer weniger Leser tatsächlich in die Blogosphäre ausschwärmten, das heißt die angerissenen Artikel auch in den Blogs komplett lasen. Vielleicht gewöhnt sich der User zu sehr an den Service, den Kern eines Blogartikels über ein Zitat serviert zu bekommen und muss durch »lückenhaftere« Zitate mehr zum Klick gezwungen werden. Das allerdings hätte die Zitatauswahl noch aufwendiger gemacht und dem Sinn der Blogschau in Teilen widersprochen.

Darüber hinaus war die Blogschau ja sicher auch als ein Instrument gedacht, Sportblogger und Spox näher aneinander rücken zu lassen. Sowieso: 11Freunde verweist auf Texte in Blogs, hat zum Saisonauftakt ein Sonderheft herausgebracht, das auch Sportblogger zu Worte kommen ließ; Ihr bei Spox habt die letzten größeren Gemeinschaftsaktionen der Sportblogger – Aktion Libero und Wahl des Sportbloggerbeitrags des Jahres 2011 – aktiv und umfassend unterstützt; von kicker und Sportbild kenne ich hingegen keine vergleichbaren Ansätze. Und trotz der genannt positiven Beispiele ist es, so nehme zumindest ich es wahr, auch nach Jahren nicht zu einer natürlicheren Kultur der Kooperation gekommen zwischen professionellen Publikationen und der eher privaten Bloggerei. Ist das auch dein Eindruck, und wenn ja – woran könnte das liegen? Sind Sportblogger zu egozentrisch? Oder schließt sich ein enges Miteinander sogar aus, wenn Professionalität und privater Enthusiasmus aufeinandertreffen? Mit der Blogschau entfällt die stärkste Brücke zwischen den Welten, zwischen professionellem Medium und der »freien« Bloggerei. Ihr bei Spox hattet schon früh ein System geschaffen, dass es Nutzern ermöglicht, Texte zu publizieren: Mit dieser Community wurde quasi eine Blogosphäre innerhalb des euch eigenen Systems geschaffen. Strategisch ist das ein nachvollziehbarer Ansatz, Klicks und Seitenaufrufe bleiben »in der Familie«, ist das gleichzeitig auch ein Gegenentwurf zur anscheinend unmöglichen natürlichen Vernetzung?

Nein, ein Gegenentwurf ist das nicht. Im Gegenteil: Über mySPOX wurden User zu Bloggern, die bestimmt nie im Leben daran gedacht hätten, über ihre Leidenschaft zu schreiben. Was wir letztlich machen, ist die Einstiegshürde zu minimieren. Wer bei uns mit dem Bloggen beginnt, bekommt Feedback von erfahrenen Schreibern, frühe Erfolgserlebnisse mit vielen Klicks und sehr konstruktive Kritik der User. Sprich: Viele Probleme, die andere Blogger beim Aufbau eines Blogs haben, werden bei SPOX minimiert bzw. sind gar nicht vorhanden. MySPOX ist deshalb eher eine Ergänzung zur Blogosphäre im Gesamten, was sich ja auch daran zeigt, dass viele SPOX-Power-Blogger inzwischen hervorragend in der Blogosphäre vernetzt sind und zum Teil auch außerhalb von SPOX bloggen. So wie einige Blogger auch schon bei SPOX geschrieben haben (siehe z.B. im Rahmen des »Gastblog des Monats« in der FCB-Gruppe).

Die Vernetzung von Medien und Blogosphäre ist ein anderes Thema. Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie sollte diese Vernetzung in einer idealen Welt eigentlich aussehen? Ich glaube, dass beide Seiten keine konkrete Idee für eine Zusammenarbeit haben oder haben wollen. Inhaltlich können die Sportblogger die Nische der meinungsstarken und basisnahen Stücke besetzen, die dem klassischen Sportjournalisten nicht immer offen steht. Große Teile der Sportblogosphäre erschöpfen sich aber in »klassischer« Berichterstattung mit Vorschauen und Analysen. Das ist auch vollkommen in Ordnung und kann einen Mehrwert bieten – aber eben keinen, der für andere sportjournalistische Medien relevant ist. Ich glaube deshalb, dass eine fruchtbare Kooperation meist nur zu einzelnen Themen sinnvoll (damit meine ich: für beide Seiten gewinnbringend) funktioniert. Auch weil die Skepsis beiderseits noch sehr groß ist.

Das mit der Skepsis nehme ich ähnlich wahr, wenn ich auch kaum eine Idee davon habe, woran das liegen könnte: Was mich selbst betrifft, habe ich das Gefühl, dass klassische Medien das, was ich tue, kaum wahrnehmen und wenn überhaupt, dann mit einem wohlwollenden Lächeln bedenken – ja, ganz schön, »für einen Laien« schwingt da immer ein bisschen mit. Ein diffuses Misstrauen, vielleicht auch ein bisschen Trotz, das fühle ich also auch, selbst wenn all das ganz anders sein sollte … Nun also meine letzte und wichtige Frage, und soweit Du selbst es realisieren und absehen kannst: Ist das mit der Blogschau eine notwendige Pause, oder ist es ein tatsächliches Ende?

Ich weiß nicht, ob man dieses „diffuse Misstrauen“ so pauschalisieren kann und insgesamt deine Einschätzung der Wahrnehmung von Bloggern richtig ist. Sicherlich ist die Position gegenüber den Bloggern von Journalist zu Journalist genauso verschieden wie es innerhalb der Blogosphäre auch gegenüber den Medien ist. Fest steht in meinen Augen aber: Am Ende setzt sich Qualität immer durch und erfährt auf lange Sicht meist auch die Würdigung, die sie verdient hat. Wer gute Texte schreibt, braucht sich nicht zu verstecken. Das gilt für Journalisten wie Blogger gleichermaßen. Klar ist aber auch: Da die Medien über eine selbst geschaffene Plattform mit hoher Aufmerksamkeit verfügen, wird es ihnen immer leichter fallen im Lärm der Foren, Blogs, Medien und Vereinshomepages aufzufallen. Blogger müssen für ihre Anerkennung härter kämpfen. Da es den meisten Bloggern aber vollkommen zurecht weniger um Anerkennung als um die Sache geht, ist das weniger dramatisch als es sich vielleicht anhört.

Um auf die Blogschau zurück zu kommen: Ich glaube nicht, dass die SPOX-Blogschau für immer begraben ist. Von monothematischen Blogschauen bis zu selbstständig von den Bloggern erstellten Zusammenfassungen ist viel möglich. Ich bin sicher, der Einfluss von Blogs auf die Medien wird langfristig steigen.

Vielen Dank, Max-Jacob Ost!

Max-Jacob Ost findet man bei Spox, als @GNetzer bei Twitter und auf Facebook.

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Silvesterball

Das mit Düsseldorf war eine schöne Überraschung. Der Großvater hatte uns den Wagen geliehen, damit der Enkel mal wieder ins Rheinland konnte. Der Großteil der Familie lebt dort, er vermisst die Stadt, die Menschen, das andere Leben noch immer. Auch mir geht das so, vermehrt auch geschuldet der schwierigen Lebenssituation.

Der Morgen des letzten Tages war verregnet, wir besuchten meinen Bruder in Wersten. Seine Söhne sind sportlich und verliebt in Knallereien, ein Spaziergang im Regen begleitet vom Krachen des umfangreichen Arsenals, Knaller in Pfützen und Büschen, Papierkörben, eine kleine Armee auf ihrem Weg über den Deich des renaturalisierten Bachs, hin zur Universität. Der Große hatte einen Ball dabei, erinnerte mich sofort an früher, als das meine Joggingstrecke war, immer wieder auch mit dem Ball am Fuß, das Führen automatisieren, ungleich anstrengender als das einfach Rennen, die dauerhafte Kontrolle frisst Kraft, und sie frisst Luft.

Das Ziel waren die Parkdecks etwas abseits der Gebäude. Zwei Etagen, die obere getragen von Stelzen, darunter alles um einige Grade dunkler, Graffitti an den Wänden, ich kannte diesen Ort, aber hatte das längst vergessen. Wir waren schon damals als Kinder mit den Fahrrädern hier unten gewesen, später mit Mofas, und um die Betonsäulen gewedelt, nun also wieder und mit der nächsten Generation.

»Kannst du den Ball von hier dort hinten an die Wand schießen, ohne den Boden oder die Decke zu berühren?« Jens lächelte mich an, sie hatten das immer wieder versucht, es schien ein Ritual, der Ball wurde auf die Spitze eines der Richtungspfeile auf dem Boden gelegt, ausreichend weit entfernt von der Wand, dass der Schuss zu einer Aufgabe wurde.

Ich hatte lange nicht mehr vor einen Ball getreten, nun also am letzten Tag des Jahres wieder. Ich musste mich erst einmal eichen: Boden, Boden, Decke, Deckenlampe, Boden, nun sollte das gehen und tatsächlich ging es. »Gut«, meinte Jens. Er hatte mir das nicht zugetraut, so schien es, und es freute mich, dass ich ihn überraschen konnte, und mich. Neue Lust und neue Aufgaben, den Ball links neben die Flucht von zwei Säulen gelegt und dann der Versuch, ihn rechts um die nächste Säule herumzirkeln, in den Raum zwischen dieser und der folgenden, erneut an die Wand; dieser Treffer schon beim zweiten Versuch, jetzt wäre Rasen schön, und ein Tor.

Auf dem Rückweg haben wir einen weiteren Ball gerettet, er trieb unten im Bach und war irgendjemandem auf dem Weg bis hierhin verloren gegangen, nun schmissen die Kinder mit Krachern und Treibholz nach ihm, um ihn an den erreichbaren Rand zu drängen, eine Tapezierstangenverlängerung war dann die Lösung, sie hatte am Ufer gelegen, es muss eine seltsame Geschichte sein, die sie an diesen Ort gebracht hatte.

Auch das mit Würzburg war eine schöne Überraschung, denn die Dame, die so skeptisch war, ob ich als »Hartzvierler« auch in der Lage sein würde, den Flur vor dieser uralten Wohnung sauber zu halten, hatte sich einen Ruck gegeben, eintausend handschriftliche Ergänzungen zu ihrem Mietvertrag, aber tatsächlich auch diese letzte und wichtigste, ihre Unterschrift. Es sieht so aus, als würde ich mir kein Zelt kaufen müssen. Und auch wenn da ganz viele Wenns sind und Abers, für den Moment fühlt es sich an, als könnte es aufwärts gehen, nach diesem ersten und wichtigen Schritt.

Hier ist es stiller geworden und das wird auch noch ein bisschen so bleiben, denn dieser Umbruch bindet mich in der Realität, für das Netz bleibt nur wenig Zeit und kaum Kraft. Sollte all das gelingen, wird das gewiss wieder besser werden, auf jeden Fall aber mehr.

Ich wünsche ein gutes 2012!

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